S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Willige Dame für Love-Box gesucht
Na, wie steht's? Haben Sie Lust, zwanzig Freier in einer Nacht zu bedienen? Nein? Vielleicht gibt es ja Frauen, die freiwillig mit Fremden für Geld verkehren. Aber es dürften sehr wenige sein. Wir müssen eine Lösung finden, damit nur diejenigen als Prostituierte arbeiten, die das wirklich wollen.
Kinder, Kinder. Das kann doch nicht euer Ernst sein. Die Vehemenz der unfreundlichen Reaktionen auf meine vorige Kolumne klingt, als hätte ich die Abschaffung der Religionen, des Fleischverkehrs oder eine Gesetzesvorlage zur gleichen Bezahlung von Männern und Frauen gefordert (Notiz an mich: machen). Dabei ging es um etwas recht Vernünftiges. Um die Anregung, darüber nachzudenken, was Prostitution mit unserem Bild vom Menschen macht. Ich habe nicht über männliche Prostitution geschrieben (Notiz an mich: machen), sondern über das älteste Gewerbe der Welt, wie Idioten es immer nennen, und darüber, wie es den respektvollen Blick auf Frauen verschleiert.
Es scheint, als ob die meisten Menschen es vollkommen selbstverständlich finden, dass eine Bevölkerungsgruppe, und zwar eindeutig die mit mehr Macht, über die Körper einer anderen verfügt. Selbstverständlich scheint es auch, dass man sich, nach kurzer Erregung über meine offenkundige Blödheit, sofort wieder einem neuen Thema zuwendet. Einem Bahnhof oder dem Internet. Eine Sexarbeiterorganisation fühlte sich beleidigt, schön für ihre Mitglieder, dass sie einen Zugang zum Computer haben und einen deutschen Text lesen können. Viele Frauen, die als Prostituierte arbeiten, können das nicht. In Zürich zum Beispiel kommen sie vornehmlich aus Ungarn, oder es sind Rumäninnen, die unter miesen Bedingungen auf dem Straßenstrich arbeiten. Prima, wenn einige erfolgreiche Unternehmerinnen sich eigene Bordelle aufgebaut haben, an denen sie gut verdienen, in denen wunderbare Arbeitsbedingungen herrschen.
Unsere schöne, gleichberechtigte Welt
Aber das ändert nichts daran, dass wir eine Lösung finden müssen, damit sich irgendwann nur die Menschen körperlich vermieten, die es wirklich wollen. Und ich nehme an, das sind höchstens zehn Prozent derer, die es momentan tun. Der Politiker Volker Beck, den ich an dieser Stelle sehr gerne als nächsten Bundeskanzler vorschlagen möchte, fand die Idee, Freier zu bestrafen, um bei ihnen ein Bewusstsein für ihr Handeln zu schaffen, nicht gut. Gerne würde ich eine andere hören.
Ich bin keine Politikerin, ich habe 3000 Zeichen Raum, um darüber nachzudenken, was ich auf der Welt verändern würde, wenn es in meiner Macht stünde. Einige Frauen, die meinen letzten Text lasen, fragten mich, ob nicht automatisch die Zahl der Vergewaltigungen zunähme, wenn es kaum mehr Prostituierte gäbe. Ist das eine ernsthafte Frage? Dass einige Frauen den Körper hinhalten, damit andere nicht missbraucht werden? Vielleicht gibt es wirklich ein paar tausend Frauen, oder, ja, vielleicht auch Männer, denen es Freude macht, mit Fremden für Geld zu verkehren. Die meisten gewöhnen sich vielleicht daran, aber noch viel mehr gewöhnen sich nie daran, weil sie es nie wollten.
Weil sie nach Europa gelockt wurden, verschleppt wurden, weil sie arm sind, Drogen brauchen (Notiz an mich: Drogen frei verkäuflich machen), weil sie keine anderen Möglichkeiten sehen, um zu überleben.
Wollen Sie diesen Job machen?
In einem Verschlag (toller Begriff, den ich von den Sexworkern gelernt habe: Love-Box) zwanzig Kunden in einer Nacht, in einem Zimmer, waschen, Zähne putzen, den Nächsten suchen? Wenn Sie mit einem freudigen Ja antworten, dann ist alles in Ordnung. Ich gebe dann gerne zu, dass wir kein Problem haben, über das nachzudenken sich lohnt.
In der schönen, gleichberechtigten Welt, von der wir gerne reden.
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- Samstag, 27.10.2012 – 10:00 Uhr
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Sibylle Berg lebt heute in Zürich. Sie hat bislang zwölf Bücher veröffentlicht. Ihr aktueller Roman "Vielen Dank für das Leben" (im SPIEGEL-Shop...) wird gerade ins englische und französische übersetzt. Die zwölf Theaterstücke von Sibylle Berg werden an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland gespielt. Seit ihrer letzten Co-Regie ("Angst reist mit") im Staatstheater Stuttgart ist sie Teil des Regiekollektivs Berg & Förster.- Homepage von Sibylle Berg
- Buchtrailer "Vielen Dank für das Leben"
- Autorenseite des Hanser Verlags
- Sibylle Berg auf Twitter
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