S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Eine von sieben Milliarden

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Kennen Sie die Ermüdung, die einen mitunter überfällt, weil man in eine Spezies geboren wurde, die so wenig lernfähig ist? Jedermann hat den Wunsch gut zu leben - und doch gestehen die wenigsten auf dieser Erde dies auch ihren Mitmenschen zu.

Die letzte Zeit im Überblick: Übergriffe der Buddhisten auf die muslimische Minderheit in Burma. Acht Schwulenaktivisten in St. Petersburg festgenommen. Mädchen von Mob vergewaltigt - indischer Reporter filmt 45 Minuten, statt zu helfen. Unverheiratetes Paar in Mali gesteinigt.

Kennen Sie die Ermüdung, die einen mitunter überfällt, weil man in eine Spezies geboren wurde, die so langsam lernfähig ist? Vergessend, dass man auch selber, im Vollbesitz der moralischen Überlegenheit, so seine Mühe mit der Akzeptanz aller hat. Ich bin mir sicher, dass auch ein religiöser Fundamentalist der Meinung ist, im Alleinbesitz der segenbringenden Wahrheit zu sein, wenn er Homosexuelle verachtet. Der Nazi, der alles Fremde hasst, hat seine Argumente, die mir sicher kurzfristig einleuchten würden.

Jeder hat ein Recht, und doch gibt es nur eine Wahrheit in unserem Zusammenleben, die Carolin Emcke in ihrem Meisterwerk "Wie wir begehren" so auf den Punkt bringt: "Warum müssen wir wieder und wieder definieren, was alles gleich sein kann, nicht nur Männer, nein, auch Frauen und Transsexuelle sollen gleich behandelt werden, nicht nur Christen, nein, auch Juden und Muslime oder Roma, nicht nur Andersgläubige, sondern auch Nichtgläubige müssen als Gleiche behandelt werden, warum reicht es nicht, einmal zu sagen, alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, die Würde des Menschen ist unantastbar, und dann ist sie für nichtweiße, nichtheterosexuelle, nichtchristliche, nichtmännliche Menschen irgendwie bei Bedarf doch antastbar, warum müssen wir über Jahrzehnte klären, wer alles als Mensch zählt?"

Babyfotos am Revers

Mehr gäbe es eigentlich nicht zu sagen, der lernfähige Mensch würde verstehen, nicken, und sich der Erhaltung der Welt zuwenden, anstatt seine Energie mit der Diskreditierung anderer zu verschwenden. Hätte, sollte, würde, der Traum von einer gerechten Welt, den schon Herder formulierte, als er sagte, dass Menschlichkeit nur teilweise angeboren sei und nach der Geburt erst ausgebildet werden müsse. Die Bildung sei "ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muss, oder wir sinken zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück".

Es hat sich ein wenig verbessert, und nun stagnieren wir gerade, wir, in der westlichen Welt wohlgemerkt, vor dem Erklimmen der nächsten Stufe der Gleichberechtigung aller. Jeden Morgen sollte über einen Lautsprecher überall auf der Welt das magische Mantra gesagt werden: Ich bin der siebenmilliardenste Teil von allen, die den Wunsch haben, zufrieden leben zu können.

Ist meine Idee höherwertiger als die aller anderer? Und warum? Eine kurze Zeit im Weltüberblick, es sind nicht die anderen, die so langsam lernen, sondern wir. Ich, Sie, unsere Kinder, wir alle sollten unsere Babyfotos am Revers tragen. Um uns und daran zu erinnern, dass wir uns alle ähneln. Frau Berg träumt wieder von einer heilen Welt. Lassen Sie mich weiter Nachrichten lesen, ehe ich noch sentimental werde und alle umarmen will.

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insgesamt 67 Beiträge
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1. Wir müssen nicht die Welt retten
gepro 11.08.2012
Zitat von sysopKennen Sie die Ermüdung, die einen mitunter überfällt, weil man in eine Spezies geboren wurde, die so wenig lernfähig ist? Jedermann hat den Wunsch gut zu leben - und doch gestehen die wenigsten auf dieser Erde dies auch ihren Mitmenschen zu. Sibylle Berg über Toleranz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,849182,00.html)
Frau Sybille, denken Sie, dass es in der Steinzeit anders war? Da waren wir wenige und nicht alle dämlichen Verhaltensweisen konnten in den Medien breitgetreten werden. Heute erfahren wir innerhalb von Sekunden, dass der berühmte Reissack in China geplatzt ist. Aber muss ich das wissen? Was bringt es mir, wenn ich davon erfahre? Soll ich jetzt einen Flug nach Irgendwo buchen und den Bösen dort mal erklären, wie böse sie sind? Eine von sieben Milliarden entspannten Menschen.
2. Wahnsinn
tinosaurus 11.08.2012
Wahnsinn regiert die Welt und bei der Überbevölkerung sind auch künftige Konflikte und Intoleranz vorprogrammiert. Auch mich beschleicht gelegentlich das Bedürfnis, die ganze Welt zu umarmen, ganz fest an mich drücken - bis sie mit einem lauen Knall zerplatzt.
3. Manipulation...
renovatio06 11.08.2012
...allerorten, würde ich sagen. Divide et impera - funktioniert schon seit den Römern (wahrscheinlich noch länger). Bei "Bedarf" lässt sich dann trefflich die eine oder andere Minderheit als "böses" Element in der Gesellschaft und als verantwortlich für weniger entspannte Zustände hinstellen. Wie titelte Ihr Auftraggeber noch vor wenigen Tagen? "Trau keinem über 30", in dem - ehrlich gesagt mindestens peinlichen - Versuch, die Schuldenkrise zum Generationenkonflikt umzustilisieren. Und die Toleranz hat wohl - artbedingt - leider da keinen großen Raum mehr, wo Hunger oder andere Nöte im Vordergrund stehen. Für jedes Gegenbeispiel bin ich außerordentlich dankbar. Noch einer von den 7 Mrd....
4. Fragen Sie das Bundesverfassungsgericht, Frau Sibylle
Worldwatch 11.08.2012
Das sagt so wuenderschoen salvatorisch: Es sei demnach gleiches mit gleichem, und ungleiches seiner Art verschieden miteinander zu vergleichen. Wuensche Ihnen ein miteinander verschieden zu vergleichendes, aber hoffentllich gleich schoenes Wochenende!
5. Prägend für die moderne Gesellschaftsform ist mehr Gier als Lernfähigkeit!
Tolotos 11.08.2012
Zitat von sysopKennen Sie die Ermüdung, die einen mitunter überfällt, weil man in eine Spezies geboren wurde, die so wenig lernfähig ist? Jedermann hat den Wunsch gut zu leben - und doch gestehen die wenigsten auf dieser Erde dies auch ihren Mitmenschen zu. Sibylle Berg über Toleranz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,849182,00.html)
OK, der Mensch ist lernfähig, aber geführt wird er durch seine Gier. Die Lernfähigkeit kann sich bei Menschen oft nur dort entfalten, wo ihm seine Gier keine Vorgaben macht. Und das derzeit weltweit dominante Gesellschaftssystem, der Kapitalismus, basiert auf dem sogenannten Leistungsprinzip, also darauf, dass ein Mensch umso mehr belohnt wird, je besser es ihm gelingt, möglichst vielen Menschen möglichst wenig Teilhabe an dem von ihnen geschaffenen zuzugestehen.
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