S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Sexualkunde ist zumutbar

Religiöse Fundamentalisten wirken abschreckend, wenn sie gegen sexuelle Vielfalt demonstrieren. Trotzdem müssen wir mit ihnen reden. Toleranz gebietet den Dialog - aber auch einen modernen Sexualkundeunterricht.

Eine Kolumne von


Demonstrationen bergen stets die Gefahr, dass ein nachvollziehbares Anliegen lächerlich gemacht wird, weil es von Flachpfeifen okkupiert worden ist. Die eigentlich vernünftige Idee, mit relativ unbeholfenem Design viel Geld zu machen, wird im Fall von Lagerfeld von dem vollkommenen Bullshit seiner letzten Show okkupiert.

Okay. Falsches Beispiel, war aber lustig.

In Stuttgart formierte sich gerade wieder eine "Demo für alle" mit mehr als 3000 Teilnehmern, die man beim ersten Blick auf einige Pressefotos unglaublich abstoßend finden kann, weil sie recht eindeutig gegen Minderheiten und Andersliebende zu Felde zu ziehen scheinen. Wenn man sich nicht weiter mit der Idee hinter der Demonstration beschäftigt, scheint der Fall klar zu sein. Versteckt Homosexuelle demonstrieren mal wieder ihren Selbsthass. Fundamentalisten sehnen sich nach der Bestätigung für ihren Lebensentwurf. Großes Gähnen. Nimmt man sich die Zeit, noch einmal einen anderen Arzt zu konsultieren, nachdem eigentlich die Meinung schon fertig im Ofen liegt, sieht die Sache anders aus.

Denn die Demonstranten zogen vor allem gegen den Bildungsplan der baden-württembergischen Landesregierung auf die Straße. Es ist nachvollziehbar, dass Eltern mitbestimmen möchten, welche Werte ihren Kindern in der Schule vermittelt werden. Ein Bildungsplan muss mit den Grundwerten der Demokratie vereinbar sein. Das spräche unbedingt dafür, den Begriff der Familie, der in Schulen vermittelt wird, zu öffnen, neben dem männlichen und weiblichen Geschlecht auch Transsexualität und Intersexualität zu thematisieren. So wie es der Bildungsplan formuliert.

Seltsam mutet der Wunsch mancher an, die auch auf solche Demos gehen, Aufklärung vollkommen zur Privatsache zu erklären. Denn was bedeutet das für Kinder religiös fundamentalistischer Eltern? Keine Aufklärung? Sagen von unbefleckter Empfängnis und heiligem Hymenkult? Bedeutet es, dass Eltern, deren Kernkompetenz zum Beispiel im Genuss alkoholischer Getränke liegt, ihre Kinder, wie einige Hardliner fordern, auch zu Hause unterrichten können? In welchen Fächern denn?

Wie immer wird es unerlässlich sein, miteinander zu reden. Weil die gewählten Vertreter des Volkes die Pflicht haben, die Wünsche ihrer Wähler wahrzunehmen. Die Bevölkerung hat die Pflicht, sich darüber klar zu werden, dass keiner im Alleinbesitz einer allumfassenden Weisheit ist. Im besten Fall stünde es an, einen Kompromiss zu finden, der heißen kann: Sexualkunde ist einem Kind zumutbar, gleich für welche Religion und welchen Lebensentwurf sich seine Eltern entschieden haben. Ab welchem Alter, darüber kann man auch diskutieren, aber allgemein sind Kinder weniger einfältig, als Erwachsene vermuten. Es ist die Aufgabe einer Regierung, für eine Bildung zu sorgen, die sich dem Respekt und der Toleranz aller Menschen, gleich welcher sexueller oder religiöser Orientierung, gleich welchen Geschlechtes, verpflichtet.

