S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Angst, Angst, Angst - und nicht fragen, wieso

Kürzer denken, schneller berichten, nix erklären: Mit dem Flüchtlingsstrom verdoppeln Medien ihre Angstrate - und halbieren ihre Lebenszeit.

Eine Kolumne von


Selbstversuch. Blecheimer vor Eisenstuhl, Tropfen von der Decke auf die Stirn, Kakerlaken groß wie Bagger, die Augen mit Sekundenkleber aufgerissen fixiert, Fernsehapparat. Eine Woche. Das Morgenmagazin. So fängt der Tag prima an. Es geht um: Flüchtlinge. Flüchtige. Was weiß denn ich. Im Stundentakt Endlosschlaufe. Grauhaarige Frauen, die Flüchtlinge füttern. Mit Bananen. WTF. Boote, Schiffe, Strandpromenaden, Scharen. Politisch korrekte Betroffenheit. Der Eindruck: Das sind Milliarden, und sie sind überall. Panik.

Printerzeugnisse später, die Kakerlaken spielen Schach. In jedem, jedem Printerzeugnis das Hauptthema: Flüchtlinge. Auf dem Titel in den Kommentaren, die Gemeinden, die Probleme, die besorgten Bürger, die Parks, die Zelte, die Vorteile, die Nachteile. Am Ende der Woche bemerke ich Ermüdungserscheinungen. Ich. Mir hängt der Scheiß zum Hals raus. Den Medienschaffenden auch. Die Thesen werden verwegen.

Beruhigend möchte ich dem Journalisten die Fontanelle kraulen. Es fällt ihnen nix mehr ein. Und Order von irgendwo (Gott?) ist: Flüchtlinge. Wir machen jetzt nichts anderes mehr. Vielleicht meldet sich eine verzagte Redakteurin und sagt: Wir könnten mal was über die Hintergründe machen und den Rest der Welt nicht vergessen, der ja in einem Zusammenhang mit der aktuellen Entwicklung steht. Ruhe!, schreit die Stimme von oben. Hier kommen gerade heiße News. Flüchtlinge schmeißen Butterbrotpapier in den Park, los, ausschwärmen! Da bringen wir was.

Nach der Woche auf dem Stuhl habe ich das Gefühl, die Welt kreise eiernd um das Thema Völkerwanderung, nein, halt - es gibt die Welt eigentlich gar nicht mehr. Es gibt nur noch die Medien. Und ich habe Angst. Ok, war das die Absicht? Bürgerwehren zu motivieren? Oder what the fuck war die Idee? Hat da jemand eine außer: Wir müssen machen, was alle machen, die Konsumenten wollen das? Die wollen den kleinsten gemeinsamen Nenner, die ständige Katastrophe, die wollen bad news und sich gruseln. Wollen sie nicht. Brauchen sie nicht.

Darum wandert, wer die Zeit hat, ins Netz ab, liest Blogs, gute Onlinemagazine, sieht Nachrichten aus aller Welt. Das geht schon. Dauert aber. Und was ist mit Millionen, die daran gewöhnt sind, ihre Meinung von TV und Print beeinflussen zu lassen? Statt um die sinkende Auflage, die einbrechenden Zuschauerzahlen zu kämpfen, drauf scheißen. Was Vernünftiges machen. Arte für alle. Aber vielleicht wird zu wenig Lohn gezahlt, und die klugen Menschen schreiben lieber Bücher oder werden Eremiten. Vielleicht ist die Angst vor der Konkurrenz im Netz so stark, dass viele Medienerzeugnisse sich panisch an Altbewährtes halten: Den Konsumenten für blöd erklären und sich selbst erhöhen, konservativ sein, feige sein, nur nicht entlassen werden, nicken. Es gäbe theoretisch die Möglichkeit, den Kunden mit interessanten Ideen zu konfrontieren.

Machen wir nicht. Wollen wir nicht. Wir wollen untergehen. Mehr dazu nächste Woche.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 130 Beiträge
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Seite 1
espet3 15.08.2015
1.
Am Ende steht ein Satz, der die augenblickliche Situation beschreibt:"Wir wollen untergehen". Dem ist hinzuzufügen:"Satan, wir kommen".
Mike Blueberry 15.08.2015
2. The medium is the message.
Das Medium ist die Botschaft, und Fernsehen ist das Medium der bewegten Bilder, genau so wie die Zeitung das Medium des hastig geschriebenen aktuellen Textes ist. Das heißt, Journalisten sind Sklaven ihres Mediums und schuften für dessen Aufrechterhaltung und Weitergabe. Ist doch nur folgerichtig, das dabei Panikmache und krudes Geschreibsel herauskommen, Hauptsache, das Medium kann weiter existieren und sich ausbreiten. Nur ab und zu mal eine Woche Medienabstinenz einhalten, in der Bibel lesen und Rory-Gallagher-Songs auf der Stratocaster spielen reinigen den Geist. Nebenbei gefragt, Frau Berg: Gibt's eigentlich Schmerzensgeld dafür, eine Woche lang den Oberpanikmachern Anna Planken und Till Nassif zuzugucken?
Sabbelbacke 15.08.2015
3.
Zitat: "Vielleicht meldet sich eine verzagte Redakteurin und sagt: Wir könnten mal was über die Hintergründe machen und den Rest der Welt nicht vergessen, der ja in einem Zusammenhang mit der aktuellen Entwicklung steht. Ruhe!, schreit die Stimme von oben. Hier kommen gerade heiße News." Zitatende. Ok Frau Sibylle, wenigstens mal ein zaghafter Versuch auf das Bestehen von größeren Zusammenhängen hinzuweisen - in denen wir alle nicht ganz unbeteiligt und unschuldig sind.
paulkersey 15.08.2015
4.
Die Frahge ist doch die, warum es medial so berichtet wird. Spiegel bildet da ja wohl keine Ausnahme. Und die Kommunen?! Sind die nicht schon überschuldet? Die müssen alles tragen. Zelte? Sieht das nach Lösungen aus? Es soll keiner sagen, dass das nicht absehbar gewesen sei, denn das ist gelogen.
herm16 15.08.2015
5. ja
ich den das genauso, wir leben von der Angst für die Angst, aber Alle. Und zum Thema Flüchtlinge, den Rest gibt die dann ein Hinterbaenkler vom Bundestag, der meint, er müsse seinen Senf dazugeben. Ich merk aber, dass ich durch die dauernde Berichterstattung von irgend jemand, abstumpfe. Mich interessiert so langsam, die Fluechtlingsangelegenheit nicht mehr, ist falsch, weiss ich
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