S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Der deutsche Rentner schlägt zurück

Deutschland, sei wachsam! In hiesigen Städten treiben vermehrt renitente Rentner ihr Unwesen. Sie besetzen Begegnungsstätten und leerstehende Büroräume, fordern gar Parkbänke. Sicherheitsexperten warnen bereits vor einer neuen RAF.

Senioren in Hamburg: "AltersStarrsinn" nennen sich die Aufmüpfigen
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Senioren in Hamburg: "AltersStarrsinn" nennen sich die Aufmüpfigen

Eine Kolumne von Silke Burmester


Schon wieder wurde in Hamburg ein Haus besetzt - durch Senioren. Privatbesitz, die Krönung kapitalistischer Selbstverwirklichung, durch alte Leute besudelt. Kein Respekt, nirgends. Von niemandem. Bislang meinten vor allem junge Menschen, leerstehenden Raum einfach für sich beanspruchen zu können. Nun wollen auch zunehmend Menschen über 60 Jahre nicht länger mit ansehen, wie Büroflächen und Wohnungen über Jahre leer stehen, packen ihren Groll in ihren Hackenporsche und besetzen Leerräume. "AltersStarrsinn" nennt sich die rund 20-köpfige Gruppe aufmüpfiger Grauhaariger, die am Dienstag in Hamburg-Ottensen das Planungsdebakel "Vivo" einnahm.

Als Treff- und Einkaufspunkt einer alternativen Lebenskultur vor rund zehn Jahren eröffnet, fristet das Gebäude - zumindest Teile davon - seit Jahren ein unbelebtes Dasein. Aber ist das eine Rechtfertigung dafür, die Häkelnadeln und die Bastelpläne fürs Buddelschiff niederzulegen und einfach einzumarschieren? Es gebe nicht genug barrierefreien Wohnraum für ältere Menschen in Hamburg, sagen die renitenten Rentner, die auch noch die Idee haben, als Wohnkollektiv zusammenleben zu wollen.

Als hätte Bürgermeister Olaf Scholz nicht durch das Votum der Hamburger, die Energienetze zurückkaufen zu wollen, das die blöden Bürger trotz seines massiven Gegendrucks und teurer Kampagnen von Vattenfall durchgedrückt haben, schon genug am Hals, müssen ihm nun auch noch die Alten das Leben schwer machen. Dabei hatte man im April extra eine Gartenschau eröffnet, um, für 21 Euro Eintritt, Menschen im Ruhestand bei Laune zu halten.

Alles nur Tarnung!

Tatsächlich sind die alten Fischköppe nicht die Einzigen, die stinkig werden. Auch in anderen Städten mehren sich aufständische Rentner, die alles Mögliche fordern. In Berlin besetzten sie eine Begegnungsstätte, um deren Erhalt durchzusetzen, und die "Senioren-Union" forderte, überall Parkplätze für diejenigen im Rollatoralter auszuweisen, die mit dem Auto unterwegs sind. Innen- und Sicherheitsexperten nehmen diese Entwicklung mit Sorge zur Kenntnis, erste Beobachter sehen bereits eine neue RAF-Generation entstehen - Radikale Alte Formation.

Besondere Sorge macht den Sicherheitsexperten das harmlose Auftreten der Senioren. Anders als die jungen Demonstranten, die vor allem in den Großstädten bezahlbaren Wohnraum fordern, können die Alten nicht einfach automatisch der linken Szene zugeordnet und so im Sinne der Staatsmacht radikalisiert werden. Sie weigern sich, ihren Rechtsbruch in Schwarz und vermummt durchzuführen. Und ihre Forderungen wie "Wir wollen hier wohnen!" klingen in den Ohren der Staatswächter so niedlich, dass sie kaum eine Rechtfertigung finden, die Oldie-Querulanten und mögliche Trittbrett-Revoluzzer mit überzogenen Polizeieinsätzen einzuschüchtern.

Dass das knuddelige Auftreten der Falten- und Brillenträger ein geschickter Akt der Tarnung ist, haben die Staatswächter aber längst durchschaut, was sie ihrer jahrzehntelangen Erfahrung im Häuserkampf rund um die Hafenstraße und das Schanzenviertel zu verdanken haben. Die Forderung nach "solidarischem Wohnen" und Wörter wie "Kollektiv" verraten, ebenso wie das Symbol des Sterns auf der Homepage von "AltersStarrsinn", die Gesinnung der Wut-Oldies.

