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23. Dezember 2012, 07:34 Uhr

S.P.O.N. - Helden der Gegenwart

Stricken gegen das Pinguinsterben

Eine Kolumne von Silke Burmester

Glinde, Nabel der Welt des Tierschutzes! Dem tollkühnen Einsatz einer Frau in diesem traurigen, kleinen Ort nahe Hamburg ist es zu verdanken, dass Australiens Pinguine mit mehr als 40.000 Strickpullovern bedacht worden sind. Gehen bald auch Tarnkappen für Nashörner in die Massenstrickproduktion?

Verehrte Pinguinretterin Angelika Regenstein,

Sie haben Glinde in der Welt bekannt gemacht! Glinde, dieser alte und in den siebziger Jahren dann explosionsartig aus dem Acker geschossene Unort neben Reinbek, dem Blinddarm Hamburgs. Sie betreiben, zu meinem absoluten Verständnis, ein Reisebüro.

In einem Touristik-Magazin hatten sie von den Nöten der Pinguine in Australien gelesen, die sich zum Schutze gegen mögliche Ölkatastrophen Pullis wünschten. Beziehungsweise Danene Jones, Sprecherin des Phillip Island Rehabilitation Centre in der Nähe von Melbourne, wünscht sie sich. Sollten die Vögel durch Öl verschmutzt werden, schützt ein Pulli vor Auskühlung und verhindert, dass der Pinguin beim Versuch, sich zu säubern, giftige Stoffe über den Schnabel aufnimmt.

Was nützen so drei, vier, fünf Pullis haben Sie sich gedacht, liebe Frau Regenstein, und über die Fachpublikation für Strickwaren und Nächstenliebe, das "Hamburger Abendblatt", Mitstricker gesucht. Und die fanden sich. Nicht nur in Deutschland. Auch aus Island, der Türkei, Norwegen und Österreich wurde Ihnen Oberbekleidung für Pinguine zugesandt.

40.335 Pingu-Pullis nach Australien

Insgesamt haben Sie 40.335 Pingu-Pullis nach Australien schicken können und dadurch nicht nur das dortige magere Angebot an Dessins und Farben auf den Kopf gestellt, sondern auch Glinde bekannt gemacht. Und damit Deutschland. Radiostationen aus ganz Down-Under bemühen sich um Interviews mit Ihnen, und sollten neuseeländische Kiefermäuler Pullis brauchen, ist Danene Jones gewillt, den nicht sonderlich beliebten Nachbarn eine Ladung Survival-Strick zur Verfügung zu stellen. Spätestens dann wird auch bei den Kiwis das Augenmerk gen Glinde gerichtet sein.

Zunächst aber ist Schluss, es sind genug Sweater am Ende der Welt angekommen. Die Zahl der Pullis soll die der Tiere bereits übersteigen.

Dass Tier- und Strickliebe keine Grenzen kennen, machen Sie mit Ihrer nächsten Idee deutlich, für die Sie erneut Mitbastler suchen: Rumänische Welpen brauchen dringend was anzuziehen, erstaunlicherweise sind die Tierheime dort im Winter kalt. Vielleicht wäre es auch mal eine gute Idee, für Kinder zu stricken, denn wie ein Kinderarzt im Zuge der Berichterstattung über Armut in Deutschland im ZDF berichtete, tauchen in seiner Praxis vermehrt Kinder auf, die keine Winterkleidung tragen. Die in Sommerschuhen und Sommerjacken losgeschickt werden. Vielleicht weil sie ihr warmes Zeug ins Tierheim nach Rumänien geschickt haben, vielleicht aber auch, weil sie einfach keines haben.

Generell ist die Idee, mit Handarbeiten die Welt zu retten, ja eine tolle. Und vielfältig anwendbar. So könnte man etwa für die Eisbären, die infolge der Eisschmelze zunehmend ertrinken, Flöße bauen und um Wale vor Orientierungslosigkeit infolge des Krachs von Schiffsmotoren und Windanlagen zu schützen, Ohrstöpsel aus Fimo formen. Nashörnern könnte man Tarnkappen für ihr Horn nähen, Elefanten Tarnüberzieher für die Zähne.

Eine weltweite soziale Handarbeitsbewegung könnte entstehen. Und wo wäre ihr Ausgangspunkt? In Glinde, Frau Regenstein! Diesem traurigen kleinen Ort neben Reinbek, dem Blinddarm Hamburgs.

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