S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Wir schweißnassen Selbstausbeuter

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Wir wollen billig einkaufen, wir wollen geizig und geil sein. Wir wollen den Wettbewerb, hurra, überall Wettbewerb. Jetzt haben wir ihn - für jeden von uns. Und können eigentlich nur noch abwarten, wer zuerst unter dem Stress zusammenbricht: Sie oder ich?

Willkommen im Neoliberalismus. Den wollen wir heute feiern, denn endlich hat er alle Bereiche unseres Lebens erreicht. Alle Nischen für Menschen, die nicht wirken, als würden sie dauernd Halbmarathon laufen und sich als geölte Maschine verstehen, sind verschwunden.

Postbotinnen haben Angst, die Norm nicht zu erfüllen, schaffen sie auch nicht, und schon radelt ein neuer, unter Druck stehender Mensch bei Regen um die Häuser. Die Theater werden endlich wirklich geschlossen, es gibt keine Orte mehr für Freaks, für Menschen, die langsamer sind oder anders, kurz - nicht wettbewerbsfähig. Keine Ahnung, wohin die Sonderbaren verschwunden sind.

Wir, die wir noch funktionieren, sind nervös geworden und auch schlampig geworden, weil Sorgfalt und Wettbewerb sich nicht vertragen. Jeder steht im Wettbewerb mit jedem, in Branchen, wo man es nie vermutet hätte. Wir alle müssen mehr und schneller produzieren, egal was. Egal warum. Der Wettbewerb, die Konkurrenz schläft nicht. Die Gemütlichkeit ist verschwunden, der persönliche Kontakt folgt.

Man kennt seinen Hausarzt nicht mehr, den Bäcker, die Orthopädin, den Schalterangestellten. Da gäbe es auch nicht viel zu kennen. Keine Zeit, die Rotation, der Stress, auf Wiedersehen. Merken Sie es auch? Stehen Sie am Morgen schon unter Strom und reden sich ein, das sei Energie, die Sie durchströmt? Sorry, ist leider nur Angst. Davor, nicht zu genügen, aus dem Rennen zu fliegen, die Miete nicht mehr zahlen zu können, zehn Jobs machen zu müssen, die immer noch nicht langen.

Zurück in der Steinzeit

Die dauernde Anspannung lässt die Menschen gereizt werden. Wie eine Rotte Kokser sind viele ungeduldig, sie hassen Fehler, Verzögerung, Ineffizienz, kurz - sie hassen andere Menschen. Wir brauchen sie nicht mehr, sie sind zu Konkurrenten geworden, herzlichen Glückwunsch, zurück in der Steinzeit. Die anders aussieht und schmeckt, der Mensch hat heute keine Körperbehaarung mehr, sondern gleicht einer Plastikpuppe, um den Fortschritt klarzumachen. Wo der nur stecken mag.

Oh klar, vergessen, wir haben die Wahl, wir können zwischen Waren wählen, neue Länder ausprobieren. Allerdings liegt nicht mehr drin, in Australien wartet der Wettbewerb genauso wie in Asien, oder wo es sonst noch Raum für Aussteigerträume geben könnte. Empathie und Gelassenheit bleiben auf der Strecke. Sie rentieren sich nicht. Wir beuten uns selber aus, wenn nicht, wird der Job gerne von anderen erledigt.

Der Ton verschärft sich nicht mehr, er ist kaum noch vorhanden. In fast allen Bereichen ist der Arbeitnehmer ersetzbar geworden, es lungern zu viele willige, kostenlose Praktikanten herum. Die alles nicht besser machen können, aber billiger. Wettbewerbsfähiger, Sie wissen schon.

Wir wünschen uns gemütliche Läden an der Ecke zurück, träumen von Buchhändlern und Postboten, die wir mit Namen kennen, Nachbarn, mit denen wir auf der Straße reden, sehnen uns nach gemächlichem Fahren mit Rädern und Bummeln über Märkte, aber das wird leider nichts mehr. Fahrradfahren, bitte nur mit Helm, ist ein kleiner Überlebenskampf geworden, die Läden an der Ecke verschwinden, wer kann die Mieten noch zahlen, und es ist doch nett, dass es überall gleich aussieht, dass wir in einer verständlichen Zara-Google-Welt leben, ist doch toll.

Sagen Sie nicht, Sie haben nichts davon gewusst. So wollten wir alle leben, so haben wir gewählt, so wollen wir sein. Wir haben gelacht, als die ersten Zeitschriften eingingen. Und die Buchhändler - selber schuld, wir wollten raubkopieren, billiger einkaufen, geizig und geil sein.

Wir wollten den Wettbewerb, hurra, den Wettbewerb. Und jetzt warten wir mal ab, wer von uns überleben wird.

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insgesamt 212 Beiträge
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1. Wir könnten...
ruhepuls 22.06.2013
...all das (wieder)haben. Die kleinen Läden um die Ecke, das Schwätzchen beim Einkaufen - und viele der "guten alten" Dinge (die so gut wohl auch nicht waren. Unsere Eltern wollte sie ja offensichtlich nicht mehr). Aber das hat einen Preis - im wahrsten Sinne des Wortes: Wir müssten aufhören zu schreien "ich bin doch nicht blöd". Wir müssten bereits sein, nicht das Billigste zu kaufen, sondern eben das um die Ecke. Dann gäbe es ihn bald wieder, den Laden um die Ecke, der zugemacht hat, weil seine Kunden lieber zu Aldi und Mediamarkt gingen, weil sie ja nicht blöd sind. Aber solange so viele glauben, dass die Optimierung der Preise und Mengen gleich Optimierung der Lebensqualität sei, wird sich da kaum etwas ändern. Solange man ein (dickes) Auto haben muss, jedes Jahr in Urlaub fahren muss, die Marken Klamotten haben muss, den Breitbildfernseher haben muss, wird der Druck auf die eigene Effektivität eben weiter steigen. Logisch... Sowas kommt von sowas.
2.
spon-1279581153268 22.06.2013
Das trifft es auf den Punkt. Und unser Untergang als Zivilisation wird spannender sein als jeder Apokalypse-Film, zumindest für diejenigen, die Ihn noch mitterleben.
3. Trffende Kolumne
j.polz 22.06.2013
Großes Kompliment Frau Berg, Sie bringen unsere schöne neue Welt auf den Punkt. Möglicherweise haben wir den, von Frau Dr. Merkel geprägten Begriff "Neuland" völlig falsch verstanden...
4. großartiger Artikel
bstaeglich 22.06.2013
Damit ist zum Thema "Wettbewerb" in grandioser Kürze und Prägnanz alles gesagt. Eine gute Basis für die Suche nach was Besserem, wo es dann hoffentlich auch mal wieder um uns selber geht und nicht mehr nur um unser gutes "Funktionieren" für wen oder was auch immer.
5. Entspricht das Bild der Realität?
supertobi 22.06.2013
Liebe Frau Berg, es tut mir Leid für Sie, dass in der Redaktion des SPON Dauerstress herrscht. Aber glauben Sie mir, ich komme viel herum: in den allermeisten Büros Deutschlands ist noch viel Zeit für Kaffeepausen, das Schwätzchen mit den Kollegen, den Geburtstagskuchen von der Chefin und vor allem zum Spiegel-Online-Lesen. Fragen Sie doch einmal in Ihrer IT-Abteilung, wie die Zugriffszahlen auf Ihre Internetseite werktags zwischen 9 und 17 Uhr sind. Wenn dafür noch Zeit bleibt, können wir doch so gestresst nicht sein, oder?
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