S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Liebe ist alles, sonst ist alles nichts

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Manche Menschen behaupten ja, dass die Liebe überbewertet ist, weil jedes Paar irgendwann gemeinsam unglücklich wird. Das ist Unsinn - und gefährlich. Denn dieses großartige Gefühl ist das einzige, das die Menschheit noch vor dem Untergang bewahren kann.

"Ich glaube, der Liebe wird zu viel Bedeutung beigemessen. Ihr kommt fast die Rolle einer neuen Religion zu, sie soll Sinn stiften und für ein erfülltes Leben sorgen", sagte Autorin Christiane Rösinger vor einiger Zeit in einem Gespräch - und lieferte direkt ein Buch zur knallharten These mit dem Titel "Liebe wird oft überbewertet" nach.

Warum auch nicht?

Das Erfreuliche in Zeiten des sich ständig beschleunigenden Kapitalismus ist, dass jeder fast alles machen und sagen, denken und schreiben kann, was er will. Jeder, ich nehme mich nicht aus, kann vor sich hinblubbern, keifen, stänkern, kann seine Unmut über die überfüllte Welt kundtun, sie wird es ihm nicht danken. Die Welt, um es einfach zu sagen, doesn't give a shit. Sie macht weiter mit dem, was sie am besten kann: sich auf den kompletten Ruin durch die Menschen, die auf ihr herumspringen, einzustellen.

"Das Pärchentum bringt immer die schlechtesten Eigenschaften des Einzelnen nach oben und produziert deshalb am laufenden Band unglückliche Paare, die wie geprügelte Hunde nebeneinander durchs Leben schleichen", schreibt die Autorin in dem Buch. Vielleicht schreibt sie auch noch vieles, das wirklich ungemein interessant ist. Allein, nach diesem schlechten, in einem Interview zitierten Satz, werde ich es nie erfahren.

Mir fehlt die Kraft für Gedanken, die mir vermutlich nicht verraten werden, wie man sein Leben in einer anständigen Art zu Ende bringen kann, und die nicht den Ansatz einer Idee zur Rettung unserer Erde beinhalten. Früher, als der Planet noch nicht zu explodieren drohte, als die Überbevölkerung und die Armut in einer Entfernung stattfanden, in der man sie ignorieren konnte, widmeten sich die Menschen in einer ähnlichen Form, wie sie heute ihre Kinder zu kleinen Hunden dressieren, ihren Liebesgeschichten.

Es war die Zeit, in der Worte wie Abstand, Freiheit, Intimgrenze, Loslassen, Selbstbestimmung, neue Modelle, offene Beziehungen, serielle Monogamie, noch interessant waren, in scheinbarer Ermangelung wirklicher Probleme. Es gab die völlig beknackte Idee, mit seinem Partner einmal in der Woche Qualitätszeit zu vereinbaren. Es gab vielleicht auch unglückliche bürgerliche Paare, die sich aus irgendwelchen Gründen das Leben zur Hölle machten, wenn man Botho Strauß glauben mag. Früher ging es um die Selbstverwirklichung und die Karriere, das war in den Achtzigern. Unterdessen sollten wir verstanden haben, dass einem eine Karriere keine kalten Lappen auf die Stirn legt, wenn man krank ist.

Alles außer der Liebe ist überbewertet.

Sie ist das Einzige, das die Menschheit vor dem Untergang bewahren kann. Denn wer liebt, will, dass es dem Geliebten gut geht, dass es dem Kind gut geht, der Familie oder dem Freund. Die Paare, die wie geprügelte Hunde nebeneinander herlaufen, tun das meist nicht, weil sie lieben, sondern weil sie leben müssen. Weil sie immer mehr arbeiten müssen, ihnen klar ist, wie hilflos sie im Getriebe des kapitalistischen, geschwürhaften Systems sind und wie gefährdet ihre kleine Liebe in dieser großen kranken Welt ist.

Die Liebe kann nicht hoch genug bewertet werden, liebe Autorin, die sie vielleicht unglaublich glücklich alleine sind. Unbenommen, das mag es geben. Allein: Es hilft keiner Sau, wenn wir uns alle das letzte Gefühl, das uns retten könnte, abgewöhnen.

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insgesamt 135 Beiträge
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    Seite 1    
1. Gratulation Frau Sybille zu dieser Einsicht!
Centurio X 16.06.2012
Ich lese Ihre Beiträge regelmäßig und habe bisher nicht viel Gutes darin für meine persona verinnerlichen können. Aber der Inhalt dieser Kolumne zeigt mir, daß ich mich in Ihnen getäuscht hatte, und ich freue mich, daß ich hier mit Ihnen in einem Boot sitze,
2. ...
jujo 16.06.2012
Zitat von sysopManche Menschen behaupten ja, dass die Liebe überbewertet ist, weil jedes Paar irgendwann gemeinsam unglücklich wird. Das ist Unsinn - und gefährlich. Denn dieses großartige Gefühl ist das einzige, das die Menschheit noch vor dem Untergang bewahren kann. Sibylle Berg über Liebe und Partnerschaft - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,838662,00.html)
Endlich! Frau Sybille mal ein Beitrag von Ihnen dem ich fast bis zum letzten Komma zustimme! Warum sollen wir uns von Leuten welche ihr Leben und ihre Beziehung(en) nicht im Griff das Leben sauer machen lassen. Die glauben wenn es ihnen beschissen geht, soll es auch allen anderen so gehen. Nun gut, lassen wir sie ihre Ergüsse verkaufen, dann lieben sie vielleicht das bisschen Geld welche sie mit diesem Schmarren verdienen!
3.
RTS 16.06.2012
Zitat von sysopManche Menschen behaupten ja, dass die Liebe überbewertet ist, weil jedes Paar irgendwann gemeinsam unglücklich wird. Das ist Unsinn - und gefährlich. Denn dieses großartige Gefühl ist das einzige, das die Menschheit noch vor dem Untergang bewahren kann. Sibylle Berg über Liebe und Partnerschaft - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,838662,00.html)
Ja, so ist das. Wir reden uns ständig ein, Liebe sei überbewertet, verlieren unser Vertrauen, meinen, niemanden zu brauchen. Dann werden wir alt. Nichts hat Bestand, außer eine echte Freundschaft.
4. Wow!
WernerGg 16.06.2012
So ist es. Genau so.
5. Ein Plädoyer für den Hedonismus
zufriedener_single 16.06.2012
Nach einigen mißlungenen Beziehungen, Partnerschaften ziehe ich mal Bilanz: positiv: - Sex für umsont - gutes Essen - Reisen - interessante Gespräche - man entdeckt sich selbst neu negativ: - irgendwann wird Sex Routine - man hat alles mögliche durchprobiert, die Küche wird normal - man hat alles gesehen - Beziehungsstreß - man geht zur Paartherapie - man hat neue Seiten bei sich entdeckt, die nicht so toll sind - auf das Verliebtsein folgt der Endzeitblues --> Alleinesein ist auch nicht so übel :-)
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