S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Stille, nette Opfer bitte!

Wie viele Juden kennen Sie eigentlich? Ach, darum geht es überhaupt nicht, Sie wollen bloß mal sagen dürfen, dass Israel längst selbst ein Täter ist? Wie wär's mal mit einer Bildungsreise nach Indien, Sudan, Katar oder Russland?


Der November 1938 ist schon wieder vergessen. Eine Woche nach der Reichspogromnacht, nach der Twitteraktion "Heute vor 75 Jahren", nach der europaweiten Studie über wachsenden Antisemitismus läuft der normale alltägliche Judenhass wieder warm. Ist ja auch schon so lange her. Auch unter SPIEGEL-ONLINE-Leserinnen und Lesern gibt es, sagen wir, gewisse Vorbehalte, die man natürlich nicht mit Judenhass gleichsetzen darf.

Ein Blick auf die Kommentare unter Artikeln mit den Reizworten "Jude" bzw. "Israel" genügt. In denen steht immer das Gleiche. Antisemitischer Trend? Keinesfalls! Stattdessen "Antizionismus und Israelkritik" - und das mit "Judenhass" gleichzusetzen, ist doch "völlig absurd". Von wegen "Opferrolle", da lachen die Kommentatoren. Weiß man doch, dass "Israel längst selbst ein Täter ist". Ja, ja, die Antisemitismuskeule, die Kritiktotschlägerei, Unterdrückung der Meinungsfreiheit - aber man wird doch noch mal sagen dürfen... Bum, Explosion. In Millionen Variationen immer die gleiche Kacke zu lesen, macht die Kacke nicht besser.

Da grummelt eine arge Wut im deutschen Menschen, im Rest Europas sieht es auch nicht viel besser aus. Aber Wut auf was? Auf die Großeltern? Auf Grass? Auf Goldmann/Sachs? Auf Hitler? Wie viele Juden kennen Sie? Persönlich - nicht Broder, der gilt nicht! Hallo, guten Morgen, Jude/Jüdin! Wie geht's, schönen Schabbes gehabt?

Oder fragen wir anders:

Kennen die Judenvorbehaltler vielleicht genauso viele Juden wie Sikhs persönlich? Apropos - man wird doch Indien noch kritisieren können! Ist genauso multiethnisch wie Israel, baut aber mehr Mist. Die Vergewaltigungen, die Kasten... ein Verbrecherstaat. Wie der Sudan, Katar, Russland, Nordkorea oder Limbach-Oberfrohna. Man wird das doch sagen dürfen, hier aus meinem Land heraus, ich bin mal in Indien gewesen - na ja, eigentlich war es Kapstadt. Ich will mich nicht informieren, ich will da nicht hinfahren, ich habe einfach nur Lust, ein Opfer für meinen Frust zu finden, das sich nicht wehrt. Das nicht reagiert wie einige Fundamentalisten bei der Veröffentlichung von Karikaturen. Stille, nette Opfer will ich, und einen akzeptierten Hass will ich pflegen in unserem Land - in dem judenhassende Umzüge unter Polizeischutz durch Deutschland trollen dürfen.

Laut der EU-Studie zu Antisemitismus hat jeder zweite Jude in Europa Angst. Vor verbalen und körperlichen Attacken. Und ich begreife das nicht. Diese jahrtausendalte Hetze, diese Uninformiertheit, das Nichtwissen, das aus den Menschen blubbert. Wie geht es Deutschen oder Europäern, die jüdisch sind, jeden Tag hasserfülltes, uniformiertes Gezeter zu lesen? Israelische Fahnen brennen zu sehen - und nein, man kann Juden und Israel nicht trennen, denn wenn der Irrsinn in Europa nicht endet, muss es einen Ort der Flucht geben können.

