05. Januar 2013, 10:48 Uhr

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle

Wer Ruhe stört, wird Hass ernten

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Wir sind genervt - alle. Unsere Welt ist zu voll, zu laut, zu anstrengend, wir wollen unsere Ruhe. Endlich! Auch Kinder stören da nur. Und wer als Mensch von der eigenen Rasse angewidert ist, muss sich dafür gar nicht entschuldigen. Den anderen geht's ja genauso.

Was für eine seltsame Debatte. Der Dachverband der Kinder- und Jugendarbeit des Kantons Zürich sagt: "Kinder werden zunehmend aus dem öffentlichen Raum verdrängt." Kinderlärm gehört also unter Schutz gestellt. Konkret sollen künftig keine Klagen mehr gegen den Lärm spielender Kinder möglich sein.

Wer Kinder wolle, der müsse Kindergeschrei bis zu einem gewissen Grad als Begleiterscheinung akzeptieren, findet auch Philipp Kutter, Politiker der Christlichdemokratischen Volkspartei. Bislang werden spielende Kinder vom Bundesamt für Umwelt als Störquellen gewertet, die unzumutbaren Lärm verursachen können. Ebenso Kirchenglocken, Modellflugzeuge und Hundegebell.

Unter bald jedem Artikel dazu tobt die in Foren übliche Schlacht von Neurotikern, dafür oder dagegen, die Grenzen verwischen. Die Hemmschwelle der Kommentarschreiber ist inexistent, und vielen genügt bereits ein Wort, zum Beispiel KINDER, um sich zu erregen. Mangelnde Aufsichtspflicht, Vernachlässigung, saufende Jugendliche auf Spielplätzen sind noch die harmloseren Reflexschnappereien des Contra-Kinderlärm-Lagers. Aber auch die Pro-Kinder-Riege dreht hart am Rad. Alle Kritiker in die Anstalt, wart ihr nie jung, sind hier die Standardinhalte. Kurz gedacht, wobei auch verständlich, denn wir alle regen uns schnell auf in einer voller werdenden Welt.

Schnell sind wir, und das ist kein lyrisches Wir, sondern ein reales, mit Schuldzuweisungen für den Zustand, der heißt: Wir sind genervt. Es ist zu voll, zu laut, zu anstrengend, wir wollen unsere Ruhe. Vergessend, dass es per Geburt keinen Vertrag gibt, der uns Ruhe und ein friedliches Leben verspricht. Und so sind wir alle Meister im Menschenhass, im Verachten, Verurteilen und Außer-uns-geraten.

Nun hassen Leute, die gegen Kindergärten und Spielplätze klagen, Kinder nicht. Sie können durchaus liebevoll zu ihrem eigenen Nachwuchs oder zu den Enkeln sein, sich erfreuen an der kleinen Fassung ihrer selbst, doch bitte nicht, wenn man einmal seine Ruhe habe will. Kinder, Frauen, Homosexuelle, Alte, die am Samstag einkaufen, sind Opfer, denen wir, normal alt, normal berufstätig, normal vom Leben geprügelt, gegenübertreten können.

Wie soll man die bekämpfen, die unsere Welt wirklich in den Abgrund treiben? Wie sollen wir zum Weltwirtschaftsgipfel gehen und mal Klartext reden, mit Nestlé-Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck etwa und ihn fragen, warum es kein Menschenrecht auf Wasser gibt. Wenn es schon kein Menschenrecht auf Ruhe gibt. Sollen wir zu all den Firmen gehen, deren gutbezahlte Angestellte die Wohnungsmieten nach oben treiben, zu den Flugzeugen, die nerven, den Sirenen, die nerven, den Presslufthämmern, den Straßenbauarbeitern?

Unser ganzes verdammtes Leben nervt, vor allem im Winter. Okay, da ist es auf den Spielplätzen eigentlich ruhig, aber wenn dann endlich mal Sommer ist, sind die Straßen wieder laut, der Himmel ist voll, und die Kinder schreien.

Ich verstehe jeden Menschen, der sich über einen anderen erregt, der genervt ist, angeekelt von der Rasse, der man angehört. Ich klopfe jedem ungefragt auf die Schulter, der diesem Gefühl nicht nachgibt. Tief einatmen und ausatmen und sich sagen: Allen anderen geht's genauso.

Wir alle hocken auf demselben Planeten, und ich entscheide mich dagegen, bitter zu werden und hasserfüllt. Ich atme noch einmal und denke: egal. Ich konzentriere mich jetzt auf den Himmel, meine Beine, die noch dran sind, auf das Glück, was ich bisher hatte, und schon geht es uns allen besser.

Bis zum nächsten Mal.


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