S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Comeback eines vergessenen Körperteils

Eine Kolumne von Silke Burmester

Sag mir, wie Du es mit der Vorhaut hältst! Nach Kruzifix und Kopftuch haben die Deutschen ein neues Debattenthema: Weil ein Arzt wegen Beschneidens verklagt wurde, zerrt man das Präputium nun ans Licht der Öffentlichkeit.

Geschätzte Vorhaut, Spalter der Deutschen,

seit Jahrtausenden gehörst Du dazu, wenn mittels eines Blickes das Geschlecht eines Neugeborenen als "männlich" definiert wird. Und so selbstverständlich, wie Du zum biologischen maskulinen Geschlecht dazugehörst, ist es Juden und Muslimen eine Selbstverständlichkeit, Dich früher oder später abzusäbeln. In Amerika wird sogar gesäbelt, ohne dass dies mit irgendeinem Glauben zu tun hat, einfach weil die Menschen erkannt haben wollen, dass ein Leben ohne Dich weniger gesundheitliche Risiken birgt.

Soll heißen, wir haben uns an Dich gewöhnt und Mittel und Wege gefunden, mit Dir klar zu kommen. Fast schon war ich geneigt, Dich im Angesicht dieser Stromlinienförmigkeit als langweilig einzustufen, gerade so wie den berühmten chinesischen Sack Reis, von dem man nie weiß, ob er nun umgefallen ist oder nicht.

Dann aber haben Kölner Richter im Rahmen einer Klage gegen einen Arzt über Dich nachgedacht, und auf einmal ist alles anders. Führtest Du bislang ein Leben im Dunkeln, sind nun plötzlich alle Scheinwerfer auf Dich gerichtet, bist Du in aller Munde. Denn: Die Richter sind zu dem Urteil gekommen, dass es nicht zulässig ist, Dich aus religiösen Gründen bei Kindern zu entfernen. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit steht für sie über dem der Religions- und Erziehungsfreiheit. Dich abzusäbeln, ist Körperverletzung. So weit, so aha.

"Ich habe abgeschnitten"

Dies könnte ein ganz normaler Richterspruch sein, wärst Du nicht, wer Du bist. Würde Dir die nicht die Kraft innewohnen, unsere so vielfältige Gesellschaft zu spalten. In ein Pro-Vorhaut- und ein Anti-Vorhaut-Lager, "PVL" und "AVL". In diesem Sinne hast Du Kopftuch-Qualität. Nicht, weil man Dich so praktisch drüber ziehen kann, sondern weil Du an den Grundsätzen rührst. Wie in der Debatte um die Frage, ob das Tragen des Kopftuches Ausdruck der Religionsfreiheit ist oder Symbol einer in unserer Gesellschaft abzulehnenden Ordnung, stehen sich jetzt Religionsfreiheit und das im Grundgesetz verbriefte Recht auf körperliche Unversehrtheit gegenüber. Und die Lager sind schon jetzt verhärtet.

Und das, was sich die letzten Tage an Debatte abgezeichnete, ist erst der Anfang, liebes Präputium. "Zieh Dich warm an!", möchte ich Dir zurufen. Aus dem Kopftuchstreit lässt sich ablesen, dass auch Dir noch ein langer Marsch durch die Talkshows und Feuilletons bevorsteht. Experten und selbstverständlich auch Peter Hahne werden sich zu Dir und über Dich äußern. Bei Plasberg, Anne Will, Günther Jauch, Maischberger und Sarah Wiener. Von allen Seiten werden sie an Dir ziehen und zerren und versuchen, Dich auf ihre Seite zu bringen.

Und egal, wie Du Dich biegst und wendest, Du wirst es niemandem recht machen können. Bestehst Du auf Dein Bleiberecht, ist es für die einen falsch, zeigst Du Dich flexibel und zum Abzug bereit, ist es für die anderen falsch. Nein, werte Vorhaut, ich beneide Dich nicht. Es wird ein zähes Ringen.

Immerhin aber, und auch darin liegt ein weiterer Teil Deiner überraschenden Qualitäten, reden Männer auf einmal über ihren Penis. Über Funktion und Gefühl, über Schmerz, Stolz und Zugehörigkeit. Das war lange Zeit schwer vorstellbar. Wer weiß, vielleicht könnte der "Stern" mit einer Titelgeschichte "Ich habe abgeschnitten" an alte Auflagenhöhepunkte anknüpfen? RTL mit "Die 25 witzigsten Penis-Pannen" Quote machen und der Focus mit der Titelgeschichte "Deutschlands beste Beschneider" die Konkurrenz auf den Platz verweisen.

All diese wunderbaren Entwicklungen und Möglichkeiten kannst Du Dir, Held der Gegenwart, auf die Fahne schreiben!

