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Debatte um "Brigitte"-Models: Die Otto-Normal-Machos

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"Brigitte"-Diät mal anders: Der neue Chef der Frauenzeitschrift erwägt offenbar, wieder schlanke Profi-Schönheiten zu zeigen statt rundliche Amateur-Models wie zuletzt. Eine Niederlage im Kampf gegen den Magerwahn? Nein. Denn das Image-Make-up mit den Normalo-Frauen war eine Farce.

"Brigitte"-Titel mit Laienmodel: Was ist eigentlich normalgewichtig? Zur Großansicht
Brigitte

"Brigitte"-Titel mit Laienmodel: Was ist eigentlich normalgewichtig?

Mit seiner plakativen Ansage, nur noch sogenannte normale Frauen als Modelle in der Zeitschrift "Brigitte" einzusetzen, meinte Chefredakteur Herr Andreas Lebert es offensichtlich sehr gut mit den Frauen. Gegen den Schlankheitswahn! Gegen das Modediktat!

Er wollte damit offenbar Identifikation für sogenannte normale Frauen bieten. Und mir ist damals schlecht geworden.

Wer bestimmt bitte, was eine normale Frau ist? Feministisch denkende Männer reden nicht so einen Stuss, sondern sie überprüfen ihr Hirn auf patriarchale Denkmuster. Die 2009 ausgerufene neue Solidarität der "Brigitte" mit den Frauen hatte also etwas seltsam sich nach unten Beugendes. Sie roch irgendwie nach Arztpraxis, denn sie bedeutete: Entspricht ihr Körperbau, der Ernährung, Genetik, Krankheit oder auch Mangelernährung (bei Männern heißt das Askese) zu verdanken ist, nicht der durchschnittlichen Konfektionsgröße von 38/40, muss eine Frau sich dem Generalverdacht einer Störung stellen.

Spätestens seit der Begriff der Anorexie ins Unterhaltungsfernsehen Einzug gehalten hat, muss sich jede Frau, deren Leib von der Norm abweicht, ungefragt Verhaltens- und Ernährungshinweise anhören. Damit sie endlich der Norm entsprechen möge.

Reden wir also von der genormten Frau. Reden wir davon, dass in der neuen "Brigitte" eher keine deutlich über- oder untergewichtigen Frauen als Modelle zum Einsatz kommen (was ist eigentlich normalgewichtig?). Sondern die angeblich unretouchierte, ungelernte Kleidervorführkraft mit den richtigen Rundungen an der richtigen Stelle. Reden wir davon, dass in der "Brigitte" keine körperlich behinderten Frauen abgebildet werden, keine glatzköpfigen und auch keine kleinwüchsigen Frauen. Mit Leberts Ansage wurde Normalität vorgeschrieben - in völliger Verkennung des Umstands, dass die Mode natürlich über Begehrlichkeiten funktioniert, über die Inszenierung und den Schein.

Professionelle sind vermutlich einfach billiger

Professionelle Modelle hatten vermutlich bereits seit Erfindung ihres Berufstands einen geringeren Body-Mass-Index (der heute sehr wichtig ist, um die Normalität des akzeptierten Menschmaschinenkörpers zu überprüfen), als die vielen, vielen Frauen, die schwergewichtiger durch den Alltag liefen. Dennoch scheint es die wenigsten Verbraucherinnen damals in eine gefährliche Magersucht getrieben zu haben. Und zwar genauso wenig wie der Anblick von Balletttänzerinnen, Leichtathletinnen oder Karatekämpferinnen die Frauen in eine gefährliche Magersucht zu treiben scheint. Denn man weiß ja schließlich auch nichts von Frauen, die sich mit Nobelpreisträgerinnen verglichen und sich danach die Lampe ausbliesen, weil ihr eigener Intelligenzquotient unter 200 Punkten lag.

Verstörender als ein schlanker Körperbau ist heutzutage einzig der Umstand, dass 15-jährige Mädchen auf Laufstegen arbeiten, deren Körper - wenngleich lang und schlank - noch Kinderkörper sind. Verstörend ist, wenn nach wie vor im Fernsehen und in Magazinen verächtlich über zu dicke, über zu dünne, über zu alte und über zu operierte Frauen gesprochen wird. Wenn in Print- oder TV-Magazinen hängende Brüste und Cellulite verhandelt werden. Verstörend ist es, dass die in vielen Medien allgegenwärtigen Beleidigungen gegen Frauen ein Fall für die Menschenrechtskommission wären, richteten sie sich gegen eine Ethnie oder eine gesellschaftliche Minderheit.

Die Verächtlichmachung des weiblichen Körpers in den Medien prägt das Verständnis des eigenen Körpers junger Mädchen in einer so massiven Art, wie es ein paar Fotos der Haute-Couture-Schauen niemals vollbrächten. Bei der "Brigitte" erwägt man nun, mit ihrem neuem Chefredakteur Stephan Schäfer, wieder auf diese alten Modelle zu setzen. Auf Professionelle, die, so vermutet man es in Fachkreisen, einfach sehr viel billiger sind als die "Brigitte"-Laien, die sich nicht vor Kameras zu bewegen wissen.

Sehr galant kann eine Frau den Beurteilungen durch Frauenmagazine, durch die Modebranche und durch die Unterhaltungsindustrie übrigens entgehen, indem sie ihr Gehirn trainiert. Und ihren Körper als dessen gepflegte Halterung begreift.

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insgesamt 139 Beiträge
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1. Danke!
antonie7 04.09.2012
Sie sprechen mir aus der Seele. DANKE!!!
2. Auch wenn's schwerfällt ..
Milmo 04.09.2012
Zitat von sysopJeanette Schaun"Brigitte"-Diät mal anders: Der neue Chef der Frauenzeitschrift erwägt offenbar, wieder schlanke Profi-Schönheiten zu zeigen statt rundliche Amateur-Models wie zuletzt. Eine Niederlage im Kampf gegen den Magerwahn? Nein. Denn das Image-Makeup mit den Normalo-Frauen war eine Farce. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,853697,00.html
... wo Frau Berg rechthat, hat sie recht.
3. Der feministisch denkende Mann an sich...
nurmeinsenf 04.09.2012
"Feministisch denkende Männer reden nicht so einen Stuss, sondern sie überprüfen ihr Hirn auf patriarchale Denkmuster." Vielen Dank für den Schmunzler, Frau Berg. "Feministisch denkende Männer" aus dem gendertheoretischen Elfenbeinturm dürften in der realen Geschäftswelt ungefähr so häufig anzutreffen sein wie Schnee in der Sahara, und ich bezweifle, daß in den "Brigitte"-Redaktionsräumen die Worte "patriarchales Denkmuster" im letzten Jahr, wenn denn je, gefallen sind.
4. keine Freunde mehr ??
subculture 04.09.2012
Na ja, es ist ja ein offenes Geheimnis, viele der sogenannten Amateure, sind zum Teil Ex-Models (oder welche die es zumindest mal versucht haben), der andere Teil kommt aus dem Umfeld / Freundeskreis der Redaktion. Ihnen gehen halt die Freunde aus.
5. Reality check
a.weishaupt 04.09.2012
In welchem Universum lebt Frau Berg? Allgegenwärtige Beleidigungen gegen Frauen in den Medien? Da wurde ja wohl das Geschlecht verwechselt. Nach dem gängigen Bild der Medien sind Frauen Alleskönnerinnen, die den tumben und unbeholfenen Männern die Show stehlen.
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