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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Der Shitstorm, das sind wir alle

Eine Kolumne von

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Duden-Eintrag: Aufregen, weil alles zu schnell geworden ist

Wir wüten, wir hassen, wir pöbeln: In Foren, Blogs und Hassvideos fühlen wir uns mächtig. Doch wie wird die millionenfache Häme im Netz sich langfristig auf unsere Gesellschaft auswirken?

Manchmal sehe ich mich von oben. Das Licht, der Tunnel, Sie wissen schon. Ich sehe mich in einem Heer von Missgelaunten. Wir sitzen und quaken wie Frösche den Mond an. Wir quengeln und hassen, wir erregen uns, wir stellen Strafanzeigen gegen alle und jeden. Und danach ist der Anfall wieder vorüber, und wir wenden uns erleichtert dem Leben zu. Das in den meisten Fällen ein wenig enttäuschend, aber auch nicht besonders furchtbar verläuft.

Irgendwann in der Jugend hatte man sich halt etwas vorgestellt, das mit Weltherrschaft, Ruhm, Unsterblichkeit zu tun hatte. Etwas Großartiges. Und dann sitzt man da, das Kind schreit, und alles wiederholt sich. Das Essen, die Jahreszeiten. Prost. Die Männer Slash Frauen, über die wir uns kurz erregen, werden wieder zu Thorsten und Beate im richtigen Leben. Die Politiker gibt es nicht in unserer Wohnung, im Garten, und Russland ist weit weg beim Wochenendausflug in den Zoo. Die Millionen scheinbarer Superhasser, Anzeigensteller, Kontrolleure und Blockwarte sind wir. Sind Thorsten und Beate, bin ich. Ich lese etwas, sehe etwas im Fernsehen, vielleicht bemerke ich im Vorrübergehen Details, die nicht meinem exzellenten Gefühl für Ästhetik und Vernunft entsprechen.

Und dann kommt der Moment der Langeweile, denn Erregung in Zeiten intensiver Beschäftigung zu entwickeln, ist unmöglich. Ich bekomme eine Wut. "Erregt euch" heißt das Buch eines wütenden Mannes, "erregen wir uns" ist das Motto des Jahres. Früher standen Wütende auf der Straße oder lernten Kampfsportarten, um Aggressionen abzubauen. Heute kommentiert man, schreibt Blogs oder macht Hassvideos, erstattet Anzeigen, sucht eine Mehrheit und fühlt sich mächtig. Wir regen uns auf, weil alles zu schnell geworden ist und wir die Zeit nicht ändern können.

Wir wüten wegen Bauwerken und Kunst, die uns nicht gefällt. Wir hassen Unbekannte, die wir unsympathisch finden, doppelwählende Chefredakteure, Dirk Nowitzki, der Wurst isst, die Hautfarbe einer Modelkandidatin. Man pöbelt, wettert, hetzt, das dient der Psycho-Hygiene, das ist gut. Man zwingt die Firmen zu Reaktionen und Bundespräsidenten zum Rücktritt. Und hat die Sache sofort wieder vergessen, die Wut ist weg.

In schlaflosen Minuten frage ich mich, wie die millionenfache Öffentlichkeit, die jeder heute durch das Netz hat, sich längerfristig auf die Entwicklung freier Persönlichkeiten auswirken wird. Denken Künstler die Rezeption des Wütenden bereits mit? Hat jeder Angst vor der Überwachung, der Anzeige, den Kommentaren, und wie wird unsere Welt aussehen, wenn alles, was einer tut, durch seine Angst vor einer negativen Bewertung und Hassattacken geschieht? Misstraut man der neuen Liebe, denn sie könnte alle Briefe veröffentlichen? Hungert man sich auf akzeptierte Normformen herunter, aus Sorge, hämisch kommentiert zu werden? Verbessert sich die Welt, wenn jeder versucht, es allen recht zu machen? Mäßigen wir uns, kontrollieren und bremsen uns, und ist das vielleicht gut für die Welt? Die sich so selber reguliert und die Kanten abschleift? Oder wird alles, was wir tun, was die Generation nach uns tut, in der ständigen Angst vor dem Hass des Schlechtgelaunten zu einem konturlosen Brei aus Feigheit verkommen?