Und es ist die verdammte Aufgabe jener, die für ein Grundrecht demonstrieren, sich von Flachköpfen, Rechtsradikalen und Fundamentalisten zu distanzieren, wenn sie ernst genommen werden wollen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 139 Beiträge
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Seite 1
bonner85 25.10.2014
1. Also wenn ich mal Kinder in der Schule habe...
Werden diese nicht an diesem Unterricht teilnehmen.
mongolord 25.10.2014
2.
Das Problem ist halt immer noch das es ernsthaft Deppen gibt die glauben ein Kind werde schwul, weil es in der Schule mal gelernt hat, das es auch was anderes gibt als Heteroliebe. Mit solchen Leuten kann man kaum diskutieren, die leben in ihrer eigenen ego-zentrierten Welt. Fakt ist doch das wir (also ich denke mal die Mehrheit in Deutschland) in einer modernen, aufgeklärten und vielseitigen Gesellschaft leben wollen. Und diese muss auch Minderheiten schützen und deren Belange thematisieren. Und Homosexualität ist nun wirklich kein neues und kleines Randphänomen, sondern betrifft eine große Anzahl an Menschen. Ich selbst bin Hetero, aber ich möchte das meine Kinder mal nicht andere Menschen nach ihrer angeborenen Sexualität beurteilen. Auch soll für sie einmal "schwul" nicht ein Schimpfwort und Tabu sein, wie das in meiner Schulzeit noch so war, sondern etwas Normales, weil es das einfach ist.
freekmason 25.10.2014
3.
Zitat von bonner85Werden diese nicht an diesem Unterricht teilnehmen.
da stellen sich ein paar fragen: 1. warum? gibt's da rationale argumente? 2. woher wissen Sie eigentlich, wie man kinder macht? 3. glauben Sie, Ihr horizont würde sich erweitern, wenn Ihr kind homo- oder transsexuell ist?
HafenTor 25.10.2014
4. Also wenn ich mal Kinder in der Schule habe...
werden diese auf jeden Fall an diesem Untericht teilnehmen. Intoleranz ist eine Plage. Meine Kinder sollen lernen, ihren Mitmenschen mit Respekt, Neugier und Verständnis zu begegnen. Und das Sex und sexuelles Erleben rein gar nichts mit Sünde zu tun haben.
chem_trailer 25.10.2014
5. Na wie sag ichs denn?
Hui, endlich das Thema, wo jeder mitreden kann. Und schwupps kommt die Unbefleckte Empfängnis in den Sinn und die vielen Fragen, die ein erzkatholisch erzogener Messdiener hatte. Fragen, die meist mit hochroten Köpfen und irgendwelchen Themen-Verschiebe-Taktiken verdreht oder in eine nicht definierte Zukunft verschoben unbeantwortet wurden. Ja, ich erinnere mich an gern an meine „Homozeiten“ - also, als wir kleinen Jungs ALLE noch homosexuell waren, ohne zu wissen, was dies überhaupt ist. Mädchen waren ein Übel wie kaputte Rollschuhe. Einzig akzeptable weibliche Wesen waren Mama und Oma – allenfalls Tante Gertrud noch, weil die aus der Großstadt Berlin war und ordentlich Geschichten auf Lager hatte, nebst 10er fürs Sparschwein ... Ähm, um beim Thema zu bleiben, so verwundert mich doch, wieso Aufklärung immer noch Thema ist und wieso tatsächlich immer noch an Marias Unbefleckte Empfängnis geglaubt wird? Wir hatten auch eine Maria in der Nachbarschaft, die zufällig mit einem Josef hinter der Friedhofskapelle geknutscht hatte (pfui Deiwel)! Just der Platz, den wir Messdiener benötigten, um Rauchopfer zu bringen – das nervte! Aber dort kamen natürlich die Assoziationen zur Maria aus der Bibel. Da fragte man sich in Messdienerkreisen schon, was Marias Eltern (Großgrundbesitzer) zu diesem Josef (Tunichtgut) aus Nachbardorf sagen würden? Vor allem die Frage, was der fette und strenge Vater Franz sagen würde, falls Maria ebenfalls von der weißen Taube „gepickt“ nach Hause kommen würde? Ich denke auch, 1965 wäre das ein Problem gewesen, oder meint jemand, dass Vater Franz dann seine Tochter in den Arm genommen und Friede Freude Eierkuchen – angestoßen ob der frohen Botschaft? Und was hätte dieser Josef, so einfältig er auch war, gesagt, etwa: „Ja nee, ist klar Maria, du bist nicht die Erste gepickte – so macht der Heilige Geist es halt und der kann jede Gestalt annehmen. Da kannst du froh sein, dass er nicht als Elefantenbulle durch die Außenwand in dein Kämmerlein gestoßen ist!“ Ja sicher, alles ist gut, nur wer wirklich glaubt benötigt keine Aufklärung! Glaubt, was ihr wollt, ich glaube an echte, möglichst ausführliche Aufklärung ohne Verklärung. Ob diese im Internet zu finden ist, wage ich zu bezweifeln – dann lieber eine Tante in Berlin!
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