S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Ja, sie darf Geld verdienen

Der Film über das Schicksal der Natascha Kampusch kommt ins Kino - und schon wird gegrummelt, dass die junge Frau mit ihrer Rolle als Gewaltopfer nicht angemessen umgeht. Dabei ist genau das ihr gutes Recht: mit ihrem Leben zu tun, was sie will.

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Natascha Kampusch bei Filmpremiere: Das geht uns alle nichts an
AP/dpa

Natascha Kampusch bei Filmpremiere: Das geht uns alle nichts an


Und jetzt also Natascha Kampusch, der Film. "3096 Tage" heißt er. In den Medien denken Journalisten öffentlich darüber nach, was Frau Kampusch nach acht Jahren Eingesperrtsein im Keller in die Öffentlichkeit treibt, warum sie redet, wie sie redet, warum sie ein Buch schrieb, diesen Film zulässt. Warum sie nicht fein ordentlich wie die Fritzl-Kinder aus dem Licht der Aufmerksamkeit verschwindet. Und warum sie uns per Anwesenheit zu Gedanken nötigt.

Die Anteilnahme am Fall Kampusch ist schon lange nicht mehr der Geisteskrankheit des Täters geschuldet, sondern hat immer mit Vorwürfen an das Opfer zu tun, das sich einfach nicht korrekt verhalten mag. "Aber der Mythos von einer starken, siegreichen Überlebenden, der sie hatte schützen sollen vor den Zumutungen einer aggressiven Umwelt, der wankt." Grummelt eine Journalistin in der "Süddeutschen Zeitung", die vermutlich ebenso wenig in einem Keller wohnte wie die meisten von uns.

Das ist auch in Ordnung. Man muss ja nicht im Krieg gewesen sein, um Überlebensmechanismen zu erforschen. Nur verstehen wird man sie vermutlich nicht.

Eine Frau versucht, die Aggression eines Mannes zu überleben. Damit steht sie nicht allein. Neben all jenen, die freundliche Partner an ihrer Seite haben, die ihre Männer, Väter, Brüder zu Recht lieben, sind es vermutlich mehrere Millionen Frauen und Kinder - kurz: körperlich Unterlegene -, die täglich irgendwo auf der Welt versuchen zu überleben. Die durch Intrigen und Beschwichtigung, durch Schauspiel und Selbstverleugnung versuchen, nicht geschlagen, nicht vergewaltigt, nicht getötet oder vielleicht auch einfach nur nicht verbal verletzt zu werden.

Nichts ist Frauen verhasster als Gewalt

Was für eine unglaubliche Verschwendung von Energie, mit der wir vermutlich den ganzen Planeten heizen könnten. Was für eine riesige Beschwichtigungsmaschine da jeden Tag angeworfen wird, nur um eine Laune der Natur - die verhältnismäßig größere Muskelmasse der Männer - ohne Gefährdung der eigenen Gesundheit zu überstehen. Nichts ist vielen Frauen verhasster als die Androhung von Gewalt, die sie oft schon im Dominanzverhalten von Männern lesen.

Mir sagten Männer oft, dass sie sich überhaupt nichts dabei denken, wenn sie schreien, laut, aggressiv werden. Was könnten sie denn dafür, dass mir keine Aggression angeboren ist?

Aber ich bin guter Hoffnung, dass sich, so wie wir gelernt haben, dass man Kinder nicht anschreien, schütteln und schlagen soll, auch irgendwann das Verhältnis von Mann und Frau ändern kann. Vielleicht wird irgendwann, nach dem Verabreichen entsprechender Barbiturate, auch der Umgang aller Menschen sanft und freundlich. Vielleicht verlangsamt sich das Denken so erfreulich, dass jeder erst zu Ende denkt, ehe er oder sie eine Meinung äußert.

Zum Beispiel darüber, wie sich die Opfer von Gewalt korrekt zu präsentieren haben. Um nicht zu sagen, dass irgendwann auch keiner mehr darüber urteilt, wie sich Frauen generell zu präsentieren haben.

Ob Frau Kampusch Geld mit ihrem Buch und der Verfilmung verdient oder nicht, geht uns alle nichts an, es steht zu hoffen, denn sie hat ihre Jugend verloren. Und ob sie in der Lage ist, in unserer Zeit, die mehr als nur auf das Überleben des Fittesten eingerichtet ist, Geld für ihr Leben zu verdienen, ist unklar. Ob sie leise spricht oder laut, zu klug für die meisten oder gar nicht - ist doch vollkommen egal.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 269 Beiträge
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Seite 1
nrwfo 02.03.2013
1.
Sie haben ja so Recht.
mbraun09 02.03.2013
2.
Dann muss sie aber auch mit den Folgen leben. Nämlich, dass das Mitgefühl durch unablässig nervende Medienpräsenz in Ablehnung umschlägt. Sie sollte sich mal langsam darauf konzentrieren zu versuchen, endlich ein normales Leben zu führen. Und nicht ihre Geschichte in JEDE Kamera zu erzählen.
Spiegelleserin57 02.03.2013
3. Diese Frau...
Zitat von sysopAP/dpaDer Film über das Schicksal der Natascha Kampusch kommt ins Kino - und schon wird gegrummelt, dass die junge Frau mit ihrer Rolle als Gewaltopfer nicht angemessen umgeht. Dabei ist genau das ihr gutes Recht: mit ihrem Leben zu tun, was sie will. Sibylle Berg über Natascha Kampusch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-natascha-kampusch-a-885690.html)
kann tun was sie will, ihr gutes Recht! Vielleicht sind einige sogar neidisch auf sie dass sie nun im Rampenlicht steht. Wer sich wie zu verhalten hat, da gibt es keine Vorschriften. Ich wünsche ihr dass sie Versäumtes nachholen kann und erkennt was für sie das Beste ist!
meinmein 02.03.2013
4.
Die Frau war ihre ganze Jugend lang hilflos von einem Perversen eingesperrt. Sie hätte eine lebenslange Rente von der Gesellschaft verdient, die sie als Kind nicht schützen konnte.
Spiegelleserin57 02.03.2013
5. das tut sie ja auch!
Zitat von mbraun09Dann muss sie aber auch mit den Folgen leben. Nämlich, dass das Mitgefühl durch unablässig nervende Medienpräsenz in Ablehnung umschlägt. Sie sollte sich mal langsam darauf konzentrieren zu versuchen, endlich ein normales Leben zu führen. Und nicht ihre Geschichte in JEDE Kamera zu erzählen.
Wo ist das Problem, es gibt keins! Sie muss ihren Weg finden wie wir alle. Dazu wünsche ihr viel Erfolg! Mit dem Erlös kann sich vielleicht noch Einiges nachholen aber das muss sie alleine für sich entscheiden. Alle anderen sollten sich einer "Einweisung" enthalten!
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