S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Ich hatte eine Farm in der Uckermark

Eine Kolumne von Silke Burmester

Wer kennt Angela Merkel? Vielleicht ihre Büroleiterin. Vielleicht ihr Gatte. Wir, das Volk, jedenfalls kaum. Bis vor Kurzem. Doch jetzt stellte der junge Schauspieler David Kross der Kanzlerin die Frage nach ihrem Lieblingsfilm. Angela Merkel antwortete - und wir ahnen, was die Kanzlerin träumt.

Lieber David Kross, Nussknacker der Angela Merkel!

Du hast sie geöffnet! Unter Dir ist die harte Schale der Kanzlerin geborsten. Der goldene Pokal, Angela Merkel, die Paranuss der Politik, geknackt zu haben, geht an Dich!

Angela Merkel, Meisterin darin, sich dem Pressegewäsch zu entziehen, hatte eingewilligt, dem "SZ-Magazin" Rede und Antwort zu stehen. Und es mal wieder geschafft, dass man wie viel über sie erfährt? Na, sagen wir mal: etwas mehr als gar nichts. Knapp über gar nichts. Deine Frage jetzt mal ausgeschlossen.

Wie sie das macht? Natürlich, indem sie jedem der 37 Prominenten, die ihr eine Frage stellen durften, brav antwortet. Aber eben nicht als die nette Frau Merkel, die mal fröhlich losplaudert, sondern als Kanzlerin. Die eiserne Kanzlerin Merkel gibt Auskunft.

Das tut sie so, dass ihr die Sympathien der Leser sicher sind. Etwa, wenn Sie auf die Selbstdarstellungsfrage von Jan Ullrich, wie es bei ihr nach der an den Kindern der DDR durchgeführten "sportlichen Frühsichtung" weiterging, antwortet: "Ich war erkennbar so wenig begabt, dass man mich für keine Sportart geeignet hielt." Dann erscheint beim Leser sofort ihr heutiges Bild vor dem inneren Auge und das von ihr als Zehnjähriger - und man weiß sofort, was sie meint. Das zeichnet ein sehr menschliches Bild einerseits. Und ist sprachlich doch so fein komponiert, der klare, selbstironische und vor allem trockenen Humor so gezielt gesetzt, dass man weiß, hier war ein Profi am Werk. Ein Image-Profi. Nichtsdestotrotz gibt diese Antwort zehn Punkte auf der Sympathieskala.

Überhaupt, Sympathie. Das ist ja das Überraschendste an ihr. In einer Zeit, in der das Gros der Menschen nicht mehr versteht, was in Europa stattfindet, ihrer Politik nicht folgen kann, wohl aber weiß, dass hier alles ratzfatz den Bach runtergehen kann, und begriffen hat, dass sie sich für ihre Regierungsfähigkeit als Koalitionspartner die Augsburger Puppenkiste ins Boot geholt hat, ist sie beliebt wie nix Gutes. Dabei tut sie nichts für ihr Volk. Weiht keinen Streichelzoo für arme Kinder ein, geht nicht bei Lanz kochen. Ihre Uniform wechselt sie nur einmal im Jahr, wenn in Bayreuth die Tradition ruft. Dann wird in der blauen Ausgehuniform Staat gemacht. Egal, ob Frauen, Kai Diekmann oder Atomkraftgegner, wer sie auf seine Seite zu ziehen versucht, bekommt eine Abfuhr. Sie hält sich alles vom Leib, das ihr nahe kommen könnte. So auch Euch Fragensteller aus dem "SZ-Magazin".

Das Bild der eisernen, aber humorvollen Kanzlerin

Doch die Antworten, die sie gibt, sind so wie ihr Gebaren: kontrolliert, rational, kühl. Alle Versuche, Angela Merkel dahin zu lenken, wo sie verwundbar vor dem Volk steht, führt sie gekonnt ins Leere. Mit den Mitteln, die man ihr als ihre Qualität anrechnet: 1. mit Ratio: "Wenn Sie ein Doppelleben führen könnten: Welches wäre das zweite?" Antwort: "Für diese Vorstellung habe ich keine Zeit und keine Neigung." 2. Mit Humor: "Haben Sie einen Witz auf Lager?", will Andrea Petkovic wissen. Antwort: "Ja, immer." 3. Mit dem üblichen Christengewäsch, mit dem man die Entscheidung für eine Partei mit einem "C" im Namen rechtfertigt und Kritiker zurechtweist. Und natürlich mit jener Form der Diplomatie, die den Eindruck schürt, Diplomatie sei die elegante Schwester der Lüge. Etwa, wenn sie auf Olli Dittrichs Frage nach ihren Gedanken in dem Moment, als George Bush sie auf dem G-8-Gipfel begrabbelte, antwortet: "Dass George Bush einen Scherz machen wollte."

Mit meisterlichem Geschick feilt sie mit diesem Antwortkanon an der Angela-Merkel-Büste, die das Bild von der eisernen, aber mit Humor gesegneten Kanzlerin für die Ewigkeit festhalten soll. Leider war Philipp Rösler mit der Frage: "Warum mögen Sie mich nicht?" nicht vertreten.

