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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Überschaubar muss die Welt sein, sonst flippen wir aus

Eine Kolumne von

Hauptsache unterkomplex: Um der eigenen Überforderung entgegenzuwirken, schreit der Mensch nach Schundbüchern und immer blöderen Fernsehformaten. Doch wehe, unsere Weltbilder stellen sich als Märchen heraus.

Die meistkolportierte populärwissenschaftliche Aussage des Jahrzehnts ist, dass die Gehirne der armen Jugendlichen verkümmern, weil sie sich keine Nummern mehr merken können oder müssen. Ein anderer Ansatz, der freundlich auch Erwachsene miteinbezieht, heißt: Keiner kann sich mehr auf lange Texte und komplizierte Sachverhalte konzentrieren. Und Schuld sind in beiden Fällen die Computer, das Internet und Apple.

Damit könnte das Thema abgeschlossen sein, wenn nicht ein eklatanter Denkfehler, den ich furios aufdecken werde, allen Überlegungen zur Verkümmerung unseres Gehirns innewohnte. Die Wahrheit heißt: Wir wollen es nicht anders. Wir wollen es einfach. Der Erfolg von Rotze wie "50 Shades of Grey", der langanhaltende Abverkauf der "Bild"-Zeitung und die Produktion immer blöderer Fernsehformate entspricht genau dem, was die meisten Menschen wollen. Oder dem, was sie verkraften.

Seit jederzeit Informationen aus jedem Winkel der Welt bereitstehen, seit wir ein globalisiertes, vollvernetztes Unternehmen sind, das Erde heißt, kollabiert der Verstand des Menschen. Weil es absolut und komplett unmöglich ist, die Komplexität der Welt zu begreifen. Und weil trotzdem von jedem einzelnen erwartet wird, dass er ein fundiertes Wissen über das Kernforschungszentrum Cern oder Fukushima aufweist, streiken die Menschen und werden pessimistisch und depressiv. Weil sie begreifen, was sie sind: absolut geworfen und überfordert.

Vertrauen für den täglichen Mist

Um dem Aussterben entgegenzuwirken, schreit der menschliche Verstand nach Überschaubarkeit und einfachen Geschichten. So erklärt sich das seltsame, anachronistische Erstarken der Religionen, die, Tausende Jahre alt, wirklich keine adäquate Antwort auf nichts sein können. Aber es funktioniert kurzfristig. So wie einfache Feindbilder dem Menschen die Sicherheit geben, überlegen und auf der richtigen Seite zu sein, helfen simple Märchen ihm und geben Hoffnung. Gut, Böse, Regeln befolgen, simple Sexgeschichten, Storys von der großen Liebe.

Eine absolut verständliche Zweidimensionalität lässt den Menschen in sein Leben und die Welt vertrauen. Und Vertrauen braucht er, um seinen täglichen Mist durchzuziehen, um zu kaufen, sich zu vermehren, um an Kredite zu glauben und daran, dass morgen eine Sonne aufgeht. Darum machen es alle Degeto-Filmer richtig, all die Comedians, die Zeitungen, die nur mehr in Überschriften funktionieren, die Filme, die linear erzählt werden. Richtig. Die verbleibende Restliteratur in der gleichen, schlichten, bewährten Sprache. Überschaubar muss die Erde uns sein, sonst flippen wir aus.

Wenn die Decke Risse bekommt

Es gibt noch keine Untersuchung, die überzeugend die Auswirkungen des weltweiten Verlustes von Vertrauen belegen würden. Nähme der Mensch keine Nahrung mehr zu sich? Liefe er Amok? Aber das tut er auch, wenn sich die einfachen Geschichten als Lügen herausstellen. Wenn die Gnade Gottes eben nicht funktioniert und trotz Einhaltung aller Regeln das Leben aus dem Ruder läuft.

