S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Ich armer Mensch

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Frauen wollen nicht mehr geschlagen werden! Hellhäutige sollen aufpassen, was sie zu Dunkelhäutigen sagen! Kleinkinder wollen mit Smartphones spielen! Tja, das müssen wir Kulturpessimisten erst einmal verdauen. Vielleicht brauchen wir Sorgentelefone. Und Leihjugendliche, die uns helfen.

Wie viele Seiten werden täglich gefüllt, wie viele Fäuste geballt, Zähne gelbgeknirscht, wie viele Mägen übersäuert, Katzen getreten und Online-Artikel (Achtung, Selbstironie! Ich werde dazu übergehen Ironie, Witze und Anspielungen immer zu kennzeichnen, um es meinen geneigten Lesern leichter zu machen) geschrieben, die eine Veränderung zur Ursache haben.

Immer noch sitzen Rede-Runden in Sendestationen (und immer ist eine erschütterte Schauspielerin dabei) und diskutieren erbittert über die Verblödung ihrer Kinder durch netzfähige Geräte, die dreijährigen Kinder programmieren derweil eine Applikation. Permanent bietet die Veränderung der Welt Stoff für mindestens eine Woche Mediendebatte.

Soll man Frauen wirklich nicht mehr schlagen? Was, Farbige fühlen sich beleidigt, wenn sie von Hellhäutigen Neger genannt werden? Wie, Kinder haben Gefühle und sind keine Möbelstücke? Was, Tiere sollen auch Gefühle haben und keine Möbelstücke sein?

Der arme Mensch.

Dauernd muss er sich von irgendeiner Gewohnheit verabschieden. Ständig rufend: Aber das haben wir doch immer so gemacht! Wir haben immer Tiere erschossen und unseren Müll in den Fluss gekippt, wir haben immer... Setzen Sie einfach irgendetwas ein! Irgendetwas, woran Sie gewohnt waren und das sich nun auf einmal ändern soll, weil sich irgendjemand beleidigt fühlt. Oder weil es einen neuen Bahnhof braucht oder neue Formen des Wohnens, oder weil die Welt sich nun einmal ändert.

Das ist doch nicht zum Aushalten, dass die Welt sich verändert, die Formen des Zusammenlebens, die Erdoberfläche, die Art der Häuser, der Kleidung und sogar die Intelligenz der Menschen verändert sich, man raunt: zum Guten. Damit muss man erst mal fertig werden.

Während unsere Kollegen in Teilen der arabischen Welt in Teppiche beißen, weil Frauen auf die verrückte Idee kommen, Auto fahren zu wollen, müssen wir schwer schlucken, weil es Männer gibt, die sich lieber um ihr Kind als um Excel-Tabellen kümmern. Am Ende wird es ja doch nicht schlechter, das Leben aller.

Vergleichen wir die Welt mit der vor hundert Jahren und sehen wir von der Umweltvernichtung ab, müssen wir gestehen, es ist besser geworden. Für viele auf der Welt, die früher in Unfreiheit lebten, ohne Bildung, ohne Chancen, mit einer geringen Lebenserwartung, mit schlechter medizinischer Versorgung, inmitten von Sexismus, Rassismus und Ungerechtigkeit.

Wir lernen. Langsam zwar, aber wir lernen. Und die Welt verändert sich und das tut weh, als wenn ein Mensch zu schnell wachsen würde.

Statt bitter zu werden und traurig vom Untergang der Kultur und unserer Werte zu reden, könnte man murmeln: Ja und? Dann gibt es eben keine Bücher auf Papier mehr, dann lernen Babys das Programmieren und Menschen treffen sich im Netz. Häuser werden höher - es ist Veränderung und ich bin ein Teil davon. Wann immer ich mich beim Jammern ertappe (und manchmal dauert es recht lange), finde ich mich lächerlich. Alt, stur, verbohrt und zähneknirschend. Ich muss dann immer sehr schnell mit einem sehr deutlich jüngeren Menschen reden.

Das sollte jeder tun. Der sich ärgert, der an Altem, eventuell Überholtem festhalten will - mit einem netten 17-Jährigen reden. Vielleicht sollte man eine Station für Leihjugendliche einrichten, ein "Frag den Jungen"-Sorgentelefon für alte Kulturpessimisten. Der könnte am Ende seiner Beratung sagen: Schön, dass Sie angerufen haben, die Welt verändert sich, Sie werden es nicht aufhalten können.

