S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Glückwunsch, "Hart aber fair"-Redaktion!

Eine Kolumne von Silke Burmester

Das ist öffentlich-rechtliche Gesprächskompetenz von ihrer besten Seite: Gleich nach dem deutschen Finale wird erörtert, was Deutschland vom Fußball lernen kann. Aber sollte Deutschland nicht besser von seinen klugen Einwanderern lernen? Oder zumindest von den glücklichen Dänen?

Am Samstagabend tobte mit dem Champions-League-Finale das Spiel der Spiele, ein Duell der Giganten, auf das Europa, ach was, die ganze Welt schaut, und noch bevor der Ball den ersten Meter gerollt ist, sind Sie in der Lage, daraus ein Thema zu generieren, auf dass dieses Land ein Ruck durchfährt.

Man könnte denken, es sei am Ende doch bloß Fußball, ein unterhaltsames, kleines Ballspiel. Sie aber, die Sie jede Woche mittels harter, aber fairer Gesprächssequenzen die Welt ein Stück verständlicher machen, haben gelernt, das Große im Kleinen zu erkennen. Sie, die Sie mit den wenigen Euros, die man Ihnen an Gebührengeldern zuwirft, relevante Gesprächssendungen aus der Luft greifen, erkennen das Lehrstück in diesem Mannschaftsduell. Das Bildnis, von dem "Deutschland" lernen kann. Und so stellen Sie am kommenden Montag in Ihrer Sendung die Frage: "Echte Liebe gegen Festgeldkonto - was kann Deutschland vom Fußball lernen?"

Es ist schade, dass Sie mich nicht erreicht haben, als Sie nicht versucht haben, mich für eine Beratung ans Telefon zu kriegen. Ich hätte Ihnen nämlich sagen können, dass das gar kein Widerspruch ist. Zumindest nicht für uns Frauen. Die meisten von uns stehen nicht morgens aus dem Bett auf und fragen sich: "Will ich echte Liebe oder lieber ein Festgeldkonto?" Die fragen sich: "Tee oder Kaffee?", "Haare hoch oder offen tragen?" Und überhaupt, warum entscheiden? Schauen Sie sich Frauen wie meine Freundinnen Barbara, Kerstin und Annette an. Die haben ein Festgeldkonto und empfinden echte Liebe. Die ersten beiden zum Partner, die Dritte zu ihrem Hund Flocke und zu ihrem BMW-Cabrio.

Also ich hätte Ihnen geraten, das anders zu machen. Einen anderen Gegensatz zu finden für die Frage "Was kann Deutschland vom Fußball lernen?"

Sollten wir nicht besser von den Einwanderern statt vom Fußball lernen?

Für Antworten auf die Frage, was "Deutschland" vom Fußball lernen kann statt wie früher von weisen und erfahrenen Menschen, haben Sie Hajo Schumacher, den Thomas Gottschalk unter den Podiumsjournalisten, eingeladen und Dieter Wiefelspütz, den Ex-Lünen-SV-Vorsitzenden der SPD. Auch Monika Hohlmeier kommt - weil sie sich als Tochter von Franz Josef Strauß mit profitabler Geldanlage auskennt?

Und die sollen bei Ihnen sitzen und sich überlegen, was Deutschland vom Fußball lernen kann. Was ja insofern Zeit- und Geldverschwendung ist, als etliche Erkenntnisse aus dem Fußball in die Allgemeinbildung eingeflossen sind. Etwa, dass der Ball rund ist. Oder dass Mailand und Madrid zwei italienische Städte sind. Und Fußball nicht nur Ding ist, sondern Ding Dang Dong. Und auch Franz Beckenbauers Erkenntnis, dass ein Jahr 15 Monate hat, gehört heute zum Basiswissen in Deutschland. Braucht man dafür einen Schumacher? Hajo, wohl gemerkt, nicht Toni.

Nebenbei treibt mich die Frage um, warum man überhaupt vom Fußball lernen soll? Wäre es nicht viel schlauer, etwa von den Einwanderern zu lernen, die wie vergangene Woche berichtet wurde, nach Deutschland kommen und oft so viel schlauer sind als die Deutschen? Sollte man von denen nicht lernen, dass a) sich Lernen lohnt, und sie b) bitten, ihr Wissen weiterzugeben, damit wir Dusseldeutschen mit unserer eindimensionalen Lebens- und Welterfahrung nicht völlig abgeschlagen dahindümpeln? Oder sollte man nicht fragen, was wir von den Dänen lernen können, die regelmäßig als die zufriedensten Menschen ermittelt werden?