Vermutlich ist die verstörende Zunahme religiös begründeter Terrorattentate so einfach zu erklären: Die Geschichte funktionierte nicht mehr. Wie in der "Truman Show" bekam die Decke Risse, und Rohre ragten aus dem Himmel. Der Mensch, der sich mit simplen Geschichten ruhigstellen ließ, rastet aus, wenn er merkt, dass sein schlichtes Weltbild ins Wanken geraten könnte. Der Glaube an all die schönen Prinzen nebst Pferden, an die Jungfräulichkeit, die alles richten wird. An den Wettergott und den Endsieg im Himmel. Keine Lösung. Kein Ratschlag. Außer dem einen vielleicht: Strengt euch an.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle
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1. Überforderung
Inuk 19.10.2013
Zitat von sysopHauptsache unterkomplex: Um der eigenen Überforderung entgegenzuwirken, schreit der Mensch nach Schundbüchern und immer blöderen Fernsehformaten. Doch wehe, unsere Weltbilder stellen sich als Märchen heraus. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-warum-menschen-simple-geschichten-brauchen-a-928361.html
Deshalb werden Steuerberater zu Recht auch hoch bezahlt. Die müssen bei den umfangreichen Steueränderungsgesetzen immer aktuell informiert sein, um beste Leistungen abgeben zu können, während beispielsweise es Mediziner relativ einfach haben, da sich die menschliche Anatomie nur im Laufe von Millionen Jahren ändert. Übrigens: Der zweite Satz besteht aus 35 Wörtern. Wer ihn versteht, kann sich noch konzentrieren und das wird wohl die Mehrheit der Leserinnen und Leser sein. Also, Hoffnung nicht aufgeben. ;o)
2.
MatthiasHub 19.10.2013
Das ist mir viel zu kompliziert den ganzen Text zu lesen. Kann das irgendjemand für mich zusammenfassen bitte? ;) Spaß beiseite: Es wird niemand gezwungen fern zu sehen oder Bild zu lesen. Wer sich weiterbilden möchte kann jederzeit an die Hochschule gehen, ein gutes Buch lesen (auch E-Books) oder mal Quarks und Co. schauen anstatt Galileo. Die Angebote sind da wer sie nicht nutzt hat selbst Schuld. In Deutschland von einem Erstarken der Religion zu reden, na ja... Ich beobachte hier eher das Gegenteil auch wenn die Extreme seltsamerweise auch bei uns größer werden. Die Welt als Ganzes kann niemand begreifen, ich denke dass sollte man sich ganz schnell klar machen, es sei denn man arbeitet zufällig für die NSA. Wie Nietzsche schon sagte: Glaube' heißt Nicht-wissen-wollen, was wahr ist.
3. Ausgezeichneter Beitrag...
perlentaucher2345 19.10.2013
Zitat von sysopHauptsache unterkomplex: Um der eigenen Überforderung entgegenzuwirken, schreit der Mensch nach Schundbüchern und immer blöderen Fernsehformaten. Doch wehe, unsere Weltbilder stellen sich als Märchen heraus. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-warum-menschen-simple-geschichten-brauchen-a-928361.html
...zeigt er doch.auf, dass auch den vorgeblich 'aufgeklärten' Gesellschaften des Westens ein Hang zum Fundamentalismus (religiöser Art als christlicher Fundamentalismus, als Marktfundamentalismus, in hedonistischer Ausprägung & schlimmstenfalls als »Trivialitätsfundamentalismus«) innewohnt. Begreift man Fundamentalismus als den Versuch der Wiederherstellung von Fraglosigkeit - wer weiss - dann könnte es sein, dass die aktuell zwischen Abend- und bestimmten Regionen im sg. Morgenland ausgemachten Gräben gar nicht so breit & tief sind, wie manche Menschen - deren materielle Existenz auf Macht über andere beruht - sie gern in den Massenmedien und den Köpfen der normalen Bevölkerungen konstruiert sehen möchten.
4. Zusammengefasst:
RedOrc 19.10.2013
Zitat von sysopHauptsache unterkomplex: Um der eigenen Überforderung entgegenzuwirken, schreit der Mensch nach Schundbüchern und immer blöderen Fernsehformaten. Doch wehe, unsere Weltbilder stellen sich als Märchen heraus. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-warum-menschen-simple-geschichten-brauchen-a-928361.html
Um den Artikel mal zu vereinfachen und zusammenzufassen: "Früher war alles besser". Seltsamerweise wird - wie auch in der Kolumne - gerne übersehen, dass dies eben nicht der Fall war - Trivialromane (im übrigen finde ich es anmassend von "Schund" und "Dreck" zu reden, auch wenn ich selbst so was nicht lese) gab es immer schon, was heute "50 Shades of Grey" war, waren im 19. Jahrhundern die "Gothic Novels", im 20. Jahrhundert die Ärzteromane etc. Und zum Thema "blödes Fernsehformat" - wie wäre es mit den Heimatfilmen der 50er/60er? Mit Perlen wie der "Astroshow" (Horst Buchholz/"Madame Tessier")? Der Hauptunterschied zu "damals": Heute habe ich mehr Auswahl, ich bin nicht gezwungen zwischen Not und Elend (ARD, ZDF, Dritte) zu wählen, gerade die Spartensender (auch private PayTV-Anbieter) bringen hochwertigeres Fernsehen als "damals" - wer RTL 2 anschauen will oder BILD liest, bitte - wird niemand dazu gezwungen.
5. Leider steckt viel...
Basiscreme 19.10.2013
...Wahrheit dahinter, dass das verlorene Vertrauen der Menschen zueinander zu Extremismus führt. Sieht man in fast allen Ländern Europas und der restlichen Welt. Kinder sollten besonders vor der, leider zunehmenden, Verdummung durch Medien geschützt werden. Die breite Mehrheit, die Bild und RTL2 bevorzugen, gab es aber vermutlich schon immer, ist aber durch ständig neue, wie Unkraut emporkommende Fernsehformate messbarer geworden. Manchmal wünsche ich mir, einfacher gestrickt zu sein, um mit Dschungelcamp und Nachrichten über Til Schweiger zufrieden leben zu können. Die Komplexität der heutigen Welt ist erfüllend, wenn man sie richtig zu nutzen weiß und falls es doch mal zu hektisch wird, kann ich wenigstens noch die Stecker ziehen und in meinem städtischen, doch komplexen Mischwald spazierengehen.
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