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insgesamt 78 Beiträge
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1. oh weh ...
semaphil 23.02.2013
Zitat von sysopFrauen wollen nicht mehr geschlagen werden! Hellhäutige sollen aufpassen, was sie zu Dunkelhäutigen sagen! Kleinkinder wollen mit Smartphones spielen! Tja, das müssen wir Kulturpessimisten erst einmal verdauen. Vielleicht brauchen wir Sorgentelefone. Und Leihjugendliche, die uns helfen. Sibylle Berg über Kulturpessimismus und Angst vor Veränderungen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-kulturpessimismus-und-angst-vor-veraenderungen-a-884354.html)
Tja, da wird die Autorin von ihrer eigenen politischen Korrektheit eingeholt. Wie kann so jemand es sich leisten, siebzehnjähriges Frischfleisch anzubaggern. Und es kommt noch nicht einmal das schlechte Gewissen herüber. Die zynische Umkehrung des sonst gebrandmarkten Sexismus gegen Frauen, geadelt von der weisen, fragbaren "Frau Sybille" Ich beginne, an der Welt zu verzweifeln.
2. Keine Zeit mehr!
papayu 23.02.2013
5 oder 6 Tagen morgens das Fruehstueck runterschlingen, immer nach links gucken. Wenns nicht reicht, Tasche oder Koffer schnappen und kauend zum Suff gehen, besser rennen. Dann in einer kilometerlangen Schlange hupender Deppen stehen, dann vielleicht doch noch geschafft, die Stechkarte einschieben und noch immer kauend am Arbeitsplatz erscheinen.Abend genau dasselbe, aber eben anders rum. Das Schweinrindpferdlasagne in die Mikrowelle, den Fernseher einschalten und stieren, nebenbei etwas in sich hineinschaufeln.Die Reste in die Kueche tragen, vielleicht eine Zigarette und ein Bier. Dann das Gelaber der Talgschauen angucken, Um 22h ins Bett und dann "Das war ein Tag!" Die Frau mault, nu mach schon, muss morgen frueh raus. Samstag ausschlafen? Denkste, die Blase drueckt und wenn man dann schon aufgestanden ist usw.usw. Auto waschen, Einkaufen fahren, an der vollen Kasse die Geduld verlieren. Dann raus auf den Parkplatz, nach hause. Und was dann?? Und sonntags dasselbe ohne Einkauf und das Allerschlimmste!!!! Mann/Frau wissen nicht mehr wie man sich unterhaelt. Haben sie richtig verlernt. Und Kinder, nein danke. Fuer die ist keine Zeit da. Aber in den Ferien nach Kotakinabalu ( Nordborneo) 14 Std fliegen, das muss einfach drin sein. Was bin ich froh, schon 74 Jahre alt zu sein, im fernen Ausland lebe und eine quicklebendige Enkeltochter (Stief). um mich zu haben. Uebrigens, das war auch frueher mein Leben und eine Ehe ging in die Brueche.
3. Tippen ist Silber, Reden ist Gold
tomkey 23.02.2013
Leihjugendliche? Haben Sie denn keinen Kontakt zu Teenagern, jungen Menschen oder Kindern? An der Arbeit oder über die Verwandschaft, als Nachbarn oder in der Freizeit. Es gibt soviele Möglichkeiten, wie Mann/Frau mit jungen Leuten (Stichwort: Digital Natives (http://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Natives)) in Kontakt kommen kann. Es müssen ja nicht gleich soziale Netzwerke wie Facebook sein. Als Schriftstellerin oder Theaterautorin kommen Sie sicher oft mit jungen Leuten zusammen. Nur Mut, Frau Berg. Die beste Schnittstelle zu einem simplen sozialen Netzwerk ist immer noch der Mund und nicht die Maus. Grüße aus dem verschneiten Thüringen
4.
agua 23.02.2013
Die Welt veraendert sich,und der Mensch traegt zu dieser Veraenderung bei.Leider kann er selber mit diesen Veraenderungen nicht Schritt halten,insofern bleiben die Probleme seit tausenden von Jahren,im Kern die gleichen,weil sie in der Spezie Mensch begruendet liegen.
5. Mir scheint...
matthias_b. 23.02.2013
...das Frau Berg selbst einige Jahrzehnte in der Vergangenheit lebt. Oder in komischen Kreisen verkehrt, denn die Probleme, die sie herbeiredet, kenne ich aus dem realen Leben längst nicht mehr.
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