S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Hoffnung ist der große Bruder der Verblödung

Fernsehformate wie "Newtopia" lassen Teilnehmer auf große Karrieren hoffen. Doch das Leben geht weiter - nur eben ohne sie. Warum sind die Kandidaten nicht einfach mal ordentlich pessimistisch?

"Newtopia": Chance auf ein besseres Leben?
SAT.1

"Newtopia": Chance auf ein besseres Leben?

Eine Kolumne von


Die heiße Neuigkeit zum Zeitpunkt der Textlegung erscheint wie alles Gute auf Twitter:

Jetzt die Nachricht noch mal langsam lesen. Und verstehen. Vicky also. Ist die krass drauf. Menschen bleiben kopfschüttelnd auf der Kreuzung stehen, steigen aus ihren Autos aus, ringen ihre Hände (hab ich nie verstanden, wie das geht), skandieren Sprechchöre, Blumen, Konfetti und so weiter, bis einer fragt: Who the fuck is Vicky?

Ich kann es Ihnen auch nicht verraten, ich nehme an, dass sie bei "Newtopia" herumeiert, ja natürlich, Sie haben das alle nicht gesehen, weil Sie während ihrer knappen Freizeit Kantaten schreiben, dito hier, aber aus Versehen, auf der Suche nach einem guten Tierfilm, habe ich diese unendlich hilflose Sendung zehn Minuten lang betrachtet. Frau Richterin, ich schwöre, nur zehn Minuten. Die genug waren, um sehr, sehr traurig zu werden. Da war keine "selber Schuld ,warum geht ihr zu solchen Schrottformaten"-Häme - sondern ein für meine Hartherzigkeit erstaunliches Mitgefühl.

Es kann ja noch nicht alles sein, was man hier hat

Das hatten sie sich doch anders vorgestellt. Vermutlich war es einigen wie ein Lotteriegewinn erschienen, als sie die Zusage vom Sender erhielten. Jetzt würde was passieren. Ein Jahr, das das gesamte Leben ändern könnte. Bekannt werden, Autogramme, Limousinen, Einweihungen von Supermärkten, vielleicht eine Modell-/ Moderatoren-/ Schauspieler-/ Schmuckdesigner-Karriere. Endlich, endlich etwas, das das normale Leben zu einem außergewöhnlichen Leben werden ließe. Und nun sitzen sie da in dem Holzhaus, langweilen sich und nichts passiert. Innen. Und Außen. Aber das können die im Zwinger noch nicht wissen. Sie werden irgendwann den öden Ort verlassen, auf Blitzlicht und Angelmikrofone hoffen, doch außer drei Bauern, die von den Traktoren winken, wird nichts passieren. Das Leben draußen ist weitergegangen, nur einfach ohne sie.

Man mag sich gar nicht vorstellen, welches traurige Schicksal künftige Mars-Auswanderer erwartet.

Wenn die Mission ähnlich spannend wird wie "Newtopia", nur eben auf dem Mars, steht zu befürchten, dass sie ihr Leben in karger Einöde absitzen, sich gegenseitig schmerzende Zähne ziehend, und keiner schaut zu.

Was vielleicht ein schönes Motto für die Menschen sein könnte, die immer denken, dass das richtige Leben irgendwann beginnen wird, denn es kann ja noch nicht alles sein, was man hier hat, in dem unzulänglichen Wetter. Hoffnung ist der große Bruder der Verblödung. Warten und hoffen, dass etwas passiert. Ein Lottogewinn, eine Beförderung, entdeckt werden, irgendein verdammter Zufall, der nicht eintritt.

Ich gehe immer davon aus, dass nichts gut wird, es keine Wunder gibt, Verträge platzen, Menschen nicht erscheinen, es regnet, die Welt untergeht. Man nennt das Pessimismus. Eine wohlfeile Charaktereigenschaft, die die etwas gereizte tägliche schlechte Laune ab und an mit großen Überraschungen belohnt.

