S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wir dürfen die Welt nicht unseren Feinden überlassen

Die Fähigkeit, die eigene Beschränktheit zu erkennen, ist höchstens zwei Prozent der Menschheit gegeben. Die große Mehrheit lässt sich weder von Argumenten noch von Aggressionen überzeugen. Dennoch gilt: Aufgeben zählt nicht!

Eine Kolumne von


Die Menschen mal wieder. Spazierten durch Berlin bei der Anti-Nazi-Demo letzte Woche. Mit Schildern, auf denen stand: "Nazis raus". Heino fühlte sich nicht angesprochen. Die Nazis sicher auch nicht.

Jedenfalls würde es mir so gehen: Wenn ich ein junger Mensch wäre, dem scheinbar nur zwei Möglichkeiten offenstehen:

a. irgendwo als Lagerist oder Pyrotechniker zu arbeiten, ein Kind zu bekommen und verzweifelt ein Haus abzuzahlen

oder

b. anderen Leuten so richtig Angst zu machen und Tabus zu brechen.

Und hätte ich Variante b gewählt, würde mir eine solche Aufforderung runtergehen wie ein gutes Wurstgericht.

Vorwürfen und Beleidigungen begegnen die meisten Menschen mit: Gegenwehr. Machen Sie das Experiment. Stellen Sie sich vor, Sie bekämen einen anonymen Brief, in dem stünde: Tja, xy, leider bist Du so dumm wie Du aussiehst. Verpiss Dich einfach aus Deiner Wohnung, Deinem Dasein.

Und? Verpissen Sie sich? Nein, Sie bleiben, jetzt erst recht. Sie kaufen sich vielleicht eine Waffe, und legen sich, wenn die Briefe sich häufen, eine Art Stumpfheit zu, die Sie weitermachen lässt. Das ist das Problem mit jeder Form der Gegenwehr. Man wird den Gegner nie mit Aggression überzeugen, aber leider auch nicht mit Argumenten. Denn der andere hat auch welche.

Der Chemtrail-Fanatiker ist von der Richtigkeit seiner Ideen so überzeugt wie der Nazi, der Antisemit und der Grüne. Keine Wertung. Kein richtig oder falsch. Je lauter Sie Ihr Argument vorbringen oder Ihre Forderung, umso verstockter wird Ihr Gegner werden. Die geistige Kapazität, um eigene Beschränktheiten zu erkennen, ist vielleicht zwei Prozent der Menschheit gegeben. Rechnen Sie nicht damit, wenn Sie auf Ihren Gegner treffen.

Man darf die Welt nicht seinen Feinden überlassen

Was tun wir also mit der Einsicht, dass Argumente fast niemanden erreichen, und dass Aggression jedes Problem nur zuspitzt? Vielleicht denken Sie sich: Wenn ich die Gegner meiner Weltsicht nicht überzeugen kann, bleibe ich einfach zu Hause, poliere Porzellan und warte auf mein Ende.

Das Problem: So angenehm sich dieser Gedanke anfühlen mag, er führt nicht zu einer Verbesserung der Welt oder was auch immer Sie dafür halten - nicht einmal im Kleinen. Denn dieser Gedanke beraubt Sie der Chance, wenigstens die aufgeschlossenen zwei Prozent zu erreichen.

Es hilft also nichts, man muss sich empören, man muss gegen das halten, was man für falsch erachtet. Gegen Nazis oder gegen Linksextreme, je nach Gutdünken. Man muss versuchen, Argumente zu finden, die möglichst viele andere auf die vermeintlich gute Seite bringen.

Es wird nichts an den großen Machtverhältnissen ändern, es wird nichts am System ändern, das die Welt auffrisst, während wir uns die Köpfe wegen irgendwelchem Mist einschlagen - aber egal: Man darf die Welt nicht komplett seinen Feinden überlassen, wo auch immer sie stehen.