Hört einfach auf damit! Reißt euch zusammen. Sucht euch Holz zum Hacken, wenn ihr Wut habt. Fangt mit eurem Land an. Engagiert euch, demonstriert gegen Bahnhöfe. Räumt euer Leben auf, fangt an zu denken, lernt Geschichte. Meinetwegen auch die Israels. So, das war der Text für die wenigen Uninformierten unter Ihnen. Für den Großteil der Aufgeklärten empfehle ich mich, bis nächste Woche.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 221 Beiträge
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Seite 1
colopatiron 16.11.2013
1.
Zitat von sysopWie viele Juden kennen Sie eigentlich? Ach, darum geht es überhaupt nicht, Sie wollen bloß mal sagen dürfen, dass Israel längst selbst ein Täter ist? Wie wär's mal mit einer Bildungsreise nach Indien, Sudan, Katar oder Russland? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-israelkritik-und-antisemitismus-a-933526.html
Wenn ich den Artikel richtig verstehe, bedeutet das, dass ich einer Siedlungspolitik Netanjahus beizupflichten habe. Tue ich das nicht, bin ich — zumidest latent — ein Antisemit...
charlybird 16.11.2013
2. Ja, Sie haben recht,
Antisemitismus ist immer noch vorhanden. Leider. Und vielfach mit den saublödesten Argumenten, dass man sich die Frage stellt, ob die Hirne tatsächlich so krank sind. Aber darf man sich vielleicht darauf einigen, dass man die israelische Regierung, sprich Politik, kritisieren darf ? Das tue ich nämlich gelegentlich.
dr.mccoy 16.11.2013
3.
Die Geschichte Israels macht mindestens nachdenklich. Klar, jeder sollte sein eigenes Leben in den Griff kriegen / in die Hand nehmen, dummerweise gibt es gelegentlich Überschneidungen mit anderen Menschen. Und ja, jeder sollte sich ein wenig mit Geschichte beschäftigen... Und wenn es die offizielle Geschichtsschreibung ist, wird man zu dem gleichen Schluß kommen wie Frau Berg. PS: Antigermanismus und Germanbashing sind völlig in Ordnung, bei der Deutschen Geschichte werden Mitmenschen, mit anderem kulturellen Hintergrund, sowas ja sagen dürfen...
sitiwati 16.11.2013
4. ach, Frau Sybille
wieder mal ein bischen Lunte legen, also, ich war des öfteren in Israel -arbeitsmässig-vorneweg-die Israelis sind so ziemlcih das gastfreundlichste Land, nur in Israel ist mir passiert, dass der Chef im Hotel auf meine Ankunft gewartet und gefragt hat, wie die Reise war, der Mann war eigentlich Deutscher, stammte aus Augsburg, hat in Holland das 3.Reich überlebt und ist dann mit seiner deutschen Frau nach Israel ausgewandert, ebenso wie sein nächster Mitarbeiter, die Israelis sind ein tolles Volk-das Thema Adolf Hitler war überhaupt keins, man hat das komplett sachlich abgehandelt-von Hass oder Wut keine Spur, leider wird in D das Bild von Israel komplett falsch dargestellt, da zeigt man nur das Extreme, leider, die Israelischen Männer und Frauen haben glechen Probleme wie dei deutschen, die Familie zu versorgen, Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen usw, bedauerlicherweisewird eben auch in D, wie gesagt, nur die Extremseite gezeigt, so als würde man in Israel nur die deutschen Glatzen zeigen, so ungefähr, Ihr Artikel erscheint mir halt auch irgendwie ähnlich, irgendwie nur immer das Negative sehen!
panzerknacker51, 16.11.2013
5. Ach Gottchen
Zitat von sysopWie viele Juden kennen Sie eigentlich? Ach, darum geht es überhaupt nicht, Sie wollen bloß mal sagen dürfen, dass Israel längst selbst ein Täter ist? Wie wär's mal mit einer Bildungsreise nach Indien, Sudan, Katar oder Russland? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-israelkritik-und-antisemitismus-a-933526.html
Was war das denn?
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