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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Ihr Motzer da draußen

Eine Kolumne von

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Corbis

Frauenbild: Irgendwann müssen gesellschaftliche Probleme die Phase der Diskussion verlassen

Muss man immer noch über Feminismus diskutieren? Und über den Sinn von Impfungen? Oder zeigen diese Debatten bloß, dass eine demokratische Gesellschaft nur so intelligent ist wie ihre dümmsten Mitglieder?

In der "Welt" diskutieren Mitarbeiter in Serie über den Feminismus, ein Wort, das ich auch nicht mehr lesen oder hören kann, ohne dass mir die Knie einschlafen. Als ob man seit 50 Jahren darüber redete, ob LehrerInnen Kinder schlagen dürfen oder nicht. Irgendwann müssen gesellschaftliche Probleme in einer demokratischen Welt die Phase der Diskussion verlassen und politisch zu Gesetzen werden, anders scheint mitunter keine Entwicklung möglich.

Das Impfen, Sie erinnern sich? Rückkehr zu Masern, Mumps und Keuchhusten, es ist ja auch sonst nichts los. Ich wagte im Freundeskreis, den ich nicht besitze, jüngst die These, dass es westlichen Eltern bald gelingen würde, in eben den westlichen Ländern auch die Kinderlähmung wieder einzuführen. Zum Wohle aller. Ich komme noch aus einem Jahrhundert (zwei Kriege habe ich erlebt), als Kinder mit Geh-Schienen im öffentlichen Raum normal waren. Es lehrte uns Kinder Demut. Vielleicht scheint das Impf-KritikerInnen erstrebenswert.

These zwei: Es geht nicht um den Kampf gegen die Pharmalobby oder die Reptiloiden, sondern um ein wirksames Erziehungsmittel: Kindern Angst zu machen, indem man dem Kind schreckliche Schicksale zeigt, ist hilfreicher als Themen auszudiskutieren.

Oder, These drei, zeigt sich am Impfbeispiel eine der Schwachstellen der Demokratie? Ist eine demokratische Gesellschaft nur so intelligent, wie ihre dümmsten Mitglieder?

Zieht sich der Graben zwischen Mitbestimmung, Freiheit und Macht der gewählten Regierung da, wo es um die Gewinnmaximierung des kapitalistischen Systems geht? Oder genau dort, wo die Meinungsfreiheit in Hetze umschlägt, oder die persönliche Freiheit die geistige und körperliche Gesundheit der Anderen gefährdet, kurz: sich Einfalt gegen das Gemeinwohl wendet?

Wie kann man sich gegen scheinbaren Unsinn wehren, ohne sich als Volldepp zu outen und mit Pappschildern Wilders Ausführungen beizuwohnen? Und wie kann man dafür sorgen, dass die Bevölkerung eines Landes einen ähnlichen Grad an Bildung und Verantwortungsbewusstsein erreicht um ihren demokratischen Pflichten in einer Weise nachzukommen, die nicht nur auf den eignen Vorteil bedacht ist? Muss jeder in eine Partei eintreten, um seine Idee, wie ein Land regiert werden sollte, durchzu-, sagen wir, sitzen? Vertraut man auf die Eigenverantwortung, und ignoriert so etwas wie Angst und Dummheit wegen Uninformiertheit?

