"Nibelungen"-Premiere am Thalia Theater Kein bisschen Spaß muss ein

Wagners "Ring" und Hebbels "Nibelungen" im Doppelpack, das ist ein ordentlicher Bühnen-Brocken. Am Hamburger Thalia Theater feierte jetzt der zweite Teil Premiere. Das urdeutsche Monster ließ sich jedoch kaum zähmen.

DPA

Von


Was für ein Siegfried! Wenn es nur um den deutschen Superhelden gegangen wäre, es wäre ein donnernder Erfolg geworden. In dieser "Ring des Nibelungen"-Adaption durfte er so saft- und kraftvoll explodieren. Philipp Hochmair spielte am Thalia Theater den blonden Anarchisten, den freien Menschen, die Hoffnung Wotans und den Geliebten seiner Tochter Brünnhilde mit solcher Wucht und Komik, dass neben ihm alles andere verblasste.

Als nackter Waldwilder mit blonder Mähne stürmte Hochmair die Bühne, schmiedete sein Schwert Nothung, tötete den Drachen Fafner und befreite Brünnhilde aus ihrer Feuerfestung, bevor er den Burgundern in Worms anschließend den Zoff ihres Lebens und Todes bescherte. Das volle Programm, aus dem Richard Wagner seinen "Ring" geschmiedet hatte.

Aber darum ging es nicht nur. Zwar hieß das Stück "Siegfried/Götterdämmerung", doch im Anschluss an Siegfrieds Tod musste auch die vom Kollegen Friedrich Hebbel in seinem "Nibelungen"-Stück thematisierte Rache der Kriemhild verarbeitet werden. Und Hebbel ließ leider nicht mit sich spaßen.

Regisseur Antú Romero Nunes hat am Hamburger Thalia Theater schon gefeierte Adaptionen von Melvilles "Moby Dick" und Mozarts "Don Giovanni" abgeliefert. Bei seiner aktuellen Arbeit verließ er sich wie schon im ersten "Ring"-Teil sehr auf Komik und Kalauer. Wie sich seine Nibelungen aus Erde und Dreck beim "Rheingold"-Start langsam zu Sprache und Denken durchrangen, das war schon lustig und karikierte das wagnerschwere Sujet souverän mit groben Klamauk - zwischen Waalkes und "Walküre" hatte Nunes kaum Berührungsängste.

Diese Lust am Fun, Fun, Fun auf der Nibelungenbahn wird im zweiten Teil brutal ausgebremst durch die Fülle der Handlung. Da muss einiges abgearbeitet werden, und Nunes kann seinem Donnergott danken, dass ihm ein so routiniertes und stellenweise geniales Personal wie das Thalia-Ensemble zur Seite stand. Und es waren keineswegs nur die beiden starken Frauen Brünnhilde (intensiv und kontrolliert: Marina Galic) und Kriemhild (glühend und selbstbewusst: Cathérine Seifert), die über die Drei-Stunden-Distanz suggestiv agierten. Oder der hinreißende André Szymanski als Siegfried-Pate Alberich, der als dirigierender Einstimmer den Abend eröffnete.

Dank an den Donnergott

Weit mehr noch faszinierte eine andere Rolle. Auf die wunderbare Idee, den treuen und intriganten Rhein-Recken Hagen Tronje mit der Bühnen-Veteranin Barbara Nüsse zu besetzen, muss man erst einmal kommen. Sie spielt den Strippenzieher und Siegfried-Killer so cool und lapidar, dass es einen beim Zusehen friert. Intensiver agierte sie nur als SS-Scherge in Falladas "Jeder stirbt für sich allein": Ihre Hagen-Performance wirkte als perfekter Gegenpart zu Philipp Hochmairs Helden-Amok.

Ein weiterer positiver Effekt: Neben Nüsse musste Rafael Stachowiak als Burgunder-König Gunther schon zu Hochform auflaufen, um bestehen zu können. Im Zuge des zweiten Teils, "Kriemhilds Rache", gelang Stachowiak das Kunststück, dem schwachen Gunther nach und nach das Profil zu schärfen. Das war schon das Spannendste nach der Pause, denn nach Siegfrieds Tod und Brünnhildes Scheiterhaufen ging es für ihn bergab.

Einbruch nach der Pause

Wie schwierig es ist, den so großen Faden nach einer Unterbrechung weiter zu spinnen, zeigte der misslungene Versuch in diesem Fall: Nunes stellte einen Hofnarren (Etzel und seine Botschafter in einer Person, smart gespielt von Thomas Niehaus) als witzelnden Alleinunterhalter am Keyboard auf die Bühne, der nochmal einen Abriss der Nibelungen-Sage als germanistischen Diskurs gagdurchsetzt präsentierte, was einige Lacher, aber wenig Würze ergab. Dieser Spaß musste gar nicht sein. Sollte wohl auch nur die kurze Erleichterung vor dem finalen Massaker sein. Zum Übergang von Wagner zu Hebbel gab es noch den "Trauermarsch" aus der "Götterdämmerung" vom Band: Auf dieses Pomp-Schmankerl, ganz unironisch eingeflochten, mochte die Regie dann doch nicht verzichten.

