S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Hassen wir, pöbeln wir, ich bin dabei!

Toleranz? Funktioniert nicht, wenn wir glauben, im Recht zu sein - also nie. Machen wir im neuen Jahr deshalb doch einfach so weiter wie gehabt: mit der Verachtung aller Andersdenkenden.

Eine Kolumne von


Das wird eine Neujahrsansprache. In großen, gleichsam universellen Themen bin ich daheim.

Ein neues Jahr, also geradezu eine Wiese voller Ideen, Blumen, die ich mit der Sichel meines scharfen Verstandes köpfe. Wir fangen also wieder von vorne an oder setzen fort, was wir am besten können: leben. Wir haben alle so unsere Ideen, wie dieses Leben aussehen soll. Manchen ist Gott wichtig, anderen die Kinder, die Familie, das Geld, die Esoterik - jeder versucht, wenn er nicht nur überleben muss, irgendeinen Sinn zu finden in dieser absolut sinnlosen Veranstaltung. Unser Gehirn ist weder in der Lage, sich das Universum vorzustellen, noch zu verstehen, dass wir nur auf der Welt sind, um uns zu vermehren und wieder abzutreten.

Nun, in der Zwischenzeit kann man die Umwelt noch ein wenig versauen oder retten, Geld anhäufen oder ein paar Leute umbringen. Weil wir sie hassen. Die anderen Leute. Die anders leben, anders aussehen, andere Ideen haben oder keine. Menschen hassen die eigene Spezies. Sie wollen sie nicht einmal fressen, nur weghaben.

Denn in jedem anderen spiegelt sich der gleiche alberne Ansatz: Leben, um zu sterben. Todesurteil per Geburt. 2014 war Toleranz das Wort der Stunde, gegen alles und jeden sollte man tolerant sein, sich selber als moralischen Status quo nehmend. Das ist natürlich Quark. Wer sind wir, milde zu lächeln, andere zu akzeptieren, zu verurteilen, sie trotz irgendetwas als Menschen zu betrachten. Hallo? So ein Stuss. Der Trick ist viel einfacher, und ich warte darauf, dass meine Gesetzesvorlage angenommen wird. Die geht so: JEDER lässt den anderen in Ruhe.

Kuschel mit dem Nazi

Na wie klingt das? Naiv? Rosa? Frauenscheiße? Passen Sie auf, es gibt noch ein paar hochintelligente Tricks zur Umsetzung des einzigen Gesetzes. Keiner mordet, keiner stiehlt, keiner übt Gewalt gegen einen anderen aus, Tiere sind Menschen gleichgestellt, keiner bereichert sich, kein Mensch kann einen anderen gegen Geld sexuell benutzen.

Das sind die Grundlagen für das Gesetz. So, und nun kann jeder machen, was er will. Lieben, wen er will. Jeder kann sich kleiden, wie er will, sich ein Geschlecht aussuchen oder keins. Jeder kann glauben, was er will, solange er anderen nicht auf den Wecker fällt. Also: Beten zu wem auch immer, Religion ist totale Privatsache. Geschlecht und Sexualität egal.

Ja, gerade merke ich, dass es so nicht funktionieren wird. Wir wollen uns nicht in Ruhe lassen.

Wir wollen andere immer von dem Stuss überzeugen, den wir uns so ausdenken. Ich bin ein wunderbares Beispiel dafür. Überzeugt von meiner kleinen friedvollen Welt, in der alle gleich sind und ein paar ungleicher. Ich verachte Pöbler, Schläger, Nazis, Fundamentalisten, Populisten, Nervensägen allesamt, aber vermutlich haben sie alle in ihrer Welt recht.

Kuschel mit dem Nazi. Streichle den Sarrazin. Mach Frieden mit dem Idioten, der glaubt, klüger zu sein als jede Frau, nur weil er eben keine Frau ist, kraul den Rassisten, tanz mit dem Menschen, der sein Kind zart züchtigt. Es geht nicht.

Das Quatschwort des vergangenen Jahres - Toleranz - bedeutet nichts. Es versagt, sobald man glaubt, im Recht zu sein. Also immer. Machen wir einfach weiter wie gehabt. Hassen wir, pöbeln wir. Ich bin dabei.

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insgesamt 80 Beiträge
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Hatch 03.01.2015
1.
Das ist aber ganz schön zynisch, Frau Berg. Sie träumen von Ihrer eigenen Welt, wie so viele andere auch. Das bedeutet von Anfang an, dass man sich auf Kompromisse einlassen muss. Unbegrenzte Toleranz wird es nie geben, kann es nie geben, macht auch keinen Sinn, aber unsere Gesellschaft heute ist doch sehr viel toleranter als die Gesellschaft vor 2000 Jahren und ein kleines bisschen toleranter als vor 30 Jahren. Toleranz erreichen wir Stück für Stück, die Gesellschaft in Gesamtheit, aber auch jeder einzelne (oder zumindest die meisten). Aber so wie ihr Artikel bei mir rüber kam ist es entweder gnadenlose Toleranz gegenüber allem und jedem oder eben gar keine Toleranz und das ist sowohl dumm als auch gefährlich.
rolf.piper 03.01.2015
2. Liebe Sibylle!
Es hat keinen Zweck, Ihnen zu schreiben, weil sie recht haben! Sie haben jedes Argument für oder wider ihren Text beantwortet! Wozu also ein Forum. Im Übrigen bin ich der Meinung: ich würde doch nach Jena gehen!
Diogenez 03.01.2015
3.
Sehr geehrte Frau Berg, eloquent heist nicht nett oder kultiviert! Sie pöbeln nämlich auch, nur auf Ihre Weise und nicht wie eine brandenburger Landglatze mit Schnauzer und Springerstiefeln. Das macht es nicht besser. Beispiele gefällig?: gegen die bösen Berliner, gegen den Deutschen im Allgemeinen, gegen Frauen der "Linken" ( und deren "Lustverhältnis zu jungen Männern aus Palestina(das war so ziemlich das Lächerlichste, das ich lesen durfte)), gegen Kritiker von Israel, gegen Kritiker der Schweiz, gegen Männer im Allgemeinen, gegen Frauen, die nicht so spaßfrei wie Sie unterwegs sind, etc., es nimmt kein Ende. Sie leben wohl in Ihrer kleinen Theater- und Literatenwelt, in der ganz normale, nette Menschen nicht existieren. Das ist m.E. recht erbärmlich und die Art, wie Sie an Ihrer Umwelt (warscheinlich mehrheitlich ganz normale, nette Menschen) Kritik üben, ziemlich borniert!
grashalm 03.01.2015
4. jetz hab ich vergessen was ich sagen wollte
Goethe lässt Faust sagen; zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust drüber nachgedacht ergibt, z.B. eine Schwarze, eine Weisse und alle Farben mit dabei. da der Mensch sich das Universum nicht vorstellen kann, zu höchsten Zeiten doch etwas davon, ist dies genug Beweis anzunehmen, dass es in Zukunft mehr werden sollte, von Eden nach Erden
Mars82 03.01.2015
5.
Das Leben ist trivial. Glückwunsch zu dieser Erkenntnis.
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