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 217 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Auch wenn es ein altes Ritual ist - es ist wider die Natur
allwinner 08.07.2012
Das Thema ist ein nicht zu unterschätzendes heisses "Eisen" - weltweit. Wenn man es genau betrachtet, ist die Beschneidung von Jungen und Mädchen ein archaisches Ritual aus einer aus heutiger Sicht animalischen Vorzeit. Jungen werden damit in die patriarchalische Männer-gesellschaft aufgenommen mit dem Recht auf sexuelle Lust, symbolisch gefördert durch das Freilegen der Eichel. Mädchen wird durch die Verstümmelung der Klitoris das Recht auf die Empfindung von Lust genommen und sie symbolisch zum Geschlecht zweiter Klasse in vorwiegend patriarchalischen Gesellschaften degradiert. Dann werden diese Rituale immer mit Religion in Zusammenhang gebracht. Das ist barer Unsinn. Das zeigt wiederum beispielhaft, wie Religion für andere Zwecke - hier Herrschaft und Unterdrückung - mißbraucht wird. Das sage ich als Mann und deutscher Staatsbürger. Ich finde, wir sollten in Deutschland ruhig ein Beispiel setzen und solche Rituale an Kindern verbieten. Wenn ein Erwachsener in Selbstbestimmung über seinen Körper meint, dass er das machen muss, dann ist es seine freie Entscheidung. Der Verweis auf gesundheitliche Aspekte der Beschneidung ist meines Erachtens an den Haaren herbeigezogen und zeigt, dass die "Zipfelabschneider" eine sehr gute Lobby haben.
2.
ljugen 08.07.2012
Während "wir" uns wieder mal versuchen mit dem Thema objektiv und offen zu beschäftigen um zu einer Lösung zu kommen, lachen sich die betroffenen Religionsgemeinschaften doch in Fäustchen... Der Vergleich mit dem Kopftuch hinkt doch auf mehrfache Weise. Zum einen ist das Tragen eines Kopftuches vollkommen reversible, und zum anderen ist es auch im Islam optional (wird wenigstens immer so dargestellt!). Die Beschneidung dagegen ist (gottgegebene) Pflicht und endgültig! Das Problem an der Diskussion ist aber vor allem die dogmatische Ansicht des Judentums und des Islam. Eine Kompromisslösung (etwa Beschneidung erst zur Religionsmündigkeit der Kinder) ist gar nicht möglich. Wie soll man mit jemanden über eine Lösung diskutieren der nur eine (und zwar seine!) jemals akzeptieren wird. GG Art.4 wird von den religiösen Gemeinschaften immer gerne bemüht. GG Art. 1, 2 und 3 dagegen scheinen dabei gar nicht beachtet zu werden. Dabei habe ich auch gelernt das die Reihenfolge der Grundgesetze eine Wertung darstellt. Die Freiheit der Religionsausübung ist demnach Art 1, 2 und 3 untergeordnet! Nichts anderes sagt das Urteil.
3. Tradition
Martin Franck 08.07.2012
So lange etwas nicht hinterfragt wurde, fiel es keinem auf. Eltern ließen ihre Jungen verstümmeln, und wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter. Als aber einmal ein Gericht sich die Sache genauer ansah, kam es zu dem einzig logischen Schluss. Normalerweise hätte man als rational denkender Mensch sich sagen müssen: Acho so, ja dann hören wir doch sofort auf mit der Verstümmelung. Danke, dass ihr mich darauf aufmerksam gemacht habt. Wer jedoch nicht logisch denken kann, gibt natürlich keinen Fehler zu, und versucht nun alles mögliche an Gründen heranzuziehen, ohne zu erkennen wie lächerlich er sich macht. Es geht hier also um Logik versus Egozentrik.
4. optional
heswer99 08.07.2012
1. Mose - Kapitel 17 Und der unbeschnittene Männliche, der am Fleische seiner Vorhaut nicht beschnitten wird, selbige Seele soll ausgerottet werden aus ihrem Volke; meinen Bund hat er gebrochen! Ich bin weder Moslem noch Jude. Ich habe mich im Alter von 30 Jahren beschneiden lassen. Viel zu spät. Ich bedaure jedes Jahr, das ich unbeschnitten herumlaufen musste. Ich bin jetzt 86 Jahre alt. In den USA sind 90 % aller Männer beschnitten. Ganz unideologisch. Nur medizinisch und hygienisch.
5.
eigentlicher_Schwan 08.07.2012
Heikles Thema. Im Tierreich bringt die Mutter das Wichtigste den Kleinen bei. Menschenmütter müssten ihren Söhnen auch beibringen, wie es eine Eichel zu erkunden und rein zu halten gilt. Aber das ist auch wieder Tabu... Mit der Schnippschnapp-Methode macht man/frau es sich doch etwas zu einfach.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Helden der Gegenwart
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 217 Kommentare
Silke Burmester
Facebook