Troll-Theater "Viel gut essen" 85 Minuten Hass

Die Schriftstellerin Sibylle Berg befreit die Trolle aus den Internetforen - und gibt ihnen eine Bühne: Im Schauspiel Köln lässt sie missmutige Männer Mitte 40 über Ausländer und Schwule schimpfen, über Feministinnen und Künstler.

David Baltzer

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Er ist weiß, heterosexuell und körperlich gesund, er hat eine Ehefrau und einen Sohn und einen recht guten Job als Informatiker, er ist ein deutscher Mittelschichtsmann Mitte 40, der ziemlich zufrieden ist mit sich selbst - und ungeheuer unzufrieden mit allen und allem um sich herum. Ja, wieso denn bloß?

Die Schriftstellerin Sibylle Berg, die auch eine Kolumne auf SPIEGEL ONLINE schreibt, widmet sich in ihrem neuen, in Köln uraufgeführten Theaterstück "Viel gut essen" einem namenlosen Jedermann, der den Parolen von Akif Pirinci und Thilo Sarrazin verfällt - und die Kommentarspalten im Internet zutextet. Einem sogenannten Troll. Er ist eines jener abgehängten Alphamännchen, das die US-Journalistin Hanna Rosin im Sinn hatte, als sie ihr vieldiskutiertes Buch "The End of Men" schrieb. Ein deklassierter Mann.

Doppelter Quotenanspruch

Bergs Antiheld war 17 Jahre lang Alleinverdiener - und er war stolz darauf: "Dass Menschen von einem abhängen, ist sehr sinnstiftend". Er ist gerne von der Arbeit nach Hause gekommen: "Der Geruch nach Kind und Frau, nach Essen und Reinigungsmitteln waren mir immer Signal für Entspannung". Doch in letzter Zeit ist alles anders: Seine Frau ist vorerst ausgezogen, vielleicht weil sie "was Eigenes" schaffen wollte, vielleicht weil er emotional unbeholfen war. Eine andere Frau, ausgerechnet, hat ihm den ersehnten Führungsjob weggeschnappt, eine Migrantin noch dazu, o weh, und daher hat er nun nicht genug Geld, um in seinem Viertel wohnen zu bleiben.

Es ist ein Viertel, das ihm früher einmal sehr vertraut war: "In der Nachbarschaft wohnten Menschen wie wir", dazu ein Schwuler. "Er wurde von uns allen mit besonderer Höflichkeit behandelt. So wie man auch mit Behinderten umgeht". Heute kommt ihm sein Viertel wie ein Slum vor, voller verschleierter Frauen, "und wo die nicht sind, kommen Loftwohnungen hin, für Zugezogene, die keine Ahnung haben, in welcher Gegend sie mal eben eine Million investieren". In den modernisierten Altbauten um ihn herum vermutet er schwule Paare, die "mit nackten Ärschen auf Designer-Sesseln" sitzen und Klassik hören, "um sich aus dem Mob auszugliedern".

Nun könnte man den Verdacht haben, dass die Schriftstellerin Berg, die manchen als feministische Zeitgeist-Zynikerin gilt, der in punkto Weltekel so schnell kein Online-Forist was vormacht, dass die Provokations-Poetin Berg also auf den Troll einprügelt, so wie der Troll in seinen Online-Kommentaren auf Feministinnen und Avantgardekünstler einprügelt, auf Ausländer und Schwule. Und tatsächlich ist ihr Stück "Viel gut essen" immer wieder scham- und schonungslos, zynisch und provokant, aber es ist mindestens ebenso oft melancholisch. Es ist brüllend komisch, aber auch todtraurig. Und so hat man zwischendurch Mitleid mit dem rechtspopulistischen Jedermann, manchmal sogar Verständnis für ihn. Während er sich von Geschmacklosigkeit zu Geschmacklosigkeit monologisiert, kocht er ein Menü für geschmacksverfeinerte Gaumen - der kleinbürgerliche Groll seines neuen Lebens steht in hartem Kontrast zu den großbürgerlichen Zutaten seines alten.

