S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Das Geheimnis des großes Bluffs

Wissen von Wissensbehauptung zu unterscheiden ist schwierig, lohnt sich aber: Damit wir nie mehr auf Phrasen hereinfallen und auf das Nichts, das sich hinter ihnen verbirgt.

Eine Kolumne von


Mein Lieblingswort der Stunde ist: Bedeutungsbehauptung. Es fasst alles, was mich beim Lesen müde werden lässt, elegant zusammen. Die absolute Verschwurbelung, das Wissensposing, das Autoren gerne betreiben, wenn sie eigentlich wenig zu sagen haben.

Das kommt vor. Ich weiß, wovon ich rede. Man kann ja nicht permanent eine gestochen klare Meinung haben, die wenigstens für ein paar Minuten plausibel klingt, ehe sie von anderen Meinungen abgelöst wird. Bedeutungsbehauptung durch Fremdwissenzitateinstreuung und hochgradige Verschwurbelung dient neben der Verschleierung von Unzulänglichkeiten auch dazu, den Respekt der nicht kleinen Gruppe der Bedeutungsbehaupter einzufahren.

Diese Texte, Sie wissen schon, die nur von anderen Textern goutiert werden, halten sich gern in den Feuilletons und der Literatur auf. Es hat mich schwere minderwertigkeitskomplexbeladene Jugendjahre gekostet, bis ich dahinter kam, dass die klügsten Autoren sich eher um Verständlichkeit und Inhalte bemühen, und dass gerade jene, die an ihrem Textkörper feilen bis nur noch ein funkelnder Diamant der Unlesbarkeit übrig geblieben ist, am wenigsten mitzuteilen haben. Kurz: Es hat Jahre gedauert, bis ich hinter das Geheimnis des großen Bluffs kam.

Schwurble ich? Gut, lassen sie mich an einem fast aktuellen Thema demonstrieren, was ich meine. Lassen sie uns über Honks reden. Menschen, die ein Stück öffentliches Gelände aus unverständlichen Gründen tierfrei halten wollen.

Ein Kommentar dazu könnte relativ einfach und betörend subjektiv so aussehen:

Wütend zur Faust geballt schleicht der gedemütigte Mensch um den Schlachtensee. Keine Flüchtlinge zu sehen, keine schreienden Kinder, verdammt, keine unterlegene Kreatur, doch halt - da ist eine. Es ist ein Tier. Ein Hund, ein Hund, er sabbert. Er hüpft. Hüpft dieser Hund wirklich, und wagt er das gleiche Wasser zu berühren wie mein Menschenkörper? Das ist abstoßend, Fischkörper geht klar, Wasserleichen gehen klar, aber ein Hund…

Und so weiter. Treffend, einfach und unnütz. Denn wem dienen eigentlich all die Kommentare, von denen wir uns täglich vom Eigendenken abhalten lassen? Aber das ist ein anderes Thema.

Die Bedeutungsbehauptungsautorin würde so einsteigen:

Eigentlich habe ich nichts gegen Tiere, sagt der Professor für angewandte Kybernetik, am Schlachtensee schlendernd. Doch bedenkt man, dass das Verständnis von Eigentlichkeit, wie es Adorno Jaspers unterstelle, obsolet ist. Eigentlich meint Jaspers eine Ausnahme, in der der Mensch zu sich und seinem eigenen Wahrsein finde. Sind die Vierbeiner nun eine Ausnahme, oder ist eine der wesentlichen Eigenschaften dieses Objekts, dass es dem Subjekt immer schon entzogen ist, wie Žižek raunt?

System erkannt, Gefahr gebannt. Wissen von Wissensbehauptung zu unterscheiden ist schwierig, aber lohnt sich. Der Grat zwischen angenehmer akademischer Verwirrtheit und aufgeblasenem Phrasenweiterreichen ist schmal.

Das eine bringt den Lesern vielleicht wirklich eine neue Idee, das andere sagt nichts außer: Ich, der Schreibende, kann wunderbar zitieren. Leider gebricht es mir an Klugheit.

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insgesamt 112 Beiträge
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Seite 1
coyote38 23.05.2015
1. Guck mal, wer da spricht ...
Die Oberschwurblerin schwurbelt über das Schwurbeln.
ambulans 23.05.2015
2. sehr
geehrte frau berg, die sie sich ja hier und auch anderswo gerne in eindeutiger weise selbst zu stilisieren pflegen: was wollen sie uns, ihrem selbstverständlich geneigten publikum, hiermit eigentlich mitteilen? einen blick in ihren maschinenraum, sozusagen roh, ungeschminkt, usw.? da ziehe ich doch, mit verlaub, "andere" einblicke (ich werde den teufel tun und sagen, an wen ich hier denke!) vor ... noch ein schönes pfingstfest & immer der ihre, dr. ambulans (alle kassen)
Anna Ampel 23.05.2015
3.
Sehr schön. Danke.
janix_ 23.05.2015
4. Schön selbst demonstriert. ... Und?
Eine ernsthafte Analyse wäre auch zu mühsam gewesen.
BettyB. 23.05.2015
5. Es erinnert an Philosophievorlesungen
Ellenlange detailliert zerlegte, aneinandergereihte Zitate von nicht ergrauten, sondern längst Verstorbenen ohne Bezug zum ehemaligen Zeitgeist, zur Lage des sich Äußernden, zur Klarstellung der Tabus, die er nicht ohne Verlust wenigstens seiner Einkünfte, gegebenenfalls auch des Lebens hätte brechen dürfen. Auf neue Erkenntnissen der Ethnologen, Soziologen, der Psychologen und Hirnforscher nicht einmal ein Hinweis. Man hat eben eine Meinung, die nachlesbar ist, nachlesbar war, Nachdenken als Altinterpretation ehedem niedergeschriebener Gedanken mit Namens- und Stellenangabe. Risikominimierung im Amt. Und so bleiben dann z.B. selbst US-Hirnforscher bei dem "lieben Gott" und der Gehaltsüberweisung...
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