S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Auf Alarm geschaltet

Die Angst des Deutschen vor der Welt: In Dresden geht es ja gar nicht um den Islam. Jede Demonstration ist ein Schrei nach Sicherheit.

Eine Kolumne von


Es sind Menschen aus der Mittelschicht, die bei Pegida mitmachen. Menschen aus der Mittelschicht sind Menschen, die man verstehen kann, wenn man einen Moment innehält. Die Menschen wollen ihre Ruhe. Sie sind verwirrt über die Welt, die scheinbar oder real gerade an allen Ecken zu explodieren scheint. Da bleibt doch kein Stein auf dem anderen, und alles, was man sich für sein Leben vorgestellt hatte, scheint infrage gestellt.

Vielleicht wird der Job morgen weg sein, das Geld, ein doppelverdienendes Paar wird deine Wohnung bewohnen, ein Hochwasser dein nicht abbezahltes Haus vernichten. Es gibt keine Sicherheit mehr, auch wenn sie nur angenommen war. Es gibt nichts mehr zu erreichen, denn wohlhabend wird in unserem System doch keiner mehr, der sich in einem Angestelltenverhältnis befindet oder einen kleinen Betrieb hat.

Was nutzt der Wohlstand Deutschlands?

Diese Scheißwelt überfordert uns mit ihren täglichen Horrormeldungen. Und es werden jeden Tag mehr. Die Einschläge kommen näher, und keiner, keiner wird dich hören in deiner Angst, denn du bist unwichtig. Da soll man keine Wut bekommen? Da soll man nicht ängstlich sein und um sich schlagen? Da soll man nicht in stillen Momenten in den Schlager fliehen und die Vorhänge schließen? Das ist doch alles zu viel für unseren Verstand, da muss man nach einfachen Formeln suchen, klaren Feinden.

Die Pulverisierung aller Werte, an die die meisten geglaubt haben - lerne etwas, führe ein ordentliches Leben, zahle deine Steuern, dann wirst du im Alter mit einer Rente und einem fast abbezahlten Eigenheim belohnt - lässt die Menschen ratlos zurück. Lässt sie vergessen, dass die Regierung, die sie hassen, von ihnen gewählt wurde. Oder eben nicht.

Was nützt die Verhöhnung der German Angst, die Aufzählung der objektiven Fakten, der angebliche Wohlstand Deutschlands, die relative Sicherheit Europas, wenn sie so nicht empfunden wird? Wenn das Gefühl auf Alarm geschaltet ist, die Synapsen Todesangst vermitteln? Es ist vermutlich egal, gegen was da demonstriert und geschrien wird, gegen Ausländer oder Gebäude, gegen Chemtrails oder Grundwasserverseuchung - es ist doch nur ein Schrei nach Sicherheit.

Wir waren gierig und faul

Die Menschen, glaubt man den Studien, wollen sich nicht neu erfinden, wenn sie auf dem Weg in die zweite Hälfte ihres Lebens sind. Sie wollen sich nicht abfinden mit der Realität in Europa, die heißt: Es gibt nichts mehr, auf das du dich verlassen kannst. Und keine Regierung wird daran etwas ändern.

Die Welt ist in einer Entwicklung, deren Ausgang unseren Verstand überfordert. Und die keiner mehr stoppen kann. Die einen werden extrem religiös, um den Irrsinn zu überstehen, die anderen wütend oder verzagt. Wir werden weder unsere Grenzen schließen können, noch wird ein Krieg gegen Ausländer etwas an der Unsicherheit ändern, die Generationen irrsinnigen menschlichen Handelns hinterlassen haben. Jeder kämpft gegen jeden, Verteilungskämpfe, Glaubenskämpfe, Terror und Hass. Der nicht weniger wird, wenn Gruppen gegen andere Gruppen auf die Straße gehen.

Vielleicht ist Chemie aus Flugzeugen schuld, vielleicht Banker oder die Mafia, Außerirdische oder Gott. Ich glaube einfach, wir alle sind an der Situation, in der wir uns befinden, mit schuld. Zu gerne haben wir billige Waren konsumiert, sind in den Urlaub gefahren, haben uns benommen wie Idioten, haben uns nicht für Politik interessiert, unsere demokratischen Rechte nicht wahrgenommen, wir waren gierig und faul. Fast jeder von uns. Aber wer will das schon lautstark betrauern?

