Uraufführung in Mannheim: Statt dem Leibgericht gibt's das Jüngste Gericht

Von

Die Autorin Sibylle Lewitscharoff hat ihr erstes Theaterstück geschrieben. Die Gaststube, in der das Drama spielt, stellt sich bald als etwas ganz anderes heraus: Sie ist der Vorhof zum Jenseits. Die Gäste sind verwirrt - manche hat der Tod kalt erwischt.

Uraufführung in Mannheim: Fahrstuhl zur Hölle Fotos
Nationaltheater Mannheim/ Hans Jörg Michel

Es gibt ein Leben nach dem Tod. Und - das ist jetzt vielleicht nicht für alle eine gute Nachricht - es unterscheidet sich nicht wesentlich vom Leben zuvor: Der Kellner ist unfreundlich, der Ehemann nervt, der Aufzug funktioniert nicht wie er soll.

Die Autorin Sibylle Lewitscharoff, 58, hat ein Stück geschrieben, in dem es genau um diese alltäglichen, ewigen Dinge geht: "Vor dem Gericht" spielt in einem Wartesaal zum Jenseits. Die Gäste begreifen erst nach und nach, wo sie gelandet sind, sie wähnen sich zunächst in einem Wirtshaus mit einem etwas schrulligen Kellner. Er gibt ihnen unverlangt Wartenummern aus, setzt sie in dem leeren Saal alle an denselben Tisch, und was er serviert, ist nur heiße Luft. Langsam merken sie, dass es nicht um ihr Leibgericht, sondern um das Jüngste Gericht geht, und sie erinnern sich an ihre letzten Momente auf der anderen Seite - der Mörder von Frau Schäfer etwa sitzt gleich neben ihr.

"Beim Lesen denkst du zuerst, wo führt das hin, ist dieses Stück überhaupt dramatisch genug - aber bei den Proben merkst du, das funktioniert wie ein Uhrwerk", sagt der Regisseur und Mannheimer Schauspieldirektor Burkhard Kosminski, 50, der das Stück am Sonntag zur Uraufführung bringen will. Er lobt "Vor dem Gericht" für seinen Humor und seine Intelligenz.

Seit Kosminski und sein Chefdramaturg Ingoh Brux 2006 in Mannheim antraten, haben sie ihrem Haus mit regelmäßigen Ur- und Erstaufführungen auch überregional Aufmerksamkeit gesichert. Die Idee, die vielfach ausgezeichnete und zuletzt für ihren Roman "Blumenberg" sehr gelobte Autorin Lewitscharoff aufzufordern, sich als Dramatikerin zu versuchen, kam auch von ihnen. Anfang der Saison hatten sie schon gute Erfahrungen mit einem Stückauftrag für den Autor Dietmar Dath gemacht.

Ein Stück voller literarischer Querverweise

Lewitscharoff habe sich in der Zusammenarbeit als "Vollprofi" erwiesen, sagt Kosminski. "Schon bei den Dialogen in ihren Büchern habe ich gedacht, eigentlich muss die Theater schreiben können." Das Stück sei voll mit literarischen Querverweisen, auch der Film "Das jüngste Gewitter" des schwedischen Regisseurs Roy Andersson wird zitiert.

Zentrale Figur in Lewitscharoffs Stück ist der Kellner, der, so wünscht es sich die Autorin, unbedingt Wienerisch reden soll, obwohl sie selber offenbar nur des "Schwäbisch-Bayerischen" mächtig ist. (Sie dankt am Ende ihres ersten Dramas ausdrücklich dem österreichischen Germanisten Klaus Zeyringer, der die Kellner-Passagen übersetzt und ergänzt hat.) Zum Glück fand sich mit Thorsten Danner in Kosminskis Ensemble ein Schauspieler, der zwar kein Wiener ist, aber immerhin lange Jahre dort gelebt hat und sich in der Lage sah, auf der Bühne Sätze zu sagen wie: "Werte Herrschaften, i, wann i könnt, also wenn ich mir erlauben dürft, Ihnern einen meinigen Rat zu erteilen: Bittschön möchten S' das Echauffieren bleibn lassn, für Ihre Echauffagen ham S' noch allawal gnug Zeit - sozusagen alle Zeit der Welt."

Der Kellner ist der Spielmacher, er brummelt und räumt auf, und wenn über Lautsprecher eine Nummer aufgerufen wird, begleitet er, so wünscht es sich Lewitscharoff, die entsprechende Person zum Paternoster im Hintergrund. Nicht alle sind dabei so gelassen wie der namenlose alte Mann mit dem Hund, der mit seinem Leben wie mit seinem Ableben seinen Frieden gemacht zu haben scheint. Für Kosminski "fast eine Tabori-Figur". Im Paternoster fahren die einen nach oben; die anderen, darunter die junge Selbstmörderin Isa, lässt die Religionswissenschaftlerin Lewitscharoff streng nach katholischer Lehre abwärts fahren.

Als "unaufgeregt" beschreibt Kosminski den Charakter des Stücks. Tatsächlich gibt Lewitscharoff nicht dem Debütanten-Drang nach, in ihren Regieanweisungen einfach mal das Unmögliche zu verlangen. Keine großen Explosionen, Ortswechsel oder Verwandlungen sind gefordert. Der Paternoster allerdings erwies sich als technische Herausforderung und verdammt teuer, und so haben sich Kosminski und sein Bühnenbildner Florian Etti für einen normalen Aufzug entschieden.

Soweit man einen Fahrstuhl ins Jenseits als normal bezeichnen kann.


Vor dem Gericht. Uraufführung am 20.5. im Schauspielhaus Mannheim. Auch am 26.5., Tel. 0621/168 01 50.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Überschrift
macoss 17.05.2012
Wie wäre es, in der Überschrift statt des Dativs den Genitiv zu verwenden...? ;-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Theater
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 5/2012 Die Schauspielerin Sophie Rois über Irrsinn am Theater und Stümpereien in der Liebe

Facebook