Eine Kolumne von Sibylle Berg
"Feminismus existiert nur, um hässliche Frauen in die Gesellschaft zu integrieren", sagte Herr Bukowski und verstarb jählings. Nach dieser Vorlage für interessante Kommentare treibe ich meine Integration voran, in der Hoffnung, zügig in ein Alter zu geraten, von dem ich mir unendliche Freiheit und Unantastbarkeit verspreche: die Zeit über 80.
In den Mode- und Gesellschaftsseiten der Medien wird gerade das Buch "Advanced Style" des Bloggers Herr Cohen besprochen, was mir die Illusion eines friedlichen Alters nimmt. Denn was wie eine Wiedersichtbarmachung der Dame über 70 erscheint, ist Ausdruck des kommenden Stylefaschismus.
Im Buch finden wir Fotos meist vornehmer Millionärinnen und Modeindustriemitarbeiterinnen, ohne Zweifel sehr schön und stilsicher in der Wahl ihrer Trikotagen (ich kam bei den meisten Outfits auf eine Gesamtsumme von mindestens zehntausend Euro). Und die Berichte jubilieren: Endlich zeigt einer mal den alten Schrauben, wie sie auszusehen haben. Auch auf den letzten Metern, wenn man über- oder untergewichtig in Kittelschürzen über Veranden kullert, dürfen wir das nicht mit wohligem Grunzen. Sondern haben den Forderungen nach eleganter Stromlinienförmigkeit, Gefälligkeit und Sexyness zu genügen.
Konsumieren, fit und wach bleiben ist das Gesetz, und ein Entkommen ist in keiner Phase des Lebens drin. Für Frauen, wohlgemerkt. Erneut scheint eine Nische, die des Alters, in der eine Frau ihre Ruhe haben könnte, durch den Kapitalismus und die ihn begleitende Medienwelt bedroht. Na gut, dann sterbe ich halt, denkt man sich, dann hab ich meine Ruhe.
Falls man berühmt war, gilt es allerdings dann noch, die Qual des Nachrufes zu überstehen. Denn eine berühmte tote Frau lädt viele Nachruf- und Biografieautoren, auch manche Autorinnen ein, endlich einmal zu sagen, was man der Außerordentlichen zu Lebzeiten nicht zu sagen gewagt hätte. Anders als bei verstorbenen prominenten Männern scheinen Bemerkungen über das Aussehen/ die Sexualität/ die Schwäche der Toten unabdingbar.
In einem auf SPIEGEL ONLINE veröffentlichten Nachruf von Matthias Matussek auf Susanne Lothar stand zwischen all der Aufzählung ihrer Leistungen, zwischen Lob- und Trauerworten der Halbsatz: "Sie war nicht schön, ihre Brüste hingen", den Männer vermutlich überlesen, der Frauen aber eine Ohrfeige ist. Hat man nicht einmal als Leiche eine Ruhe vor euren Bewertungen, denkt man, aber vielleicht war es eine Ausnahme, ein kleiner Ausrutscher, passiert schon mal.
Nein, war es nicht. Liest man wahllos Artikel über verstorbene prominente Frauen, finden sich innerhalb von Minuten Sätze wie: "In diesen Tagen wäre Romy Schneider siebzig geworden. Kaum vorstellbar, wie das ausgesehen hätte" ("Welt"), "Amy Winehouse hatte viele Männer. Flüchtige Küsse, schnelle Nummern, Sex im Drogenrausch" ("Bild"), und "Die psychisch kranke Mutter wurde ebenso verschwiegen wie Marilyns chronisches Frauenleiden Endometriose (Erkrankung der Gebärmutterschleimhaut)" (dpa).
Gut, dass wir darüber reden konnten. Das postmortale Persönlichkeitsrecht ist nicht klar umrissen, die Welt keine blühende Wiese, und nächste Woche fällt mir bestimmt etwas Positives an dieser Stelle ein. Literatur zum Beispiel. "Der Tod einer schönen Frau ist ohne Zweifel das poetischste Thema der Welt" - schrieb Edgar Allan Poe, und verstarb jählings.
Ob wir schön sind, oder uns jemand für hässlich befindet, die tröstliche Nachricht lautet: Irgendwann haben Frauen wirklich ihre Ruhe.
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