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23. Februar 2013, 10:08 Uhr

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle

Ich armer Mensch

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Frauen wollen nicht mehr geschlagen werden! Hellhäutige sollen aufpassen, was sie zu Dunkelhäutigen sagen! Kleinkinder wollen mit Smartphones spielen! Tja, das müssen wir Kulturpessimisten erst einmal verdauen. Vielleicht brauchen wir Sorgentelefone. Und Leihjugendliche, die uns helfen.

Wie viele Seiten werden täglich gefüllt, wie viele Fäuste geballt, Zähne gelbgeknirscht, wie viele Mägen übersäuert, Katzen getreten und Online-Artikel (Achtung, Selbstironie! Ich werde dazu übergehen Ironie, Witze und Anspielungen immer zu kennzeichnen, um es meinen geneigten Lesern leichter zu machen) geschrieben, die eine Veränderung zur Ursache haben.

Immer noch sitzen Rede-Runden in Sendestationen (und immer ist eine erschütterte Schauspielerin dabei) und diskutieren erbittert über die Verblödung ihrer Kinder durch netzfähige Geräte, die dreijährigen Kinder programmieren derweil eine Applikation. Permanent bietet die Veränderung der Welt Stoff für mindestens eine Woche Mediendebatte.

Soll man Frauen wirklich nicht mehr schlagen? Was, Farbige fühlen sich beleidigt, wenn sie von Hellhäutigen Neger genannt werden? Wie, Kinder haben Gefühle und sind keine Möbelstücke? Was, Tiere sollen auch Gefühle haben und keine Möbelstücke sein?

Der arme Mensch.

Dauernd muss er sich von irgendeiner Gewohnheit verabschieden. Ständig rufend: Aber das haben wir doch immer so gemacht! Wir haben immer Tiere erschossen und unseren Müll in den Fluss gekippt, wir haben immer... Setzen Sie einfach irgendetwas ein! Irgendetwas, woran Sie gewohnt waren und das sich nun auf einmal ändern soll, weil sich irgendjemand beleidigt fühlt. Oder weil es einen neuen Bahnhof braucht oder neue Formen des Wohnens, oder weil die Welt sich nun einmal ändert.

Das ist doch nicht zum Aushalten, dass die Welt sich verändert, die Formen des Zusammenlebens, die Erdoberfläche, die Art der Häuser, der Kleidung und sogar die Intelligenz der Menschen verändert sich, man raunt: zum Guten. Damit muss man erst mal fertig werden.

Während unsere Kollegen in Teilen der arabischen Welt in Teppiche beißen, weil Frauen auf die verrückte Idee kommen, Auto fahren zu wollen, müssen wir schwer schlucken, weil es Männer gibt, die sich lieber um ihr Kind als um Excel-Tabellen kümmern. Am Ende wird es ja doch nicht schlechter, das Leben aller.

Vergleichen wir die Welt mit der vor hundert Jahren und sehen wir von der Umweltvernichtung ab, müssen wir gestehen, es ist besser geworden. Für viele auf der Welt, die früher in Unfreiheit lebten, ohne Bildung, ohne Chancen, mit einer geringen Lebenserwartung, mit schlechter medizinischer Versorgung, inmitten von Sexismus, Rassismus und Ungerechtigkeit.

Wir lernen. Langsam zwar, aber wir lernen. Und die Welt verändert sich und das tut weh, als wenn ein Mensch zu schnell wachsen würde.

Statt bitter zu werden und traurig vom Untergang der Kultur und unserer Werte zu reden, könnte man murmeln: Ja und? Dann gibt es eben keine Bücher auf Papier mehr, dann lernen Babys das Programmieren und Menschen treffen sich im Netz. Häuser werden höher - es ist Veränderung und ich bin ein Teil davon. Wann immer ich mich beim Jammern ertappe (und manchmal dauert es recht lange), finde ich mich lächerlich. Alt, stur, verbohrt und zähneknirschend. Ich muss dann immer sehr schnell mit einem sehr deutlich jüngeren Menschen reden.

Das sollte jeder tun. Der sich ärgert, der an Altem, eventuell Überholtem festhalten will - mit einem netten 17-Jährigen reden. Vielleicht sollte man eine Station für Leihjugendliche einrichten, ein "Frag den Jungen"-Sorgentelefon für alte Kulturpessimisten. Der könnte am Ende seiner Beratung sagen: Schön, dass Sie angerufen haben, die Welt verändert sich, Sie werden es nicht aufhalten können.

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