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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Wir hetzen uns zu Tode

Eine Kolumne von

E-Mail-Fluten, unbezahlte Projekte, Nachtschicht auf Nachtschicht, immer im Modus der Selbstausbeutung - die Zeit rast dahin. Und trotzdem jetzt: schönen Urlaub!

Ich kenne nur Leute ohne Zeit. Vielleicht kenne ich die falschen, vielleicht sucht man sich nur Bekannte und Freunde, die einem ähneln. Vielleicht gibt es entspannte Vertreter des gesunden Geistes, die schmökernd in Bibliotheken sitzen, gelassen über Grünflächen flanieren, in Cafés hocken und dann ein wenig Mittagsschlaf halten.

Ich kenne sie nicht.

Ich kenne nur den gehetzten Menschen. Es ist nicht der, der Stunden im Internet verdaddelt, auf sozialen Plattformen abhängt und über dem Hochladen von YouTube-Filmen zu nichts mehr kommt. Es ist der normale, ausgewachsene Mensch in der Lebensmitte oder kurz davor oder kurz danach. Der Mensch Ü30 und U70, der bei jeder minimalen Zusatzbelastung, bei jedem unvorhergesehenen Ereignis, und das sind eigentlich alle, von der Steuernachzahlung bis zum Einsturz des Daches, fast möchte ich sagen, das Leben ist eine Aneinanderreihung von Ereignissen, die wir nicht vorhersehen können, der dann also auf den Boden fallen und schreien möchte.

Dings hat keine Zeit, er macht gerade ein Projekt

Lasst mich endlich, endlich in Ruhe, möchte er schreien, der gehetzte Mensch, der zu nichts mehr kommt. Der immer am Anschlag ist. Weil die Zeit wegrennt, weil der Terminplan voll ist mit der Arbeit, die immer mehr wird, besonders bei denen, die sind wie ich, bei Freiberuflern, Selbstständigen. Eltern, Menschen mit kranken Eltern, kranken Kindern oder depressiven Partnern, mit Verwandten, die Prozesse haben, nicht zu reden von den Prozessen, die man selber führt. Der gehetzte Mensch muss immer mehr arbeiten, irgendwie ist da Inflation, und keiner hat es gesagt, alles wird teurer.

Die Mieten, das Leben, ist doch egal. Ein Job langt nicht mehr, da muss akquiriert, müssen Kunden betreut werden, in Nachtschichten, und das Leben, das ist irgendwie zu viel geworden für fast alle, die ich kenne, die sind wie ich. Die immer mal sagen, ich muss eine Auszeit nehmen, aber wann, und wovon bezahlt man die, die großartige Auszeit.

Ich kenne keine Top-Manager, die vom eigenen Adrenalin befeuert werden, ich kenne vornehmlich Leute, die über die Runden kommen wollen, wie man früher so schön sagte, und die sich permanent selbst ausbeuten, weil sonst tut es ja keiner. Mal etwas lesen, schöne Idee, mal spazieren gehen, mal wieder Dings sehen. Dings hat keine Zeit, er macht gerade ein Projekt, unbezahlt. Vielleicht wird ja was draus. Wird es nie. Es wird nie aus irgendwas irgendwas, wir machen so weiter, in einem Tempo, das den Menschen schwindelig werden lässt.

Und doch rast die Zeit an einem vorbei, an dem Menschen Ü30/U70, der nicht mehrsprachig aufgewachsen ist, kein Erbe ist, der mehr Zeit haben sollte für alle. Der E-Mails rausschleudert voller Schreibfehler, weil da noch 60 andere E-Mails rausgeschleudert werden müssen, der sich informieren muss über das eigene Gewerbe, über den Zustand der Welt. Der nicht mehr in der Lage ist, Mitgefühl zu haben mit entführten Kindern, mit Überschwemmungsopfern, mit dem Nachbarn. Ein kurzes Aufzucken von Mitleid mit allen ist da, aber es endet doch nur in einer Empörung. Die Welt überfordert die Menschen, die ich kenne. In diesem Jahr sind vier Bekannte gestorben, drei hatten einen Infarkt. Für einen Moment hält die Welt dann immer an, ich frage mich im Namen aller gehetzten Bekannten, was wir da eigentlich tun, finde keine Antwort. Da sind gerade wieder Rechnungen eingegangen, das Kind hat Fieber, der Partner wurde entlassen, das Unternehmen macht Miese.