Und dank ihrer Erfahrung können die Staatsdiener auch bekannte Gesichter unter den Besetzern identifizieren. Es sind unter anderem ehemalige Politiker und Politikerinnen der Grünen, der GAL, die hier, kaum, dass sie nicht mehr im aktiven Politikgeschehen nerven, die Bürger aufstacheln. Es ist also zu befürchten, dass die Alt-Achtundsechziger auch in ihren grauen Jahren nix Besseres zu tun haben, als die Beschaulichkeit im Land zu stören und Unruhe zu stiften.

Die Sprinkenhof AG, Verwalterin des Leerstands des Vivo-Komplexes, hat sich mit dem Hinweis, ein entsprechender Umbau sei nicht möglich, der Forderung der Wohnungssuchenden zu erwehren versucht. Doch als wäre so eine Erklärung nicht Anlass genug, von dem Vorhaben Abstand zu nehmen, fordern die Streitsucher jetzt die Begutachtung durch einen Architekten. Man fragt sich, wo das enden soll?

Kein Respekt. Nirgends.

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Seite 1
minimax9 06.10.2013
1. Falsch eingeortnet
Gehört unter Politik, kein Spaß mehr, oder meinen sie über 60 geht nichts mehr. Wir kommen aus einer anderen Generation.
Inselbewohner, 06.10.2013
2. Um es mit Rammstein zu sagen
Zitat von sysopDPADeutschland, sei wachsam! In hiesigen Städten treiben vermehrt renitente Rentner ihr Unwesen. Sie besetzen Begegnungsstätten und leerstehende Büroräume, fordern gar Parkbänke. Sicherheitsexperten warnen bereits vor einer neuen RAF. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/silke-burmester-ueber-altersstarrsinn-und-renitente-rentner-a-926077.html
Das gehörrrrt verrrboten. Da kann ja jeder kommen und bessere Lebenverhältnisse verlangen. Die Jugend ist schon aufmüpfig geworden und jetzt auch noch die Alten dazu so etwas schreit ja gerade zu nach Staatsgewalt. Also, Sonderkräfte und Wasserwerfer bereit halten. Gruß HP
syssifus 06.10.2013
3. Vorsicht vor den Alten,
sie haben nichts mehr zu verlieren.Weder Karriere,noch Ansehen müssen noch erkämpft werden.Zahlreich,es gibt ja ca. 20 Millionen,sind sie auch.Was also sollte sie hindern, die Wahrheit zu sagen und auch dafür einzustehen.Viele "Alte",suchen ein neues Wirkungsfeld,wollen etwas bewegen ( nicht nur den Rentnerporsche) und das ist ihr gutes Recht,dass sie sich nicht nehmen lassen (sollten).
Inuk 06.10.2013
4. Wohnraum
Auf die Städte und Alten kommt ein Riesen Problem zu. Da Tausende von Sozialwohnungen an Investoren verkauft und zu schnellem, kurzfristigem Geld gemacht wurden, stehen die Stadtkämmerer vor dem Problem, wieder preisgünstigen Wohnraum zu schaffen, und zwar nicht nur für ältere Bürger. Eine Lösung wäre in Generationenhäuser zu investieren. Und zwar möglichst schnell, bevor die Alten wirklich radikal werden. Die Stadträte sollen eher ihr Ohr bei der Gemeinde und nicht bei den Investoren haben.
westpfälzer 06.10.2013
5. Mir
Zitat von syssifussie haben nichts mehr zu verlieren.Weder Karriere,noch Ansehen müssen noch erkämpft werden.Zahlreich,es gibt ja ca. 20 Millionen,sind sie auch.Was also sollte sie hindern, die Wahrheit zu sagen und auch dafür einzustehen.Viele "Alte",suchen ein neues Wirkungsfeld,wollen etwas bewegen ( nicht nur den Rentnerporsche) und das ist ihr gutes Recht,dass sie sich nicht nehmen lassen (sollten).
---------------- (Jahrgang 1945) wird es Angst und Bang vor diesen(!) "Alten"! Deren zum Teil offen zu Tage tretender großer Egoismus ist beängstigend. Warum haben denn diese Herrschaften - als sie selbst noch "in Brot und Arbeit waren" - sich nicht für die Beseitigung/Regulierung der von ihnen heute(!!) geforderten Probleme/Sachverhalte eingesetzt? Waren doch auch schon damals bekannt!! Ganz einfach, damals hätte dies aus "ihrem Geldbeutel" bezahlt werden müssen!!!
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