S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Gefährliche Störung der Persönlichkeit

Deutschland, deine Vorschriften. Wer kifft und trinkt, dem darf der Lappen weggenommen werden. Da frage ich mich: Warum dürfen Alk-Kiffer Versicherungen abschließen? Weshalb dürfen Porno-Gucker heiraten - und wieso darf man eigentlich nicht mal die Polizei rufen, wenn der Nachbar Klavier spielt?

Eine Kolumne von Silke Burmester


Manche Dinge lassen sich sehr einfach lösen: "Ohne Wodka geh ich nicht auf die Bühne!", vermeldet der Scooter-Sänger H.P. Baxxter mittels des Abstinenzler-Fachblatts "Bild"-Zeitung. Und es ist gut, dass man nun weiß, dass es Wodka ist, von dem man ihn fernhalten muss.

Auch das deutsche Recht möchte Schlimmes verhindern und verbietet, unter Drogeneinfluss Auto zu fahren. Da Alkohol in diesem Land eine sozial akzeptierte Droge ist, kann man sich in Maßen einen anschickern und dann ein Automobil lenken. Wahrscheinlich, damit die Straßen, die man so schön breit angelegt hat, auch in ihrer Gänze genutzt werden.

Klar ist, trinkt man zu viel oder sitzt unter Drogeneinfluss am Steuer und bekommen die Ordnungshüter das mit, droht Strafe. Unter Umständen der Entzug des Führerscheins, schließlich ist man bedröhnt und Auto gefahren.

Tatsächlich sieht die Fahrerlaubnisverordnung noch ganz anderes vor, nämlich den Entzug des Führerscheins bei Dröhnung, ganz ohne Autofahren. Der Tatbestand, dass man zeitgleich kifft und Alkohol trinkt, kann in besonderen Fällen ausreichen, um die Fahrerlaubnis abgenommen zu bekommen, selbst wenn kein Pkw weit und breit zu sehen ist. Die Gesetzesmacher zweifeln nämlich an der Kontrollfähigkeit von Personen, die vor Tagen ihren Marihuana-Rausch mit Alkohol abgerundet haben. Außerdem halten sie eine Störung der Persönlichkeit für denkbar.

Ich möchte jetzt unbedingt betonen, dass Kiffen nicht immer lustig ist und es sehr traurig ist, mit anzusehen, wie Leute vor lauter Kiff ihr Leben nicht gebacken kriegen. Und auch, dass bekifft Auto fahren inakzeptabel ist. Aber ich möchte doch auch mal fragen, was diese Merkwürdigkeit, "Mischkonsum von Cannabis und Alkohol rechtfertigt selbst dann die Annahme mangelnder Fahreignung", wenn der Konsum "nicht im Zusammenhang mit der Teilnahme am Straßenverkehr steht", wie SPIEGEL ONLINE das Bundesverwaltungsgericht zitiert, soll?

Beziehungsweise wie es ein paar Juristen möglich war, ihre Angst Dingen gegenüber, vor denen ihre Eltern immer gewarnt haben, in der Dämonisierung von Kiffern gesetzlich zu manifestieren?

Mir machen andere Autofahrer mehr Angst als Alk-Kiffer

Ehrlich gesagt, mir machen die Alten, die vollgedröhnt mit diversen Medikamenten mit tollen Nebenwirkungen hinterm Steuer sitzen, mit Beinen, die zum Gehen nur noch eingeschränkt zu gebrauchen sind, und Augen, für die man gerade mal wieder die Brille vergessen hat, mehr Angst als Alk-Haschkonsumenten. Nicht zuletzt weil ich die Wahrscheinlichkeit, von ihnen niedergemäht zu werden, im Angesicht der demografischen Entwicklung für größer halte.

Oder die Koksnasen, die als "High-Performer" in ihrem Audi A8 von Termin zu Termin über die Autobahn donnern, um Firmen zu "beraten" und wohlmöglich ein paar Jahre später ausgebrannt und abgefüllt mit Antidepressiva als Geisterfahrer zur letzten Performance aufbrechen.

Oder die Hausfrauen, die nach dem Tennis um 11 Uhr morgens das erste Glas Sekt trinken, bevor sie sich in ihren SUV setzen, um mit der Flasche Cremant im Einkaufskorb bei der Freundin vorbeizuschauen. Oder die Tausende von Autofahrern und Autofahrerinnen, die während der Fahrt telefonieren und deren Reaktionsfähigkeit auch bei der Nutzung einer Freisprechanlage mindestens so eingeschränkt ist wie die von Personen mit 0,8 Promille, wie Forscher der Universität von Utah, USA, herausfanden.

Stattdessen ist es möglich, Leuten, die Gras und Alk mischen, die Fähigkeit zu etwas abzusprechen, das sie gar nicht tun. Warum aber beschränkt sich die Frage nach der Störung der Persönlichkeit und dem Kontrollverlust aufs Autofahren? Warum stellt man Alk-Kiffern nicht auch die Fähigkeit in Abrede, am Donnerstag einen Vertrag über eine Lebensversicherung abzuschließen, wenn sie am Montag von Gras und Bier so beduselt waren, dass sie den Namen der Versicherung für den einer Blume gehalten hätten?