Ich bin gespannt auf Ihre Wortmeldungen. Vielleicht mit Inhalten wie: Was braucht man denn schon zum Leben, und sollten wir nicht alle ein wenig innehalten? Machen wir. Morgen. Wenn wir nicht gerade aus der Wohnung geflogen sind, weil die luxussaniert wird. Morgen, wenn nicht irgendwer in der Familie einen Krebsbefund hatte, uns irgendein Nachbar verklagt, weil uns ein Blumentopf runtergefallen ist, nicht irgendein Stress mit einem Telefonanbieter ist, einer Steuerprüfung, die nur Menschen mit einem Einkommen knapp über der Armutsgrenze ereilt, morgen. Ich wünsche Ihnen allen einen guten Urlaub.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle
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insgesamt 91 Beiträge
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1. Weniger ist mehr.
PeBe123 16.08.2014
Das gilt vor allem fuers Geldausgeben. Muss es eine grosse Wohnung in der Naehe des Stadtzentrums sein, muss schon wieder einen neue Familienkutsche her, muss man jedes Jahr im Urlaub einen neuen Kontinent entdecken? Wer seine Ansprueche zurueckschraubt, muss dafuer auch weniger arbeiten und hat damit mehr vom Leben.
2. Die Not zur Tugend machen
t.o`malley 16.08.2014
Diese Kolumne hat die Situation sehr treffend beschrieben, ich konnte auch mich persönlich darin wiederfinden. Ich bin seit (ich weiss bald nicht , seit wie vielen) Jahrzehnten Unternehmer und habe erst kürzlich wieder erschüttert festgestellt, daß ich meinen letzten Urlaub in den Achtigern(!) hatte. Jede Woche 7 Arbeitstage, keine Woche unter min. 75 Stunden. Ich zahle solcherart viel Steuern, daß ich mich zuweilen frage, ob es nicht cleverer sei, komplett alles hinzuwerfen, mich zum Empfänger staatlicher Leistungen zu machen und endlich, endlich, endlich zu leben. Zeit zu haben für Dinge, die mich interessieren und glücklich machen. Bei Regen barfuss über eine saftige Wiese laufen, endlich einmal wieder das Meer zu sehen, ein paar der tollen Bücher zu lesen, die sich mittlerweile in Unmengen ungelesen im Schrank türmen. Das Handy endlich abschalten zu können, nicht mehr den dienstlichen "Nachstellungen" ausgeliefert zu sein. Ich möchte gerne einmal ausschlafen, wirklich ausschlafen, und nicht nach den üblichen vier Stunden völlig übermüdet auf dem Zahnfleisch aus dem Bett kriechen müssen. Diese Aufzählung lässt sich beliebig fortsetzen - allerdings weiss ohnehin jeder, worauf ich hinauswill, zumal die Kolumne ins gleiche Horn stösst. Vor (ich glaube) etwa zwanzig Jahren wurde mir dann klar, daß all mein Einsatz einen tieferen Sinn haben sollte, wenn ich mein Leben schon verfeuere. Ich habe dann die Mittel, die das Unternehmen abwirft, seitdem in den Tierschutz gesteckt. Ich selbst lebe sehr bescheiden, ich fahre z.B. keinen Sportwagen sondern einen Mittelklasse-Kombi eines Massenherstellers. Ich kaufe in völlig normalen Läden ein, trage Wald- und Wiesenbekleidung und leiste mir auch sonst keinen nennenswerten Luxus. Ich habe damals begriffen, daß ich dies weder will noch brauche. Ich bedaure die armen Menschen, die sich selbst quasi bei der Arbeit umbringen, bloß um 5 PS mehr im Auto zu haben als der Nachbar oder die ihre Kinder arbeitsbedingt ewig nicht wach gesehen haben, weil sie für die dritte Nobeluhr im Büro übernachten. Ich will damit sagen, daß es durchaus gut sein kann, wenn man sich richtig(!) reinhängt - der Zweck muss ein guter sein!!! Gier und Geltungssucht sind erschütternd primitiv und dämlich; wer es deshalb macht, ist eine arme, eine ganz arme Sau. Ich habe noch nie die (mittlerweile fast dreistellige) Mitarbeiterzahl betriebsbedingt reduzieren müssen, habe damals schon für Hilfskräfte Löhne gezahlt, die über dem heutigen Mindestlohn liegen. Und