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insgesamt 80 Beiträge
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Tick & Doof 18.07.2015
1. Drachenlord
Was besseres gibt es aktuell nicht wenn man auf sowas steht. Und seine Fans sind die besten, Swatting, Hacking - alles dabei.
waldemar 18.07.2015
2. Ich kann und will mir ...
... nicht vorstellen, was einem vernünftig denkenden Menschen dazu bewegen soll, sich sowas überhaupt anzuschauen. Niemand wird durch so ein Format berühmt, niemand wird "Superstar". Niemand heiratet den Bachelor. Ganz im Gegenteil: Die Teilnehmer machen sich nur lächerlich. Glaubt Ihr nicht? Einfach nur vor Augen führen: Das sind Nullperformer, die Euch Euren Sauerstoff wegatmen!
twister-at 18.07.2015
3. Nun ja
Manch einer möchte ggf. später einfach bekannt sein, dann kann er Theaterstücke schreiben oder Kolumnen, die einfach nur wiedergeben, was er denkt, egal ob es in sich konsistent ist oder nicht. Wieso auch nicht? Ich nehme mal an, das Geld für diese Kolumne wird auch gerne angenommen obgleich es ja nur die eigene kurze Befindlichkeit darstellt, die deshalb Geld wert ist weil irgendjemand mal dafür sorgte, dass die Kolumnistin bekannt ist bzw. über sie geschrieben wird, über ihre Werke usw. Warum sollte es nicht auch Vicky usw. so gehen, dass sie darauf hoffen, dass es ihnen ähnlich geht? pessimismu, rEalismus, Hoffnung, falsche Hoffnung...? Warum nicht einfach mit einem gewissen Lbensmut und Optimismus, aber auch (Selbst)kritikfähigkeit, Ehrlichkeit und Freundlichkeit und Höflichkeit durchs Leben gehen und weder mit dem Schlimmsten rechnen noch immer das Beste erwarten, sondern das Leben nehmen, wie e kommt, sich zwar engagieren, aber auch nicht verzweifeln, wenn es nicht bringt und nicht andere als schlechter ansehen?
mac4me 18.07.2015
4. Es hätte...
...ein interessantes Experiment werden können. Talpa, die Betreiberfirma, hat einige 10 Millionen € in das Projekt investiert. Und die Idee, die soziale Interaktion einer Gruppe zu Unterhaltungszewcken zu nutzen, ist weder neu, noch grundsätzlich abzulehnen. Leider hat Talpa aber viele Fehler gemacht. Es wurde inszeniert, obwohl "pure reality" versprochen worden war (die aber, wie jeder weiß, oft langweilig bleibt), die eigenen Regeln wurden gebrochen und die Zusammensetzung der Gruppe, die eher aus Kleindarstellern besteht, die teilweise wenig soziale und berufliche Kompetenz haben, war nicht glücklich. Im Endeffekt blockiert sich die Gruppe selber, da jeder sein "eigenes Ding" durchziehen will, gemäß den Regeln der Ego-Gesellschaft, anstatt sich zu einigen und dann gemeinsam das Beschlossene zu realisieren. Dabei sind die Tageszusammenfassungen noch gar nicht einmal so schlecht, da sie oft witzig und ironisch aus dem Off kommentiert werden. Schaut man sich den Livestream an, bekommt man allerdings schnell mit, daß diese nur auf "gute Geschichte" getrimmt sind, anstatt die Realität in Zeesen, wo das Ganze stattfindet, abzubilden. Fazit: "Ein bißchen Skripten" funktioniert nicht. Wer auf gefakte Realität steht oder wem das egal ist, der landet gleich bei "Berlin Tag und Nacht". Das will offenbar auch ein größerer Teil des Zielpublikums, deshalb sinken die Einschaltquoten.
leonesch 18.07.2015
5. 10 Minuten?
Liebe Frau Berg, in dieser Zeit hätte ich doch lieber schon mal in ein feines Büchlein geschaut, in dem es was zu erleben gibt. Was zum schmunzeln, was zum weinen, ein Buch mit lauter verrückten Menschen & Tieren – kurzum: ein Abenteuer aus der weiten Welt. Und in diesen 10 Minuten hätte es mir dann vielleicht gedämmert, dass ich auch noch die nächsten 1,110 Minuten damit verbringen möchte, oder gar noch mehr. Hat schon mal jemand ausgerechnet, wieviel Geld allein die Batterien für so eine Fernbedienung kosten, pro Jahr? Ziemlich genau so viel wie ein schönes Buch, nämlich. Vergnügtes Wochenende, Ihr Leon Esch
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