S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Menschen sind die schlimmste Spezies

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Der Mai war einst ein Frühjahrsmonat, heute ist er nur noch frostiges Elend: Säuglinge kriechen von allein auf Babyklappen zu, Häuser explodieren, die Müllabfuhr streikt und überall Gewalt, Gewalt, Gewalt. Ein kleiner Alptraum. Aus gewissen Gründen.

Diese kalte Mainacht in Duisburg-Marxloh. Fast so kalt wie in Mümmelmannsberg. Mai, das war doch mal ein Monat. Heute ist es ein frostgewordener Zustand von Elend. Sieben Monate Kälte, wenn man sich das überlegt, kann man auch gerade aus dem Fenster springen. Aber das geht wegen des Beins nicht. Jedes Fenster zu hoch und die Aussicht zugemauert. Monat für Monat genau so viel, dass die Miete bezahlt wird und Margarine aufs Brot.

Mehr liegt nicht drin. Mal ins Kino? Lächerliche Idee. Für einen wie ihn, der aus dem gesellschaftlichen Raster gefallen war, gab es nur noch den Kampf. Das einzige Relikt aus seinen guten Tagen war ein Schwert und das trug er mit sich. Es war ihm Halt und einziger Freund und immer bereit, wenn er durch eine Gruppe betrunkener Jugendlicher musste. Wenn er auf Gangs traf, die in Deutschland die Straßen zu Wüsten verwandelt hatten. Wenn er Geier traf, die über den Leichenbergen kreisten. Die öffentlichen Verkehrsmittel und deren Motto: Wer überlebte, hat gewonnen. Banden, Räuber, lümmelnde Jugendliche, Serienmörder. Da waren sie wieder, die aggressiven Totschläger, die Sitze und Menschen öffneten. Einfach so, weil sie Menschen waren. Weil Menschen die abstoßendste Spezies sind. Die quälen, weil es ihnen Spaß macht. Auf den Straßen spielen Oligarchen russisches Roulette, die Müllabfuhr-Mafia streikt seit sechs Wochen.

Katzen laufen über Müllberge und diverse Häuser sind wegen defekter Gasleitungen explodiert. In den wenigen Lebensmittelläden, die es wagen zu öffnen, gibt es Bohnen. Aber nicht für ihn. Mit seinem steifen Bein in die U-Bahn. Nur zweimal wird er gestoßen, nur einmal in die Fresse. Ein guter Tag, er muss sein Schwert nicht bemühen. Durch Müllhalden geht es aus der Stadt, durch verfallene Ghettos, vorbei an Männern, die vor alten Pkw krumme Geschäfte machen. Man sieht Waffen blitzen, Kinder am Straßenrand, Babys, die allein zu den Babyklappen kriechen, doch die sind zugemauert.

Jeder betrügt jeden, das ist die Natur der Menschen, und seit es nicht mehr warm wird, fällt sie noch mehr auf als früher. Sie alle wollen überleben, jeder auf den Rücken des anderen kriechend. Dächer stürzen von neugebauten Häusern, Korruption, der fünfte Politiker in dieser Woche wurde ertappt, weil er sämtliche Familienmitglieder im Regierungsgebäude beschäftigt hatte. Das jüngste war ein Jahr alt. Er arbeitet als Kantinenhilfe.

Wenn es außer Bohnen noch irgendetwas anderes in den Läden gibt, ist es vergiftet. Voller Pestizide, Salmonellen, schieß mich tot, irgendwas ist immer und dann folgt einen leise Entschuldigung des Herstellers.

Und der Mist geht von vorne los.

Weil die Wohnungen so unsicher geworden sind, schlafen viele auf den Straßen. Wenn man ein Schwert hat, kann man darüber nachdenken, sonst nicht. Falls man nicht lebensmüde ist, sollte man definitiv nicht auf der Straße schlafen. Er hatte ein Schwert, es hagelte, es wurde nicht mehr hell. Die Welt, erfüllt von Niedertracht, Kriegen, Elend, Armut, Hunger, Gangs, Gewalt, Hass. Den ich endlich sehen kann.

Nachdem Sie, liebe Leser, mich vom groben Irrtum meines letzten Versuchs, dem Leben positiv zu begegnen, und sei es nur für einige Minuten, kuriert haben.

Dafür danke ich Ihnen.

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insgesamt 200 Beiträge
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1. stimmt
pefete 04.05.2013
das schlimmste was der natur eingefallen ist, ist der mensch.
2. Eine schöne Replik...
hatrecht 04.05.2013
Wohl dem, der ein Schwert besitzt und sich auf diesem, "Optimismus, Baby", eingravieren ließ.
3. De nada, Frau Berg!
in_peius 04.05.2013
Den Bezug von Marxloh zu Träumen über die Alpen vermag mein Hirn zwar nicht herzustellen, aber das ist halt Kunst.
4. mimimi
firehorse67 04.05.2013
stimmt früher war alles besser weil die sonne früher scheinte......gähn
5. Be happy
stapsiponti 04.05.2013
Zitat von sysopDer Mai war einst ein Frühjahrsmonat, heute ist er nur noch frostiges Elend: Säuglinge kriechen von allein auf Babyklappen zu, Häuser explodieren, die Müllabfuhr streikt und überall Gewalt, Gewalt, Gewalt. Ein kleiner Alptraum. Aus gewissen Gründen. Sibylle Berg über Weltuntergangsphantasien - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-weltuntergangsphantasien-a-897417.html)
Mal sehen, ob SPON wieder streikt, wegen der IP-Adresse, meinen Kommentar anzunehmen. Frau Berg, don´t worry, das geht vorüber. Alles. Bis dahin: be happy, lesen Sie die Kolumnen von z.B. Frau Burmester and smile. Alles ist endlich, bis auf die Unendlichkeit, aber die werden wir ja nicht erleben;-))))
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