S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Helfen Sie mir, ich bin verwirrt

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Wie bitte? Was will Frau Berg uns sagen? Unsere Aufmerksamkeit schrumpft mit der steigenden Anzahl der Informationen. Man muss also davon ausgehen, dass kaum ein Leser mehr die Geduld aufbringt, einen durch mehrere Kommata getrennten Satz verstehen zu wollen. Oder zu können.

Ich bin keine Mali- oder Cern-Expertin, ich halte mich mit Kommentaren zur unbemannten Raumfahrt zurück und schreibe weiter Phantasien in Bücher und flüchtige Gedanken in Kolumnen. Ich bin keine Journalistin, aber das ist wohl auch nur eine gefühlte Berufsbezeichnung. Zusammengesuchtes und eigene Annahmen, Wertungen und Gefühle vor Ort zu überprüfen, scheint manchmal als Relikt aus einem anderen Jahrtausend zu sein. Als Journalisten noch Geld für Reportagereisen zur Verfügung stand, was heute ja längst nicht mehr überall der Fall zu sein scheint.

Und es schafft - bei der Geschwindigkeit, in der wir leben, arbeiten und Nachrichten konsumieren, unsere Geräte bedienen und unsere Körper in stromlinien- und ausbeutungseinladende Formen bringen müssen - ja vermutlich auch kaum ein Mensch mehr, das zu überprüfen, was er liest oder hört. Geschweige denn vor Ort.

Also: Auf Links klicken, sich von Agenturbildern und subjektiven Thesen in einer scheinbar informierten Sattheit wiegen lassen, schnell anonym einen Kommentar zu einem Artikel abgeben, der oft genug zusammengesucht ist aus Online-Quellen, zu selten jedenfalls recherchiert und geschrieben vor Ort.

Das Informationszeitalter sprengt uns allen ja das Gehirn. Es ist doch keine Zeit mehr für ein weitergehendes Studium, es ist doch keine Zeit, denn die rennt uns allen weg. Zwischen verschiedenen Berufen und dem Sport, der den Wehrdienst ersetzt, und der Liebe, die nicht gelingt. Und der Welt, die nie tut, was wir wollen, und den Zeitungen, die pleitegehen, weil sie versuchen, das, was im Netz stattfindet, auf Papier zu drucken und zu verkaufen.

Am Wochenende leisten sich viele eine Wochenendzeitschrift, gefüllt mit harten Hintergrundinformationen. Aber wer mag das lesen, wenn man doch endlich ausschlafen kann und Sport machen, Sport machen, Sport machen. Aus dem gemütlichen Wochenendmagazinleser ist ein gereizter über-uninformierter Konsument geworden, der nicht weiß, über welches Unrecht auf der Erde er sich zuerst erregen soll.

Die Aufmerksamkeitsspanne der Weltbevölkerung sinkt adäquat zur wachsenden Zahl verfügbarer Informationen. Hieß es früher, Kinder und Ironie sind unvereinbar, so muss man heute davon ausgehen, dass kaum ein Leser mehr die Geduld aufbringt, einen durch mehrere Kommata getrennten Satz verstehen zu wollen. Wie immer freue ich mich darauf, durch wohlmeinende Hinweise zu verstehen, was ich Ihnen sagen wollte.

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insgesamt 77 Beiträge
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1. Nicht alles schlecht
hlschorsch 02.02.2013
.....auf der anderen Seite ist die für den Normalverbraucher extrem schwerverdauliche, nebensatzreiche und langartikelige "Zeit" eine der wenigen Zeitungen mit steigender Auflage. Es gibt Hoffnung! Auch schön zu sehen, dass die Auflage der Bildzeitung genau in die andere Richtung zeigt.
2.
homerjay81 02.02.2013
Es bereitet mir immer wieder Vergnügen ihre Kolumne zu lesen. Allein für den letzten Satz sollten Sie einen Preis bekommen.
3. sehr schön
tinosaurus 02.02.2013
Schön und zutreffend und vor allem leicht verständlich beschrieben. Jedenfalls konnte ich es, glaube ich, verstehen.
4. Wie bitte? Was will Frau Berg uns sagen?
derhank 02.02.2013
Aber eigentlich bleibt ihre Zahl gleich, die die sich ein wenig anstrengen wollen, oder? Ich muss Ihr Buch kaufen, heute noch!
5. Was Sie sagen wollten:
Treppenrolf 02.02.2013
Zitat von sysopIch bin keine *Journalistin*, aber das ist wohl auch nur *eine gefühlte Berufsbezeichnung*.
1. Zuviele Informationen sind schlecht für die Aufmerksamkeit. (passt zu den Meldungen über steigende ADS/ADHS-Diagnosen bei Kindern) 2. Journalismus ist auch nicht mehr das, was es mal war. (Deshalb diskutieren Journalisten jetzt öffentlich den Unterschied zwischen Journalismus und Qualitätsjournalismus!) Mein Lieblingssatz: Sign! Ich sah Matussek bei Lanz und erfuhr was "Fremdschämen" bedeutet. Sie, Frau Berg, dürfen sich als Journalistin fühlen, aber ich rate Ihnen davon ab.
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