Eine Kolumne von Silke Burmester
Kann denn in dieser beknackt globalisierten Welt gar nichts an seinem Platz bleiben? Muss denn alles der weltumspannenden Zeitgeist-Ästhetik zum Opfer fallen? Pepsi-Cola, das Kraft-Logo, die Intimzone - nix darf bleiben, wie es ist. Überall muss "die Mode" kommen und Angestammtes, Bekanntes, Liebgewonnenes vertreiben.
Ich gebe zu, "lieb gewonnen" ist in deinem Fall das Gegenteil von wahr. Aber, so unbeliebt du bist, so gehörst du doch irgendwie dazu. Zu den Möglichkeiten des Lebens. Zu seinen Abenteuern und Gefahren. So wie Sex dazugehört, dieses aufregende und oft flüchtige Erleben, das wie kaum ein anderes Vergnügen so richtig, richtig blöde Folgen haben kann. Schwangerschaft, HIV-Infektion, Syphilis, krummer Rücken.
Und eben Filzläuse.
Einmal kurz oben-unten, rein-raus und schon hat man den Salat. Schon sitzt einem so ein kleiner Sauger wie du im Pelz.
Beziehungsweise saß einem im Pelz. Jetzt, wo sich alle Welt die Haare aus der Scham rasiert, bist du in deiner Existenz bedroht, gehörst auf die Rote Liste der aussterbenden Arten. Dein Lebensraum wird gerodet, dein Ökosystem zerstört. Der moderne Mensch verdrängt dich in seinem Hedonismus, du bist quasi ein Opfer einer Gentrifizierung der Intimzone. Nur, dass dieses Mal nicht das Kapital schuld ist, sondern die Porno-Industrie mit ihrer Kultur der Entblößung, die kein Geheimnis mehr zulässt.
Der Seefahrer unter den Parasiten
Körperbehaarung ist das, was du zum Leben brauchst, dickes Buschwerk, in dem du dich festsetzt. Am besten rund um die Geschlechtsteile, denn wenn sich die Körper beim Steckspiel aneinanderreiben, kannst du dich ganz bequem von einem Ufer zum anderen aufmachen. So ist es auch kein Wunder, dass du dich wohl überall auf dem Globus niederlassen konntest, du bist quasi der Seefahrer unter den Parasiten - überall auf der Welt zu Hause.
3,3 Millionen Jahre, so sagen die Forscher, ist deine Spezies schon unterwegs von Haarbusch zu Haarbusch und lebten wir nicht im Zeitalter der Porno-Ästhetik, dann könnte es wohl auch noch 3,3 Millionen Jahre so weitergehen. Nun aber stirbt der vom Lexikon der Jugendsprache als "Brombeerbums" geführte Geschlechtsverkehr von Menschen mit Schamhaar aus - und damit auch du. Aus Sydney beispielsweise berichten Gynäkologen der Klinik für Geschlechtskrankheiten, dass dort seit 2008 keine Frau mehr deinetwegen behandelt werden musste.
Und so schön das ist, so beruhigend, mit dir nicht mehr rechnen zu müssen, irgendwie macht mich das traurig. Weil ich das Gefühl habe, dass in der Welt, die ich kenne, kein Stein auf dem anderen bleibt. Weil so vielesverloren geht, das Orientierung gibt. Selbst ein juckendes Übel ist schließlich Teil des Rasters von Gut und Böse, Oben und Unten.
Ja, immer mehr verschwindet. Das Telefon mit Tasten und Hörer, der Fotoapparat, die Postkarte. In zehn Jahren wird man dich bei Manufactum bestellen können, dort, wo man noch einen Sinn für die guten alten Dinge hat. Dem Versandhaus für Menschen, die neben handgefilzten Pantoffeln noch eine anständige Geschlechtskrankheit zu schätzen wissen, in Zeiten des Cybersex und der Telefon-Hotlines.
Ich weiß, werte Filzlaus, alte Sackratte, Schamlaus, Matrose am Mast - wie immer man dich genannt hat, dich zum "Helden" zu machen, ist mehr Konfetti auf dein Haupt als du verdienst. Aber du siehst, in diesen Zeiten des Umbruchs, der Auflösung und Orientierungslosigkeit, da greift man nach jedem Strohhalm. Da wird selbst ein lästiges, unappetitliches Ding wie du es bist zum Symbol für Vertrauen und Beständigkeit. Und 3,3 Millionen Jahre auf Erden, das soll erst mal einer schaffen! Du, wertes Vieh, hast es geschafft. Verstehe diese Ehrung als die für das Lebenswerk deiner Spezies. Damit lässt es sich doch gleich viel leichter gehen.
Und für die, die die Auszeichnung verleihen, das sieht man jedes Jahr am Deutschen Filmpreis, ist es deutlich leichter, mit dem nahen Ende des Auszuzeichnenden klarzukommen. In diesem Sinne, altes Ekelpaket, mach's gut und pass auf dich auf!
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