S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Revolution gegen die Evolution

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Warum müssen wir eigentlich immer gegen andere Menschen kämpfen? Gegen Menschen, die anders denken und handeln als wir, die anders aussehen oder an einen anderen Gott glauben. Dabei wollen doch eigentlich alle nur dasselbe: die Liebe finden.

Ich will dich heiraten, weil ich es verbindlich möchte. Ich möchte nicht erklären müssen, warum ich dich heiraten will. Du bist meine Familie, du bist der Mensch, der die Welt für mich erträglich macht, der eine, auf den man sich beziehen kann, der einem Halt gibt und Sinn, in diesem Leben, in dem wir doch alle einen Sinn suchen - in Karriere, Religion, Hobby oder dem Geld.

Ich erinnere mich daran, wie es war, alleine aufzuwachen und eine ganze Stunde zu brauchen, in der ich mich davon zu überzeugen suchte, dass ich mich aus dem Bett in die Welt bewegen muss. Ich wusste nur nie, warum.

Jetzt, durch dich, frage ich mich nicht mehr, ich wache auf, da bist du, und es braucht nicht viel mehr. Der Sinn meines Lebens ist, mit dir zusammen zu sein, durch dich zu sein. Ich habe Angst um dich und Angst um mich. Ich könnte nicht mehr alleine sein und du auch nicht. Wie sollte das gehen, alleine, wo wir doch wissen, was das Geheimnis ist. Liebe. Ist ein schreckliches, ein leeres Wort geworden, wenn sogar eine liebende Religion Hass befiehlt.

Meine Welt, die bist du

Warum haben wir nur kein anderes Wort für uns, das unsere Liebe meint. Das Aufgehobensein in der Welt durch einander. Das Wort, das Mut haben meint durch einander. Einen Körper meint, der ist, wie der eigene. So, dass ich manchmal nicht merke, ob ich mich berühre oder dich. Beschützen will ich dich. In jeder Sekunde. Nenn es Egoismus. Ich will nicht, dass dir etwas passiert, dich jemand schlecht behandelt, dich jemand mit seiner schlechten Laune belästigt.

Durch dich habe ich verstanden, dass jeder Mensch einen anderen zum Lieben haben sollte. Einen haben sollte, um den er sich sorgt. Wir alle würden anders miteinander umgehen, wenn wir wüssten, da wartet einer auf uns, da ist einer, der genau uns zum Überleben braucht. Zum Durchhalten braucht, wie Luft, wie Wasser.

Jeder sollte einen haben, der ihn hält in der Nacht. Den er hält, um zu spüren, wozu das Leben da sein kann, das uns solche Angst macht. Immer wenn meine Angst kommt, weil es nie einen Frieden gibt da draußen, weil es Hurrikane gibt und Spekulanten, Kriege und Folter, Chefs und Krebs, Arbeitslosigkeit. Und weil alles dieser furchtbaren Evolution folgt, die nur die Stärksten und Lautesten überleben lässt, weil der Ansatz der Evolution ein erzkapitalistischer ist und wir mit Güte keinen Blumentopf gewinnen.

Immer dann, wenn ich glaube, es nicht mehr zu ertragen, immer wenn ich einfach nur liegenbleiben und nicht mehr am Leben teilnehmen möchte, dann bist du da und die Angst verschwunden. Für den Moment. Bis ich dich wieder loslassen muss, in die Welt muss. Die ein jeder so verteidigt, seine Welt in ihrer Richtigkeit. Der Minenbesitzer ist überzeugt davon, Afrika Gutes zu tun, und die Religiösen sehen das Heil in ihrem Glauben. Und jeder hat doch seine Welt, an die er glaubt und die er verteidigt, egal gegen wen. Egal, ob er andere töten muss. Das ist die Evolution.

Das ist der Krieg da draußen. Und meine Welt, die bist du. Und ja, jetzt will ich dich heiraten. Oder nicht, wir sind homosexuell oder heterosexuell, wir sind Menschen, die sich lieben. Die nur für Menschen, die Liebe nicht verstehen, bedrohlich sind.

