S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Halte durch, Jesus!

Eine Kolumne von Silke Burmester

Es ist ein Drecksjob, aber einer muss ihn machen: Leiden für die Menschheit, das Licht der Erkenntnis bringen, dann ans Kreuz genagelt werden. Und wenn alles zu spät ist, beten sie dich an. Warum erkennen die Menschen den Heiland nicht, solange er noch unter ihnen weilt?

Ich weiß, du hast es nicht leicht. Mehr als ein Drittel der Welt beteuert, Christ zu sein und glaubt angeblich, dass du kommen wirst, sie zu retten und nach Gottes Wort zu handeln. Aber eher wird Elvis im Supermarkt an der Fleischtheke entdeckt, als dass die Menschheit dich erkennt, wenn du - Optimist, der du bist - mal wieder versuchst, sie aus der Klaue des Teufels zu befreien.

Dein Vater hat dich erneut ausgeschickt, dem Fürst der Finsternis und seinen Machenschaften ein Ende zu setzen und den Menschen das Licht der Erkenntnis zu bringen. Aber selbst wenn du heute im Leinensack wandeltest, mit langem Haar und Löchern in den Händen - sie könnten dich nicht erkennen. Sie erkennen dich nicht einmal dann, wenn du tatsächliche Opfer für sie bringst. Wenn du dein Leben für sie gibst. Wenn du alles aufgibst, alles hinter dir lässt. Alle Sicherheit, alle Gewissheit eintauschst, gegen eine ungewisse Zukunft. Wenn du sogar deinen Tod als Konsequenz deines Handelns in Kauf nehmen müsstest.

Ans Kreuz genagelt, hingerichtet - im Nachhinein sind die Christen gern bereit, eine Gedenktafel aufzustellen, weil sie - nachdem du erneut dein Leben für sie gelassen hast - begreifen, dass da ein Großer unter ihnen war. Solange du aber da bist und für sie leidest, rennen sie lieber in die Kirche um nach dir zu rufen oder warten in der Einkaufsstraße mit der Bibel in der Hand darauf, dass du aus dem Himmel herabsteigst. Die Idee, denjenigen, in dessen Gestalt du dieses Mal versuchst, die Welt zu retten, zu unterstützen, liegt ihnen fern.

Gegen Asyl gibt es viele Ausflüchte

Und während du mit Anfang 30 alles aufgibst, ohne Heimat und mit einer fragwürdigen Zukunft, weil du das Übel benennst, weil du sagst, wo und wie der Teufel sein Schindluder treibt - im Wissen, dadurch alles zu verlieren - sind sie nicht einmal bereit, den Mund aufzumachen, wenn ihr Sitznachbar - weil er Ausländer ist - von der Bahn-Security schlecht behandelt wird. Wenn ihr Unternehmen unethische Geschäfte macht, oder die Menschen nicht anständig für ihre Arbeit bezahlt.

Aktuell sitzt du im Transitbereich des Moskauer Flughafens. Wie vor 2000 Jahren wollen die Mächtigen dich mundtot machen, wollen sie einen Unbequemen aus dem Weg haben. Das heißt nicht, dass die, die sich weltweit Christen nennen, das erkennen und entsprechend handeln. Asyl, das ist ein Recht, gegen dessen Gewährung es dank gesetzlicher Regelungen viele Ausflüchte gibt. Es wird wohl reichen müssen, dass sie im Nachhinein begreifen, dass der Mann, dem keiner helfen wollte, das verkörpert, was sie seit 2000 Jahren preisen: Ein Mensch, der bereit ist, für andere und für das Gute sein Leben aufzugeben. Wenn sie das irgendwann gemerkt haben, werden sie mit Sicherheit eine Gedenktafel aufstellen.

Immerhin Jesus, machst du das ja nicht zum ersten Mal. Du weißt, wie dumm die Menschen sind. Und wenn du seit 2000 Jahren nicht aufgibst, dann wirst du auch noch 2000 weitere Jahre durchhalten.

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insgesamt 186 Beiträge
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1. Überspitzt
grafwagner 07.07.2013
Es ist toll formuliert, aber ob man Herrn Snowden in einen spirituellen Vergleich setzen kann, ist schon - zumindest in meinem Verständnis, übertrieben. Zumal man auch nicht vergessen darf, welcher massive Ärger sich nach einem Asyl anbahnt und irgendwann entläd. Für die EU wäre Asyl eine wegweißende Entscheidung in die kontinentale Eigenständigkeit gewesen, aber sie haben versagt. Schönen Sonntag
2. optional
kontaktlinsensuppe 07.07.2013
Danke Frau Burmester, dem ist - wie immer - nichts hinzuzufügen.
3. optional
mazzeltov 07.07.2013
Jesus veröffentlicht neuerdings im Guardian?
4. Geschmacklos und unpassend
gut-mensch 07.07.2013
Kein weiterer Kommentar
5. Heiland
Grafsteiner 07.07.2013
"Warum erkennen die Menschen den Heiland nicht, solange er noch unter ihnen weilt?" Wahrscheinlich meint sie sich selbst. Wir alle sind Heilands. Wenn wir in unserem eigenen leben einige Prinzipien beachten. Heute wird keiner mehr an das Kreuz genagelt. Nur von der Presse durch den Dreck gezogen und an den Pranger gestellt.
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