S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Unsere Feinde sind geschlechtslos

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Frauen müssen gerne mal als Schuldige herhalten - egal wofür. Das ist natürlich eine bequeme Ausflucht, um der wahren Herausforderung aus dem Weg zu gehen. Denn eigentlich sollten Mann und Frau gemeinsam gegen jene kämpfen, die unsere Welt in Stücke schneiden.

Mutter nervt, Frau nervt, Tochter nervt. Weil sie was wollen. Im Zweifel, dass der Mann etwas aufhängt, oder mal da ist, oder mal weg ist. Der gequälte Mann ist vielleicht Journalist. Er hat Gefühle und sucht ein Ventil dafür. Er überlegt sich ein Knaller-Aufmacher-Thema. Das starke Geschlecht sucht seine neue Rolle, zum Beispiel. Mal wieder die Frau, die man dann hassen kann - wegen der These mit den schwachen Männern. Sich endlich mal wieder als Opfer zeigen können. Die Jungs in der Schule, Sie wissen schon...

In der Redaktionskonferenz klopfen die Herren auf die Schenkel. Vielleicht kauert auch irgendwo eine Frau, sie ist aber gutgelaunt, das Jahr ist noch jung. Endlich was über verunsicherte Männer machen, genau. Das bringt Auflage, Quote, das haben männliche Leser gerne. Leserkommentare wird es hageln, regnen, schneien, oh Mann, es schneit noch nicht mal. Vermutlich sind die Frauen schuld.

Die Frau in Indien weiß, wie sie sich korrekt zu verhalten hat. Sie stirbt aus und ist dann mal weg. Bei uns nerven sie noch rum. Quengeln, sind bissig und wollen nicht im Stehen pissen. Nichts ist mehr, wie es war, nichts ist mehr sicher, das haben selbst die Männer gemerkt. Nicht einmal Zeitungen funktionieren mehr wie früher. Also, okay, sie funktionieren schon noch wie früher, es kauft sie nur kaum noch einer. Könnte daran liegen, dass die Betrachtung der Welt durch die eine Hälfte der Menschheit, die männliche, die andere Hälfte, die weibliche, nicht mehr rasend interessiert.

Dazu kommen die Homosexuellen, denen die männliche heteronormative Sichtweise auch zu langweilig geworden ist, weil sie sich ja nicht so sehr bewährt hat. Für die meisten. Für zwei Prozent, männlich, die das Vermögen der Welt unter sich aufteilen, schon. Also: Frauen weg, Homosexuelle weg, da bleiben nicht so viele, und die jungen Menschen lesen lieber ihre eigenen Blogs. Daran sind die Frauen schuld. Die uns schwach machen.

Denn darum geht es doch, oder?

Um unsere Vormacht, die angegriffen wird! Nicht ernsthaft!?! Allein der Versuch ist doch eine Sauerei. Die Sau. Weiblich. Da müssen wir schnell aufklären, wachrütteln, Unruhe stiften! Statt zu sagen: Kinder, wir waren alle auf dem falschen Weg.

Unsere wahren Feinde haben aber kein Geschlecht, sondern einfach das Geld. Und sie wollen mehr davon, und sie fressen uns, den Rest. Egal, als was wir auf die Welt kamen oder wen wir lieben. Aber wer will sich schon mit denen da oben anlegen, wenn man nicht einmal an sie herankommt. An die Chefs, an die Milliardäre, an die paar, die alles fressen. Lieber nicht.

Hauen wir uns also die Köpfe ein, streiten wir um Selbstverständlichkeiten wie Gleichberechtigung, bekämpfen wir uns. Aus Angst, weil es keine Sicherheit mehr gibt. Diese schöne Sicherheit unserer Eltern, die kleine Spanne in der Geschichte, die gibt es nicht mehr, alles ändert sich, und nicht zum Guten. Daran muss ja wer schuld sein.

Der Feind kommt aus den eigenen Reihen. Es sind Männer, die gerade die Welt in Stücke schneiden und sich damit füttern. Irgend etwas verändern könnte man vielleicht. Zusammen. Alle, wir, alle, wir 90 Prozent.

Eine süße Theorie? Geradezu rührend naiv und weiblich. So bin ich nun mal. Ein vergnügliches Missverstehen und eine gutes Jahr Ihnen allen.

