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S.P.O.N. - Der Kritiker: Besser stumm als dumm

Eine Kolumne von

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SPD-Chef Gabriel: Funktionale Überflüssigkeit

Sigmar Gabriel als Griechenland-Zuchtmeister: Wenn der Vizekanzler die Tsipras-Regierung als "dumm" maßregelt, bringt er die Debatte auf infantiles Niveau. Politik im postdemokratischen Zeitalter.

"Dumm" ist ein Wort wie ein Geschoss. "Dumm" ist mindestens eine Ohrfeige. "Dumm" ist eine Demütigung, und Demütigungen sollte man auf dem Gebiet der Erziehung wie der Politik lieber vermeiden.

Aber "dumm", so steht es jetzt im Raum, "dumm" sind die Griechen, das sagt der ehemalige Politiker und heutige Volkserzieher, der Pädagoge und Pegida-Versteher, das SPD-Schattenwesen, der vorgebliche Vizekanzler Sigmar Gabriel.

"Dumm", sagte Gabriel, "dumm" sei es von den Griechen, die lästigen Reparationsforderungen gerade jetzt wieder hervorzukramen - er redet damit so, wie man mit Kindern redet, jedenfalls dann, wenn man ein etwas überforderter Vater ist und am Rande seiner Geduld.

Und "dumm", so stand das Wort dann auch auf Seite eins der Tageszeitungen - es ist der auftrumpfende Ton, der seit Langem das Reden über Griechenland im Besonderen und um die deutsche Macht in Europa im Allgemeinen prägt.

Politik verwandelt in einen Kindergarten

Es ist die Sprache der Politik in ihrer Schrumpfform: Der therapeutische Ton hat sich auch hier durchgesetzt - es geht nicht um Taktik, um Interessen, um Konflikte, wie in der Politik sonst üblich, es geht um richtig und falsch und darum, dass es die Deutschen sind, die beurteilen können, was was ist.

Politik verwandelt sich dabei in einen Kindergarten, in dem es artige und unartige Kinder gibt - und wenn dann etwa Putin neben Tsipras steht und irgendwie schief schaut, dann wird die mediale Psychologiemaschine angeworfen, dann werden Blicke gedeutet, als würden sie etwas bedeuten.

Das ist Politik im postdemokratischen Zeitalter: Eine Reduktion auf Gesten, das Betrachten von Bildern, ein Stochern in Befindlichkeiten, wie es die bundesdeutsche Therapiegesellschaft gelernt hat - es gibt keine Konflikte, nur Fehlverhalten, das geregelt werden kann.

Das Wort von der Dummheit wirkt dabei wie eine gezielte Züchtigung, die den Trotz des Kindes erzeugen soll, der dann wieder beklagt werden kann, im selbstgerechtesten Elternmodus - der kleine Alexis ist in der Moskauer Hüpfburg verloren gegangen und will dort abgeholt werden.

Während also etwa in Syrien das Schlachten weitergeht, das als großes Grauen das Zeitalter überwölbt, eine Schuld, die jetzt schon historisch ist, ein Versagen des Verstehens, des Handelns, der Politik - währenddessen verliert sich das Reden im Zwergenland.

Die Infantilisierung des Denkens

Aber es gehört wohl beides zusammen: Die Infantilisierung des Denkens und die Unfähigkeit zu handeln - das Wort von der Dummheit bedeutet ja eine Regression eher dessen, der es benutzt, als von dem, auf den es angewendet wird.

Und so steht vor allem Sigmar Gabriel in seiner ganzen funktionalen Überflüssigkeit da - ein Mann, der es nicht schafft, seiner Partei, die die Gerechtigkeit im Programm hat, in einer Zeit der umfassenden Ungerechtigkeit ein wenig Feuer, Selbstbewusstsein, Sinn oder wenigstens Richtung zu geben.

Das Schweigen der SPD ist das Lauteste, was es in Berlin derzeit zu hören gibt - und je länger es dauert, dieses schweigende Verschwinden, desto mehr scheint es so, als sei eine historische Notwendigkeit, als seien selbst die circa 20 Prozent, die die Partei heute wählen würden, eher eine nostalgische Anwandlung oder einfach ein eingeübter Reflex.

Denn das ist die Lage im Jahr 15 von Angela Merkel an der Spitze der CDU, als Symbolfigur für eine Politik ohne Politik, also ohne Prinzipien: Die Begriffe, die Sprache, die Zuordnungen passen nicht mehr - die Nachgeschichte hat schon begonnen.

Wer andere "dumm" nennt, der ist am Ende seiner Worte angekommen. Das war das Traurige an Sigmar Gabriels Aussage. Es gibt danach nicht mehr viel, was man sagen kann, die Argumente sind erschöpft.

Was bleibt, ist Ratlosigkeit. Und für die SPD ein Staatsbegräbnis erster Klasse.

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 237 Beiträge
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1. Die SPD würde gut daran tun..
ah-ist-wahr? 10.04.2015
sich endlich von diesem Opportunisten zu befreien.
2. adieu SPD
ka117 10.04.2015
Dieser Haufen ist ohnehin schon lange nicht mehr wählbar.
3. Kann man so sehen ...
scooby11568 10.04.2015
vor allem, weil man sich als Politiker weiterer Optionen beraubt. Andererseits kann man auf Dumme auch nur bis zu einem gewissen Punkt Rücksicht nehmen.
4. Da trifft Gabriel ausnahmsweise mal den Nagel auf den Kopf,
seiby 10.04.2015
und auch dafür gibt es Schelte. Wie soll man es denn nennen, wenn Politiker nur durch die gegend reisen, ohne die Probleme ernsthaft anzugehen? In meinen Augen ist dumm dafür noch eine sehr positive Bezeichnung. Auch zeugt es nicht gerade von Intelligenz, wenn den, von dem man eine Gefälligkeit will, mit uralten und umstrittenen Forderungen brüskiert. Ich glaube sowieso, dass es besser wäre, wenn Politiker Klartext reden würden, anstatt nur diplomatisch um den heißen Brei.
5.
THINK 10.04.2015
Diesem Kommentar stimme ich uneingeschränkt zu, wobei mich das Verhalten unserer Politiker, die offensichtlich durch eine Negativauslese an die Macht gekommen sind, schon immer an Kindergartenkinder erinnert hat.
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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