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insgesamt 115 Beiträge
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1.
testthewest 08.09.2012
Zitat von sysopWarum müssen wir eigentlich immer gegen andere Menschen kämpfen? Gegen Menschen, die anders denken und handeln als wir, die anders aussehen oder an einen anderen Gott glauben. Dabei wollen doch eigentlich alle nur dasselbe: die Liebe finden. Sibylle Berg über Liebe - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,854264,00.html)
Wenns wirklich so wäre, dann würden wir nicht gegen Menschen kämpfen. Doch es ist nicht so. Das sieht man auch ganz einfach wenn man eigene Kinder großzieht - der Aufwand, dass sie anderen Kindern nicht im Streit an die Gurgel gehen, dass sie sich lieb verhalten. Nein, Liebe finden ist nur eine Motivation des Menschen unter ganz vielen. Aber weil so positiv besetzt wird sie gerne überhöht.
2. Nach einer Weile bekommt man Hunger
DerSponner 08.09.2012
nach 12 Stunden kuscheln im Bett wird man vielleicht hungrig. Dann gehen die Probleme los.
3. Viele Themen...
W. Robert 08.09.2012
Nun ja, die „Evolution“ ist ein Kampfbegriff. Darwin beschreibt die Selektion durch die Dominanz des Stärkeren. In der Natur dominieren aber die Symbiosen. Selbst die „Raubtiere“ sind in ökologische Systeme eingebunden, was die „modernen Darwinisten“ gern verdrängen. Man kann Darwin also als Ideologen betrachten. „Denn Goethe war sich damals sicher, daß 'man nämlich den Unterschied des Menschen vom Tier in nichts einzelnem finden könne. Vielmehr ist der Mensch aufs nächste mit den Tieren verwandt'. http://achdulieberdarwin.blogspot.de/2009/06/goethe-darwin-und-lefebvre.html“ Und so neu scheinen Darwins Ideen auch nicht gewesen zu sein.
4.
Knighter 08.09.2012
Zitat von testthewestWenns wirklich so wäre, dann würden wir nicht gegen Menschen kämpfen. Doch es ist nicht so. Das sieht man auch ganz einfach wenn man eigene Kinder großzieht - der Aufwand, dass sie anderen Kindern nicht im Streit an die Gurgel gehen, dass sie sich lieb verhalten. Nein, Liebe finden ist nur eine Motivation des Menschen unter ganz vielen. Aber weil so positiv besetzt wird sie gerne überhöht.
ich habe den text eher so verstanden, daß sich die liebe auch über die grenzen von partner, familie und freunde hinaus erstrecken müsste, was manchmal oder sogar sehr oft verdammt schwer sein kann bei all der hirnlosigkeit "da draussen", aber oft muss man einfach nur still sein und beobachten, seine mitmenschen als teil seiner eigenen familie betrachten. ich tue das manchmal in der u-bahn unbewusst und dabei realisiere ich den schwerz - ich sehe schwarze, weisse und alles dazwischen, ich stelle mir vor, daß es da mal gemeinsame vorfahren gab, hunderttausende jahre früher, wir waren da eine kleine familie, im zwist oder auf der suche nach dem irgendwo auseinandergegangen. nun treffen wir uns wieder, doch anstatt zu sehen, daß wir alle eins sind, die verbundenheit zuzulassen, gibt es nur hass und arglist wegen unbedeutender dinge, die nur im kopf vorgehen...es ist traurig...
5. optional
Epf 08.09.2012
Sehr sehr sehr sehr sehr sehr schöner Text. Der müsste jetzt nur noch zwei Hürden überwinden. Die eine schwer, die andere praktisch unüberwindlich: 1. Die richtigen (also die falschen) Menschen müssten ihn lesen. 2. Diese Menschen müssten ihn wirklich VERSTEHEN. Werden Sie wieder zynisch, Frau Berg, dann tut einem die grundsätzliche menschliche Dummheit, die Sie beschreiben, beim Lesen nicht ganz so weh.
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