Nach dem Blutbad zurück zum "Rheingold"

Der finale Hebbel-Teil dieser "Nibelungen" krankte ganz entschieden an zu leichtgewichtigen Ideen. Die an sich effiziente Bühne (Ausstattung: Matthias Koch) wirkte ständig zu groß für die Darstellung, die sich oft zwischen rußschwarzen, riesigen Stoffbahnen und kleinen Stühlen verlor, während die schweren Texte wie Bleiplatten gesetzt wirkten. Die abschließende Todesschlacht als chorische Darstellung vor den eisernen Bühnenvorhang zu verlegen, wirkte dann trotz intensiver Personenregie und gemeinschaftlichen Blutbades fast wie eine Notlösung.

Immerhin wurde dies zu einer weiteren geballten Ensemble-Präsentation, dem größten Aktivposten dieses sehr durchwachsenen Rahmens. Trotz aller Wechselbäder zwischen Kalauern, Zitaten und Erdenschwere: leicht verhebbelt, das Ganze, wie auch die Rückkehr von Kriemhild in die "Rheingold"-Erde von Beginn. Eine Selbstbeisetzung als wirre Metapher.

Um einen klassischen Kalauer aus der Theatergeschichte zu bemühen: Der Beifall am Schluss war endenwollend.



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
stinkfisch1000 18.01.2015
1. Na,
wo sind die ganzen empörten Bildungsbürger, die sich über die Dschungelcampberichterstattung mokieren und dort lange Kommentare über den Untergang des Abendlandes verfassen. Toll was für eine tiefgehende und komplexe Diskussion ihr hier zu einem ernsthaften Kulturthema entfaltet. Ich bin beeindruckt ....
Peter Lublewski 18.01.2015
2. Kulturverfall
Zitat von stinkfisch1000wo sind die ganzen empörten Bildungsbürger, die sich über die Dschungelcampberichterstattung mokieren und dort lange Kommentare über den Untergang des Abendlandes verfassen. Toll was für eine tiefgehende und komplexe Diskussion ihr hier zu einem ernsthaften Kulturthema entfaltet. Ich bin beeindruckt ....
Wenn man im Dschungelcamp-Thread so vehement gegen den Kulturverfall anschreibt und dafür so an seinen Beiträgen feilen muss, der hat für so etwas hier einfach keine Zeit mehr.
Ordy 18.01.2015
3. Die fehlende Diskussion liegt womöglich daran, ...
... dass kein Schwein mit dieser Zusammenfassung etwas anfangen kann, geschweige denn mit der Kritik an dem Stück. Ich persönlich meine, mich mittlerweile im "Ring" ein wenig zurechtfinden zu können und kenne auch "Der Nibelungen Not" (wovon "Die Rache der Krimhilt" ja quasi das Sequel ist). Nach inzwischen dreimaligem Durchlesen weiß ich immer noch nicht, was uns der Artikelschreiber sagen möchte (vermutlich ist er zwischendrin im Stück eingeschlafen - es scheint ja nicht so toll gewesen zu sein).
rochush 18.01.2015
4. ...
Zitat von stinkfisch1000wo sind die ganzen empörten Bildungsbürger, die sich über die Dschungelcampberichterstattung mokieren und dort lange Kommentare über den Untergang des Abendlandes verfassen. Toll was für eine tiefgehende und komplexe Diskussion ihr hier zu einem ernsthaften Kulturthema entfaltet. Ich bin beeindruckt ....
Meinen Sie ernsthaft, auch nur ein Bildungsbürger würde Ihren Kommentar oder diesen Artikel durch einen ernsthaften Kommentar würdigen.
4pu 18.01.2015
5. apropos Bildungsbuergertum
ich sah vor einiger Zeit Rheingold / Der Ring in Enschede ueber die Jahre verteilt mit Text auf dem Laufband. Da war der Siegfried eher ein Zoegerling, der versuchte zu ergruenden, warum alles geschah. Brunhild war dort der Star, die es wagte den Vater zu fragen ob er noch alle Tassen im Schrank habe, staendig irgendwelche Halbgoetter zeugen zu wollen, waehrend Wotan als gebildeter und gelehrter gut aussehender Mafiaboss vorgab, fuer das Wohl der Familie im neuen Heim zu sorgen, die Zeit der Goetter sei eh vorbei und das gelte es zu beschleunigen. Und bei allem war die Hinterlist und der Verrat die hoechste Tugend. Das war - auch musikalisch - einsame Klasse!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.