Eine große Nummer

Man durfte sich in diesem Sommer durchaus wundern, als die Mehrheit der deutschen Theaterkritiker Sibylle Bergs kabarettistisch-komische, aber auch etwas triviale Lifestyle-Nummer "Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen" zum besten Stück des Jahres wählte - ein Votum, für das die kluge Uraufführungs-Regie von Sebastian Nübling am Berliner Maxim Gorki Theater eine große Rolle gespielt haben dürfte, größer vielleicht als der eigentliche Text. Egal, denn nun zählt: Das neue Berg-Stück ist besser als das preisgekrönte alte. Es ist wirklich eine große Nummer.

Das Stück hat zwei Textteile: den Monolog des Informatikers - und einen Chor der Trolle. Berg imaginiert in einer Regieanweisung eine zweigeteilte Bühne, auf der beide Textteile parallel laufen und einander überlagern. Während sich der Informatiker auf Bühne eins mehr und mehr in seinen individuellen Abstiegsängsten verliert, blökt von Bühne zwei der große Onlinechor der längst Abgestiegenen dazwischen. Es ist ein Chor der Empörten, der drauf und dran ist, aus der Online- in die Offline-Welt zu drängen - und eine Armee der Empörten zu bilden. Das Ziel: "die Mobilmachung des gesunden Menschenverstands".

Leider bringt es der Regisseur Rafael Sanchez fertig, den so klaren, konkreten, realistischen Text zu verrätseln, zu abstrahieren und mit angestrengtem Kunstwollen zu beladen. Er weiß nur wenig mit der Vorlage anzufangen - so wenig, dass nun ein Absatz genügt, um sich der Inszenierung zu widmen.

Sanchez stellt die beiden Bühnen nicht nebeneinander, sondern Rücken an Rücken, so dass jeder Zuschauer nur eine Hälfte des Geschehens sieht - und die andere Hälfte ausschließlich hört; das reduziert die Reibung zwischen den Textteilen enorm. Hinzu kommt, dass er die Rolle des abgehängten Mittvierzigers, den die Gentrifizierung aus seinem Viertel vertreibt, alles andere als ideal besetzt hat: Der jungenhaft schlaksige Yuri Englert wirkt zu jung, ist zudem zu hip und auch zu teuer gekleidet (Kostüme: Ursula Lauenberger). Seine Figur legt er als schnöselig-schüchternen Schluffi an - und lässt in diesem Schluffi-Gestus viele der Pointen versuppen. Umso sprechender ist ein Bild, zu dem Sanchez ihn greifen lässt: Während er erzählt, wie er sich in den Zumutungen des Lebens verheddert, spannt er einen Wollfaden kreuz und quer über die Bühne.

Auweia, ist das bemüht. Man hätte nicht gedacht, dass in Sibylle Bergs klug gebautem Stück solche Fallstricke lauern.


Sibylle Berg: "Viel gut essen". Uraufführungs-Inszenierung von Rafael Sanchez in der Halle Kalk des Schauspiels Köln (www.schauspielkoeln.de). Nächste Vorstellungen am 22., 24., 25., 28. und 30. Oktober. Kartentelefon 0221 22128400.



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
zursachet 20.10.2014
1.
Ich bin nicht hasserfüllt und kein Troll - dennoch: warum nur Männer?
troy_mcclure 20.10.2014
2. Hm
Der Inhalt von Frau Bergs Theaterstück scheint ähnlich wirr wie ihre allwöchentlichen Kolumnen hier bei SPON.
ksail 20.10.2014
3. Ja, die gute Sibylle Berg...
Sie ist ja mitunter ganz unterhaltsam. Allerdings läuft sich die ewige Männer-gegen-Frauen-Masche auch irgendwann mal tot und wird von der Realität überholt. Natürlich gibt es abgehängte Männer, aber eben auch Frauen. Völlig von vorgestern ist zum Beispiel die Schwarzer-Emanze aus den Achzigern, die Gleichberechtigung in Kinderbetreuung und Gehaltsklassen misst. So gesehen, erinnert Berg manchmal selbst an eine verbitterte Post-Emanze, die mit ihren Ansprüchen daran scheitert, dass es neben schwarz (böse Männer) und weiß (die kommende Weiblichkeit) jede Menge bunte Realität gibt.
Mehrleser 20.10.2014
4.
Bergs persönliches Weltbild ist kompakt: Männer sind an allem schuld, vermutlich auch an ihr. Hauptsache Opfer.
analyse 20.10.2014
5. Frau Berg lebt eben in ihrer Vorstellungswelt und das
bringt sie auch zum Ausdruck,fern ab von jeder Realität !
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