Wie sollte der Staat beschaffen sein, in dem sie gerne leben, möchte ich alle fragen, die die westlichen Staaten ablehnen, die gegen "die da oben" wettern, die von Bullen reden und zugleich nach mehr Polizei rufen. Die ihre Kinder nicht impfen lassen, aber schreien, wenn sich das Kind in einer Kita ansteckt, und sei es mit Läusen. Was wollt ihr und wie soll das aussehen? Ihr Motzer da draußen.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 163 Beiträge
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1. Juchu
EMU 18.04.2015
Endlich mal jemand, der sich traut, die Frage aller Fragen zu stellen: "Was wollt ihr?" Dieses Jahr lautete die Antwort bisher wohl "eine Handvoll eingeschmissene Scheiben bei der EZB". Mal sehen, was bei der Impfaktion rauskommt. Ich bin dafür, dass die Herstellung und Erhaltung der eigenen Demokratiefähigkeit (d.h. die mentale Fähigkeit, die "Herrschaft des Volkes" auch kompetent und verantwortungsvoll auszuüben) zur normalen staatsbürgerlichen Pflicht wird, deren Verletzung geahndet wird, z.B. durch zeitweisen Entzug der staatsbürgerlichen Rechte wie dem Wahl- oder Demonstrationsrecht.
2.
mellus 18.04.2015
Zitat:"Wie sollte der Staat beschaffen sein, in dem sie gerne leben, möchte ich alle fragen, die die westlichen Staaten ablehnen, die gegen "Die da Oben" wettern, die von Bullen reden und zugleich nach mehr Polizei rufen. Die ihre Kinder nicht impfen lassen, aber schreien, wenn sich das Kind in einer Kita ansteckt, und sei es mit Läusen. Was wollt ihr und wie soll das aussehen? Ihr Motzer da draußen." Zitatende. Ja was denn nun, wollen Sie uns denn doch wieder zur Diskussion über längst diskussionsbeendete Themen aufrufen? Wie Sie im ersten Absatz richtig bemerken, "irgendwann ist gut". Das schreibt Ihnen jemand, der, als Kind1 Jahr an Poliomyelitis erkrankt, so gerade an der Gehhilfe vorbeigerutscht ist.
3. Klasse
yhz 18.04.2015
Es vgibt immer wieder Kommentatoren, die nichts verstanden haben (vgl. 2.). Leute, die selbst aus einer soclhen Krankheit, offensichtlich ohne bleibende Schäden, herausgekommen sind, sollten klare Kante zeigen. Die Impfdiskusion ist noch längst nicht abgeschlossen, solange Ignoranten vorhanden sind, welche die brutalen Fakten einer solchen Erkrankung leugnen und das Impfrisiko gänzlich überbewerten. Außerdem geht es der Kommentatorin nicht nur um die Impflücke, sondern um das allgemeine gesellschaftliche Problem. Die Zwiespältigkeit unserer Gesellschaft. Einerseits sind, wie in dem Beispielsfall, die Eltern gegen das Impfen und auf der andferen Seite gebärden sie sich als Helikoptereltern. Es gab gerade das Problem in den nordamerikanischen Nachrichten, dass Eltern strafrechtlich verfolgt werden sollten, weil sie ihre Kinder allein haben von der Schule nach Hause haben laufen lassen - 8 und 10 Jahre alt -. Die Distanz betrug wohl nicht mal einen Kilometer. Um diese Problematik geht es. Allgemien Lebensrisiken, welche sehr geruing siond, werden überwertet und wirklich vermeidbare Risiken, die sichj zu einert Epidemie ausweiten können und extrem risikolos ausgeschlossen werden können, werden völlig überbewertet.
4. Danke, Frau Berg
peroxyacetylnitrat 18.04.2015
Ich tendiere zu these drei. erschreckend ist immer wieder, dass viele Leute ihre Dummheit und ungebildetheit zelebrieren und trotzdem meinen, zu allem eine Meinung haben zu müssen (bevor mir das jetzt jemand vorwirft, nein, ich denke selbst nicht dass ich mich bei allem auskenne und haue deswegen auch nicht bei jedem Thema meine unreflektierte Meinung raus...). Wer sich da versucht etwas zu informieren und eine Meinung zu bilden, die aus mehr aus Boulevardschlagzeilen besteht, weil er die einfachen populistischen antworten nicht für sinnvoll hält, wird gerne mit Sätzen wie "du denkst zu viel" abgekanzelt. aber ich glaube das war mehr oder weniger schon immer so, leider...
5. Schwarmintelligenz
josch11 18.04.2015
"Ist eine demokratische Gesellschaft nur so intelligent, wie ihre dümmsten Mitglieder?" - Die Antwort aus der Sicht eines in der Prävention tätigen: leider ja. Nur dass "dumm" in diesem Fall nicht als Mangel an Bildung verstanden werden darf, sondern aus eigentlich gebildeten Kreisen wider besseren Wissens getriggert wird - also in der Tat "dumm" in seinem Verhalten ist.
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