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insgesamt 172 Beiträge
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Seite 1
lemmy 17.01.2015
1. Wir sind selber schuld ?
Frau Berg, das ist großartig geschrieben und bringt fast alles auf den Punkt. Nur leider ist Ihre Schlussfolgerung am Ende Ihres Beitrages voll daneben: Wir sind selber schuld ? Was Sie in Ihrem Artikel "beklagen" ist genau das, was der Papst kürzlich gesagt hat: "Die Märkte sind wichtiger geworden als die Menschen und die Märkte "töten" Menschen". Aber schuld daran sind nicht wir, sondern die allmächtige Politik, die sich einer Klientelpolitik verschreibt, die ihresgleichen sucht. Und eine Wahl haben wir nie wirklich gehabt, im wahrsten Sinne des Wortes: Egal welcher politischen Richtung die Regierungsmacht gehört, sie alle erliegen über kurz oder lang dieser Lobby-Politik. Diese Politik wird doch schon lange - und dies natürlich nicht nur in Deutschland, sondern weltweit - in sogenannten "Think-Tanks" hinter den Kulissen durchdacht und ausgefeilt. Und bitte jetzt nicht wieder ein Shitstorm zum Thema "Verschwörungstheorien", die Existenz dieser dubiosen Institute, Vereine und Gesellschaften, in denen das "Who is Who" unserer Gesellschaft - incl. Journalisten - verkehrt, ist längst hinlänglich bekannt, und dank Internet kann das jeder nachlesen. Deshalb wie wahr Ihre Aussage: "Wohlhabend wird in diesem Land keiner mehr", ganz im Gegenteil, die Armut nimmt zu, die Schere wird immer größer, gerade in Deutschland. Die "schwarze Null" wird wie eine heilige Kuh durchs Dorf gepeitscht auf dem Rücken aller kleinen Steuerzahler, die sich dafür anschauen können, wie ihr Land und sie selbst kaputt gespart werden, aber Banken, Märkte und ganze Länder mit Milliarden gerettet werden, woran wiederum auch wieder nur Banken verdienen. Alles beim alten: Geld regiert die Welt, und das haben nur noch wenige Privilegierte. Und dann gibt es am Ende eine ganz banale sozio-psychologische Reaktion: es werden Ängste geschürt, die sich dann in grenzenloser Wut irgendwo kanalisieren. Die Rattenfänger unterschiedlichster Couleur (ob rechts oder links, islamophob, islamophil, Antisemit oder anders, egal) machen sich das zu Nutze. Und am Ende stehen wir dann vor dem Scherbenhaufen, so wie jetzt. Und was sollen wir jetzt tun ? Da fällt mir nur das Ende Ihres letzten Artikels ein: Jeden Tag versuchen kein "Ar*******" zu sein (sorry, ist nur ein Zitat)!!
Immanuel_Goldstein 17.01.2015
2. German Angst ist in meinen Augen ein Krankheitsbild
Die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland Opfer eines Terroranschlags zu werden ist faktisch 100 mal niedriger, als einen 6er im Lotto zu haben. Viel höher dagegen ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines U-Bahn-Mörders zu werden, vom Krokodil verspeist zu werden, im Schwimmbad zu ertrinken, ganz zu schweigen von der 100.000 mal höheren Wahrscheinlichkeit, in einen tödlichen Autounfall verwickelt zu werden. Das sind die statistischen Fakten, die absichtlich niemals kommuniziert werden, damit unsere Politiker immer schön die Ängste schüren können. Deshalb ist es nicht von der Hand zu weisen: Wer Angst vor Terroristen hat, sollte psychiatrische Hilfe aufsuchen, aber nicht ohne die Angst, auf dem Psychiater-Sofa an Herzversagen zu verscheiden. Denn selbst letzteres ist wahrscheinlicher, als ein böser Islamistenbomber.
agua 17.01.2015
3.
Umarmung Frau Berg. Die Welt ist aus den Fugen geraten . So etwas geschieht nicht von heute auf morgen,sondern ist das Ergebnis einer Entwicklung. Ich befürchte,dass wir damit leben müssen. Und das Betrachten von schrecklichen Nachrichten in der Ferne der Vergangenheit angehören wird.
fleur.kp 17.01.2015
4. Kolumne Frau berg
Wie recht sie hat mit dem was sie schreibt! Wir alle waren im Dornröschenschlaf. Mutti macht und regelt es ja.Wir bekommen jetzt langsam den Lohn für unsere Gleichgültigkeit. Viel schlimmer wird es noch für unsere Enkel und Kinder. Für Witwen und alleinerziehende Mütter. Sie sind die Verlierer unserer Gesellschaft.
janowitsch 17.01.2015
5. Jeden Tag versuchen kein A... zu sein
Diesen Satz aus Frau Bergs letzten Artikel habe ich auch noch im Kopf. Das ist es, was man persönlich machen kann in einer Welt, die gefühlt aus den Fugen gerät.
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