Nur einer hat es geschafft, diese Strategie zu durchbrechen. Nur einer hat eine Frage gestellt, die der Eisernen Lady die Uniform auszieht, die sie zu einer Frau macht, die im Nachbarhaus wohnen könnte. Und das warst Du, lieber David! Jungschauspieler aus Bargteheide, das Jungchen aus "Der Vorleser". Du hattest eine Frage parat, banal und so blöd, dass man sie jedem Journalistenschüler um die Ohren hauen würde. Und dennoch die eine, die statt der kontrollierten Politikerin eine Frau zeigt, die wie Millionen anderer Frauen romantischen Träumereien anhängt, denn Merkels Antwort auf Deine Frage nach ihrem Lieblingsfilm ist: "Jenseits von Afrika".

Kaum ist die Antwort gelesen, ist sie da, meine Phantasie, und ich sehe eine Angela Merkel, die nicht mit ihrem Mann in der Badewanne die berühmte Bug-Szene aus "Titanic" nachspielt, sondern die sich von ihrem Mann den Kopf shampoonieren lässt. Sie hält die Augen geschlossen und denkt an einen so gut aussehenden Kerl wie Robert Redford. Einen Mann, der zu toll ist, ihn halten zu können, weil neben dem Weib eben immer auch die Wildnis ruft. Und der doch die eine große Liebe verkörpert, die über jedes Irdische hinaus existiert. Der Mann, der so charismatisch ist, dass sich bei Sonnenuntergang die Löwen an seinem Grab zum Liebesspiel treffen. Und weil eine Phantasie wie eine Schablone auf das reale Leben gelegt wird, beginnt ihre Träumerei mit dem Satz. "Ich hatte mal eine Farm in der Uckermark…"

Lieber David Kross, es geschafft zu haben, dass ich das denken durfte, dass diese komische, fremde Frau, Angela Merkel, deren größtes Bestreben zu sein scheint, nicht erkennbar zu werden, einen klitzekleinen Blick in ihre ungezügelte Seite offenbart, ist eine wahrlich heldenhafte Leistung! Allerdings - und das muss ich zur Trübung der Freude einräumen - muss man wohl nicht annehmen, dass sie sich bei der Antwort nichts gedacht hat.

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insgesamt 34 Beiträge
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1. Sehr gut geschrieben!
yast2000 12.08.2012
Bis auf den blöden letzten Satz: Respekt!
2. Prof. Dr. Dr. hc. mult.
chiefclancywiggum 12.08.2012
Zitat von yast2000Bis auf den blöden letzten Satz: Respekt!
Ja, aber... Wer trotz des literarischen Geschwurbels nicht weiß, daß Robert Redford am Ende des Nachnahmens mit "d" und nicht mit "t" geschrieben wird, der ist auch nicht unfehlbar. Die korrekte Schreibweise des Namens "zu googlen" hätte 1 Sekunde gedauert! Übler Flüchtigkeitsfehler!
3. optional
mooohm 12.08.2012
Redfort?
4. Merkels andere Seite?
Spiegelkritikus 12.08.2012
Zitat von sysopWer kennt Angela Merkel? Vielleicht ihre Büroleiterin. Vielleicht ihr Gatte. Wir, das Volk, jedenfalls kaum. Bis vor Kurzem. Doch jetzt stellte der junge Schauspieler David Kross der Kanzlerin die Frage nach ihrem Lieblingsfilm. Angela Merkel antwortete - und wir ahnen, was die Kanzlerin träumt. Silke Burmester über Angela Merkels Lieblingsfilm - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,849598,00.html)
Tja, Frau Burmester, wahrscheinlich waren die Fragen vorgegeben und Merkel bestens bekannt, so dass sie ihre Antworten lange überlegen und beim Lieblingsfilm einen überraschend spontanen, romantischen, träumerischen Eindruck vermitteln konnte. Das bringt vor allem bei der weiblichen Wählerschaft bestimmt Sympathiepunkte und vor allem Stimmen. Vielleicht hat Merkel sogar noch weiter raisoniert und schon vorweggenommen, dass Frau Burmester eine Kolumne über dieses Interview schreibt und damit zum willkommenen Muliplikator des von ihr gezeigten Bildes einer anderen, menschlichen Seite wird, das bei der Leserschaft draussen im Land gut ankommt. Wenn dem so ist, dann ahnen wir jetzt nicht, wovon Merkel träumt, sondern lediglich, woran sie interessiert ist, was die Bürger glauben sollen, wovon sie traumt! Aber vielleicht hat sie ja auch eine solche, wenngleich gut versteckte, andere Seite.
5. Bei dieser Kolumne wurde einem bald klar, daß
hermie9 12.08.2012
die Kanzlerin bei der Kolumnistin keine Chance haben würde, was auch immer sie antworten würde, außer natürlich bei so einer belanglosen Frage wie nach dem Lieblingsfilm. Ich fand die Antworten sehr gelungen, (übrigens seit wann ist trockener Humor kritikwürdig?) zum Teil auch originell. Sie hat auch manche Versuche der Fragenden (hauptsächling linke, unsäglich mal wieder Roth) sie auf's Kreuz zu legen souverän pariert. Respekt!
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