Unter diesen Umständen hätte ich gern, dass die Gerichte auch mal klären, ob man bei Personen, die Klavier spielen, nicht auch die Polizei rufen kann, selbst wenn sie es nicht außerhalb der Ruhezeiten tun. Oder ob man Männern, die Pornos gucken, in denen Frauen erniedrigt werden, nicht das Heiraten verbieten kann. Man kann schließlich nicht bei jedem davon ausgehen, dass sie wie H.P. Baxxter in vorauseilendem Gehorsam freudig kundtun, wodurch sich das Übel verhindern lässt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 204 Beiträge
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Seite 1
silversurfer75 17.11.2013
1. Gericht auf Droge?
Man fragt sich wirklich, was die Richter des Bundesverwaltungsgericht den ganzen Tag so schnupfen. Wenn ich mich heute ins Koma trinke und morgen mit 0,4 Promille Restalkohol Auto fahre bin ich charakterlich geeignet ein Fahrzeug zu führen ( so lange ich keinen Unfall baue) , nicht aber wenn ich Cannabis und ein Bier konsumiere und mich nicht ans Steuer setze....
zirbeldrüse 17.11.2013
2. Polytox
Eine MPU bringt dem Staat ne Menge Knete und sich die Mischkonsumenten vorzunehmen, hat wohl einfach damit zu tun, dass diese Gruppe riesig ist. Von den harten Junkies benutzt um klar zu kommen, von den Kiffern um den Rausch zu steigern und von allen anderen, weil das auf der privaten Party eben meist angeboten wurde. Ich habe selber mal gekifft und halte nicht viel von Mischkonsum, ist schlecht für die Psyche und geht vom friedlichen Kiffen eher in die Richtung wirklich drauf zu sein. Den Führerschein wegnehmen, wegen eines Delikts ausserhalb des Strassenverkehrs ist absolut grausam für den Betroffenen und hilft bestimmt nicht sein Suchtproblem zu lösen.
deeco85 17.11.2013
3. Dieser Artikel spricht aus,was viele denken!
Ich selber rauche auch ab und zu mal einen Joint ,natürlich fahr ich an diesem Tag kein Auto mehr! Ich finde es nicht fair das "Kiffer" dämonisiert und kriminalisiert werden, jeder kennt die Folgen eines starken Alkoholrauschs, ob noch am gleichen oder am nächsten Tag, als "Kiffer" kann man darüber nur lachen! Natürlich möchte ich keine der beiden Drogen schönreden, entscheidend ist letzten Endes immer die Menge und die Häufigkeit des Konsums aber mir kann niemand erzählen das Kiffen schlimmer ist als Alkohol und der Mischkonsum lediglich dazu führt ,dass man nicht mehr so viel Alkohol trinken kann. Diese Menschen/Richter, die solche Urteile sprechen sind in meinen Augen völlig weltfremd!
mitleserb 17.11.2013
4. Ach ja...
Wie schön, diese Bevormundung vom Staate. Eingepackt hat er seine nicht mündigen Untertanen in Watte. Es ist eine schreckliche Welt da draußen, sie ist groß, komplex und es leben Menschen darin die es noch schlimmer machen. Wie gut das wir den Staat haben, der vorsorglich und vorausschauend potentielle Risiken eliminiert, seien sie auch noch so gering. Wie gut das wir einen Staat haben, der sich inzwischen nicht nur um die ihm anvertrauten Gewalten kümmert. Er kümmert sich auch, im vorauseilendem Gehorsam einer Entwicklung, die in ein paar Jahrzehnten möglicherweise beginnen könnte, darum, dass seine Judikative ihren angestammten Platz verlässt und sich zum Psychologen des Volkes im Sinne einer Volksreinheit und Volksgesundheit aufbaut. Wohl getan, schließlich sollte man ja nie nach dem ersten Versuch, auch wenn er schon ein paar Jahrzehnte zurückliegt, aufgeben. Das die Legislative dem Bürger das Denken abnehmen möchte ist durchaus verständlich, schließlich lassen sich diese später besser regieren. Das auch die Judikative hier mitspielt ist eher pathologisch einzuordnen. Die Exekutive konnte in diesem Land eh noch nie selbständig denken. Insofern ist es eine sehr spannende Entwicklung, wieder einmal.
teletube 17.11.2013
5.
Ehrlich gesagt, mir machen die Alten, die vollgedröhnt mit diversen Medikamenten mit tollen Nebenwirkungen hinterm Steuer sitzen, mit Beinen, die zum Gehen nur noch eingeschränkt zu gebrauchen sind, und Augen, für die man gerade mal wieder die Brille vergessen hat, mehr Angst als "Alk-Haschkonsumenten. Nicht zuletzt weil ich die Wahrscheinlichkeit, von ihnen niedergemäht zu werden, im Angesicht der demografischen Entwicklung für größer halte."- Tja - wiederholte Tests auf Fahrtauglichkeit wurden bislang von der Bleifußtreterbrigade erfolgreich bekämpft unter Hinweis auf angebliche Diskriminierung der Alten. In Wirklichkeit gehts natürlich darum, keine Kunden zu verlieren. Da kann ruhig mal der Ein oder Andere ins Gras beissen, wie vor wenigen Wochen bei Karlsruhe, als ein alter Knacker eine 34-Jährige ins Grab beförderte. Hauptsache der Umsatz stimmt!
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