ich habe in Südost-Europa bis heute den Bau von vier privaten Auffangstationen für gequälte und misshandelte Tiere bezahlt und diese sodann an die jeweiligen, örtlichen Tierschutz-Organisationen gespendet. Ja, ich verbrenne auf dem Scheiterhaufen unserer heutigen Zeit, inkl. des irrsinnigen Stresses und der inneren Leere, die sich immer weiterfrisst. Aber wenn ich mir anschaue, was ich effektiv damit bewirken konnte, bin ich sehr glücklich. Ich habe damals in mir das Bedürfnis entdeckt, ein guter Mensch werden zu wollen. Wenn man sich für die gute Sache reinhängt, rechtfertigt dies jede erdenkliche Mühe. Mein Lebenslicht wird nicht lange leuchten, aber dafür hell.
3. So langsam bekomme ich ein Gespür...
AmokSchleicher 16.08.2014
Zitat von sysopMail-Fluten, unbezahlte Projekte, Nachtschicht auf Nachtschicht, immer im Modus der Selbstausbeutung - die Zeit rast dahin. Und trotzdem jetzt: Schönen Urlaub! http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-leute-ohne-zeit-und-hetze-im-alltag-a-985763.html
Wer so jammert, hat die Wende noch vor sich - oder den Burn Out. Man verlasse sich darauf: das persönliche Stresssystem ist nicht unendlich belastbar. Es kommt der Moment, in dem alle Ziele sich im Licht übergroßer Belastung prüfen lassen müssen - und dann, wenn man systematisch Stress abbaut, wird man auf einmal produktiv, wie man es vorher nicht kannte. Wer vor Problemen und Zielen die Lösungen nicht erkennt, wer bei ruhigem und konzentrierten Arbeiten keine Lusterfahrung macht, wer die Oberfläche des Respekts anderer nicht von der Basis des Respekts sich selbst gegenüber unterscheiden kann, der wird nur dann nicht scheitern, wenn er/sie monothematisch ausgerichtet ist, ein Trottel also. Und das hat nur wenig mit Ü30/U70 zu tun. Ich habe hyperventilierende Teenager und bettnässende Vierziger gesehen. Nebenbei: ist es wirklich so ertaunlich, mit welchen seelischen Verwundungen Soldaten aus dem Krieg zurückkehren? Da ist das Zivilleben ein Kindergeburtstag.
4. Den Stress macht sich jeder selbst!
jewiberg 16.08.2014
Was Sie lieebe Frau Berg da beschreiben ist entweder kein Grund für Stress (Nachbar verklagt mich wg. Blumentopf) oder der Mensch mit dem Projekt aus dem nichts wird macht sich den Stress selbst. Projekt erst planen und auf Erfoögsaussicht prüfen und dann geordnet anfangen. Auch ist es ziemlich sinnlos 60 Mails mit Rechtschreibfehlern rauszuschicken. Ich bin in der Gruppe Ü30/U70 und ich hab es mir einfach bgewöhnt mir Stress zu machen oder mir von anderen Stress machen zulassen gemäß den kölschen Gesetzen: Es kommt wie es kommt und es ist noch immer gutcegangen. Und nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird.
5. Seltene Exemplare
unaufgeregter 16.08.2014
Zitat von sysopMail-Fluten, unbezahlte Projekte, Nachtschicht auf Nachtschicht, immer im Modus der Selbstausbeutung - die Zeit rast dahin. Und trotzdem jetzt: Schönen Urlaub! http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-leute-ohne-zeit-und-hetze-im-alltag-a-985763.html
Gestern in vollen Innenstadt rannten alle Leute hektisch um mich herum. Da schritte ich gemächlich durch die Straßen und traf nur EINEN Menschen, der mir verstehend zulächelte. Er ging ebenfalls ruhig und gelassen. Es gibt sie also noch, die Menschen die nicht auf der Flucht vor was auch immer sind. Interessant finde ich die Tatsachen, dass viele dem Job, dem anstregenden Privatleben und notfalls der Sonnenfinsternis die Schuld an der eigenen Hetze geben. Nein, das ist ein Hetze, die sich die Menschen selbst verordnen. Sie laufen weg. Wovor nur? Vor sich selbst?
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Sibylle Berg
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