Im Moment geht es mir gut, das Essen war hervorragend, das Wetter ist angenehm. Kein Grund für schlechte Laune, Glück gehabt.

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insgesamt 120 Beiträge
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1. Na ja, Frau Berg...
artusdanielhoerfeld 07.06.2014
...wer im Glashaus sitzt... Oder halten Sie ihre Artikel etwa für grundsätzlich objektiv, fair und zurückhaltend?
2. Prognose
dg19de 07.06.2014
Was macht der alltägliche Shitstorm mit uns? Ich denke, es gibt, ganz allgemein gesprochen, zwei Kategorien, wie damit umgegangen wird: Die Ängstlichen werden versuchen, den Kopf in den Sand zu stecken, werden versuchen, ganz brav und unauffällig zu sein, um nicht davon getroffen zu werden. Die anderen werden folgendermaßen reagieren: Da der Shitstorm aufgrund der Beschränktheit der meisten Menschen und der bequemen Möglichkeiten, einen solchen zu veranstalten, zu etwas ganz Alltäglichem werden wird, werden diese Menschen, welche die große Mehrheit stellen, sich einfach daran gewöhnen und dieses Ereignis als so unabänderlich und irrelevant wie Regenwetter einstufen. Um bei der Metapher zu bleiben: Wenn es regnet, nimmt man einen Regenschirm oder schlägt die Kapuze hoch. Wenn es einen Shitstorm gibt, lässt man das dumme Hassgeschwätz die paar Tage laufen, die es eben dauert, bis der Erregungs - Regenschauer weitergezogen ist, und denkt sich ansonsten seinen Teil. Schließlich ist die große Mehrheit der Menschen dumm, sollen diese Trottel doch ihren Blödsinn daher reden. Irrelevanter Käse ohne echten Konsequenzen, außer man hat ein schwaches Nervenkostüm. Ernst Jüngers "Anarch" - Haltung ist ein guter Umgang damit.
3. Also Masse
kategorien 07.06.2014
Wütende Journalisten oder Politiker hat es immer gegeben, also geht es um die Anzahl der wütenden öffentlichen Akteure, nicht wahr? Dann könnte es heißen: Dass wir Journalisten benötigen, die damit umgehen können, so wie wir Politiker, Künstler und Wissenschaftler haben, die das können. In einer Massenöffentlichkeit geht es um Macht, nicht um Sachlichkeit. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein klassischer Kolumnist oder Priester Schwierigkeiten damit hat, dass ihm seine Zuhörer Fragen stellen, ferner, dass sich durch diese aggressive Verbundenheit echte Fans herausschälen, die alles mitmachen, das man macht. So etwas entsteht nur durch die Masse.
4. Traurig, aber wahr
unky 07.06.2014
Ich wünschte mir mehr Respekt füreinander - auch im Internet bei anonymen Kommentaren. Leider geht die gegenseitige Achtung der Menschen immer mehr verloren. Das ist für die Gesellschaft insgesamt eine traurige und gefährliche Entwicklung, denn wenn es an Respekt fehlt, geht auch der Gemeinsinn verloren - jeder ist sich nur noch selbst der nächste. Nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung sind auch die Medien; vor allem auf Krawall gebürstet, vermitteln sie ein Menschenbild, das einfach nur zum K... ist.
5. Ereignislosikeit
lufthans 07.06.2014
Sehr geehrte Frau Berg, vielen Dank für den Artikel- sehr treffend. Meine Jugend verbrachte ich in einer Kleinstadt. Das Leben war so ereignislos, dass aus lauter Langeweile andere gedemütigt, beleidigt und ins Abseits katapultiert wurden. Aus purer Langeweile wurden Seelen verletzt und mit Sicherheit sind viele davon bis heute nicht verheilt. Und heute? Die Leute, die chronisch im Internet als Wutbürger auftreten, sind aus meiner Sicht von ihrem eigenen Leben gelangweilt. Der Wutbürger schreit andere an, obwohl er sich selbst und sein belangloses Dasein meint. Ich mag kritische Menschen, wenn es aus Überzeugung, Reflexion und Respekt geschieht. Solche Leute braucht die Gesellschaft, sie bringen uns alle weiter.
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Sibylle Berg

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