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insgesamt 148 Beiträge
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1. .
frubi 12.01.2013
Zitat von sysopFrauen müssen gerne mal als Schuldige herhalten - egal wofür. Das ist natürlich eine bequeme Ausflucht, um der wahren Herausforderung aus dem Weg zu gehen. Denn eigentlich sollten Mann und Frau gemeinsam gegen jene kämpfen, die unsere Welt in Stücke schneiden. Sibylle Berg über Quoten-Debatte und Missverständnisse - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-quoten-debatte-und-missverstaendnisse-a-877009.html)
Nach den ersten 75 % hatte ich noch ein großes Fragezeichen über meinem Kopf aber der Schlussteil hat es dann wegradiert. Brillianter Artikel, geehrte Frau. Es entspricht zu 100 % meiner (männlichen) Meinung. Es gibt eine Gesellschaftsschicht, auch gerne mit "alter-weißer-Mann" umschrieben (obwohl man das "weiß" mitlerweile auch streichen kann), die ein interesse daran hat, dass wir uns in der Mittelschicht um unsägliche Themen kümmern, während die Finanzelite sich weiter ungestört die Taschen füllt.
2. Lauter Vorurteile,
HappyPrimateIdiot 12.01.2013
auch wenn es gegen Vorurteile geht. Wir bewegen uns eben im Kreis, und aus dem gibt es schlicht kein entrinnen. Seit Anbeginn unserer Kultur betruegen und vernichten sich die Menschen, sie hassen sich gegenseitig und halten die Absenz von Hass, kombiniert mit Sex, fuer Liebe. Na, lenkt wenigstens ab ! Und natuerlich bilden sich immer wieder Eliten heraus, die dann jeder fuer sich und (auch ohne Gott) gegen alle Anderen vorgehen : Das muss ein tolles Gefuehl sein. Ist es auch : Ahh, der Erfolg ! Es ist leider naiv, nach all den missratenen Versuchen zu glauben, dass wir an der menschlichen Natur ohne Eingriffe ins Erbgut (Vorsicht!) etwas aendern koennten. Und da steht natuerlich die Ethik dagegen, weil ja auch die zu unserer Natur gehoert. Aber Frau Sibylle glaubt an echte Aenderungschancen ja genauso wenig wie ich selbst... die Resignation trieft aus jeder Zeile.
3. Was?
ulisses 12.01.2013
Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Mann bin... Frau Berg, ich kann mit ihrem Stil nichts anfangen. Was wollen Sie uns eigentlich sagen? Dass einige wenige reiche Männer unsere eigentlich heile genderfreie Gemeinschaft kaputtmachen? Der böse Kapitalismus? Glauben Sie, dass das schlechtere Abschneiden von Jungen in der Schule lediglich oder gar ausschließlich ein Fantast ist, oder falls es doch existiert, dass es, wie A. Schwarzer meint, nur ein Aufmüpfen gegen die neue starken Mädchen und Frauen ist? Es gibt verunsicherte Jungen und Männer. Schwach sind diese deswegen nicht. Auch in Zukunft werden in den MINT-Fächern mehrheitlich Männer studieren. Es sind Ingenieure, Techniker und Naturwissenschaftler, die exportfähige Produkte ermöglichen und die Infrastruktur bauen. Dadurch wird Geld erwirtschaftet, das von anderen Berufen (Sozialberufe, Journalisten) ausgegeben wird.
4.
obstroc 12.01.2013
Gegen ihr Fazit habe ich nichts einzuwenden, aber wenn sie schon so vorrausschauend mit Mißverständnissen rechnen, so versuchen sie diese doch von vorneherein zu vermeiden, indem sie sich unnötige Provokationen sparen. Ich beziehe mich hierbei auf einige ihrer vorangegangenen Kolumnen, in denen gerade jene Spaltung, die sie hier als sinnlos erkennen provozierten
5.
agua 12.01.2013
Frau Sibylle hat Recht.Mir ging in den vergangenen Tagen etwas Aehnliches durch den Kopf.Einige Artikel lesend und dann an der Diskussion im Forum teilnehmend:Egal,um welches Thema es geht,nie geht es an die Wurzel,sondern immer in das Spalten von zwei Lagern.Eigentlisch schade,denn wir,die Menschen sind viele,aber in der Uneinigkeit und Zersplitterung ,verliert sich jeweils das Grundproblem.Gewisse Leute reiben sich die Haende,weil genau das ist beabsichtigt.
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