Wenn die Medien Sie ankotzen, machen Sie einen Blog auf. Oder drehen Sie YouTube-Filme. Oder lancieren Sie ein Radioprogramm. Oder füllen Sie Bücher mit Ihren Thesen. Es gab noch nie so viele Möglichkeiten, seine Position zu vertreten. Nutzen Sie sie, bevor Sie über die gleichgeschalteten Medien jammern.

Wer sich nicht mehr wehrt, wer nicht mehr für die Welt kämpft, in der er leben will, ist schon tot. Und das passiert früh genug.

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insgesamt 151 Beiträge
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Seite 1
marthaimschnee 03.05.2014
1.
Zitat von sysopDie Fähigkeit, die eigene Beschränktheit zu erkennen, ist höchstens zwei Prozent der Menschheit gegeben. Die große Mehrheit lässt sich weder von Argumenten noch von Aggressionen überzeugen. Dennoch gilt: Aufgeben zählt nicht! http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-gleichgueltigkeit-nazis-antisemitismus-chemtrail-fanatiker-a-966593.html
dann besteht das Leben nur noch aus Kampf, denn das Ziel, das Leben so zu leben, wie man es will, wollen die Feinde einem ja nicht zugestehen. Insofern haben sie damit gewonnen, wenn man diese Spiel mitspielt. komischerweise hab ich dazu gerade auf einem Kalender den passenden Spruch gelesen: "Die Dummen rennen, die Klugen warten, die Weisen gehen in den Garten" ... also, shalom dann, ihr findet mich im Grünen, oder auch nicht
Gebranntes Kind 03.05.2014
2. Chapeau!
Zitat von sysopDie Fähigkeit, die eigene Beschränktheit zu erkennen, ist höchstens zwei Prozent der Menschheit gegeben. Die große Mehrheit lässt sich weder von Argumenten noch von Aggressionen überzeugen. Dennoch gilt: Aufgeben zählt nicht! http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-gleichgueltigkeit-nazis-antisemitismus-chemtrail-fanatiker-a-966593.html
Ein wichtiger und richtiger Standpunkt zur rechten Zeit! Das ist ja fast so, als würde man den "alten" Spiegel lesen....
agua 03.05.2014
3.
Das ist ganz einfach Soziologie. Der Mensch ist ein Herdentier. Aus diesem Grund waren im Mittelalter die Hexenverfolgungen möglich. Hinrichtungen waren Öffentlich und eine Art von Volksunterhaltung. Hitler war möglich.., Und immer gab und gibt es eine kleine Minderheit, die nicht mit dem Strom schwamm und schwimmt. Und manchmal passierte es auch, dass diese Minderheit eine Mehrheit wurde, dies wird dann als Revolution bezeichnet. Die Stärke liegt in jedem von uns. Immerhin kann noch niemand den Menschen das Denken verbieten. Vorraussetzung, sich eine Meinung zu bilden, ist ein vielfältiges Angebot
waldlergeist 03.05.2014
4. Sinnlosigkeit unseres Daseins
mag da mancher denken. Es ist schon sonderbar. Keiner hat uns jemals gefragt, ob wir an dem großen Spiel namens "Leben" teilnehmen wollen. Es läuft, wie Heidegger erklärte:"Wir werden ins Leben, in diese Scheißwelt geworfen." (sinngemäß, so in etwa). Und später kommt Satre und sagt uns: "Ihr seid zur Freiheit verdammt, ihr verf ... ." (frei interpretiert) Nur, jetzt sind wir da - warum auch immer - und sollten auch mitspielen. Selbst wenn es sinnlos erscheint. Für das Universum - ja, für mich selber - keineswegs. Frau B. hat mal wieder den Punkt getroffen. Doch Fragen nach der Sinnlosigkeit riechen oft nach "Melancholie" - wie es so schön heißt. Oder nach Kirkegaard: Alles mit Ironie tragen, lässt es leichter ertragen.
sappelkopp 03.05.2014
5. Das Sie keine Substanz gefunden haben...
...liegt ja nicht unbedingt daran, das dort keine ist. Auch davon handelt der Text. Oder anders ausgedrückt: Sie gehören wohl nicht zu den zwei Prozent, von denen die Rede ist.
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