Schade, Sie haben nicht an die armen Dortmunder gedacht

Sie aber, verehrte "Hart aber fair"-Redaktion, wollen lieber wissen: "Welcher Verein taugt besser als Vorbild? Der Verein 'Echte Liebe' oder der Verein 'Festgeldkonto'?", und geben damit der ewigen Frage der Deutschen, wie sie um Himmels willen überall die Besten bleiben, einen neuen Dreh. Das finde ich toll, das verdient Anerkennung.

Viel zu lange haben wir die Frage, wer oder was zum Vorbild taugt, sehr eindimensional behandelt und hatten zu Helmut Schmidt keine Alternative. Mit dem Sieg des Vereins "Festgeld" aber sind wir um eine Orientierungshilfe reicher.

Was ich auch toll finde, ist, dass Sie den Zuschauern die Möglichkeit geben, sich zu beteiligen. Vor der Sendung kann man Ihnen mailen, während der Sendung freuen Sie sich über ein Telefonat oder ein Fax.

Etwas schade finde ich, dass Sie so wenig an die armen Dortmunder denken, von denen sicherlich viele gerade vor dem Hintergrund, dieses Jahrhundertspiel verloren zu haben, gern den Rat Ihrer Experten einholen würden. Sie haben in Ihrer Pressemitteilung zwar E-Mail-Adresse, Telefon- und Faxnummer angegeben, unter denen die Zuschauer Sie erreichen können, aber keine Studioadresse. Die Dortmunder, diese ehrlichen, aufrechten Bergarbeiternachkommen, mit dem Herz am rechten Fleck, wo zum Teufel sollen die ihre Brieftauben hinschicken?

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insgesamt 50 Beiträge
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1. Die sollten wohl eher in einem Punkte von den Schweizern lernen...
BettyB. 26.05.2013
Wenigstens bezüglich der Forderung nach Mindest- und Höchstgehältern (1;12-Regel). Doch da schweigen alle betreten, obwohl Frau Merkel doch für ihre Ablehnng noch mehr Stimmen bekommen würde, da die ja im Sinne der Leute mit riesigen Einkommen wäre..
2. Talkshow
holger2013 26.05.2013
Es gab mal eine Zeit, da war die Sendung "Hart aber Fair" richtig gut, aber jetzt geht es auch nur noch um die Einschaltqoute, da bietet sich das Thema "Fussball" geradezu an. Zum Glück kann man die Glotze auch ausschalten!
3. hart aber fair
Haller 26.05.2013
ist doch längst - wie alle Talkshows und dergeichen- ausgelutscht und abgebrannt. Durch läpische Einspielfilmchen zerhackt, durch die immergleichen Gäste und einen eitlen Moderator vollkommen sinnlos geworden.
4. man kann von 22+ multimillionaeren lernen, die toll ball spielen koenn
micromiller 26.05.2013
dass man mit guten anlagen und fleiss auch mit einfachen faehigkeiten sehr viel finazielles im leben erreichen kann. wenn die marketing maschine dahinger gut funktioniert muss man nicht einmal vor dem neid irgendwelcher diplomsozialisten angst haben, sondern wird eindlos gefeiert anders ist es natuerlich mit ebenfalls erfolgreichen menschen, die evtl 1000 arbeitsplaetze schaffen, dass sind raffke, boesartge ausbeuter etc. .. am ende ist es alles eine sache des marketings und die opitmale einbindung der medien und ihrer sprachmillionaere.
5. Liebe oder Geld?
Spiegelkritikus 26.05.2013
Zitat von sysopDas ist öffentlich-rechtliche Gesprächskompetenz von ihrer besten Seite: Gleich nach dem deutschen Finale wird erörtert, was Deutschland vom Fußball lernen kann. Aber sollte Deutschland nicht besser von seinen klugen Einwanderern lernen? Oder zumindest von den glücklichen Dänen? Silke Burmester über das Fußball-Verständnis bei "Hart aber fair" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/silke-burmester-ueber-das-fussball-verstaendnis-bei-hart-aber-fair-a-901940.html)
Wenn der Titel der Sendung lautet: "Echte Liebe gegen Festgeldkonto - was kann Deutschland vom Fußball lernen?", dann ist die Antwort durch den Sieg von Bayern München bereits gegeben: Geld regiert nicht nur die Welt, sondern gerade auch den Fussball. Wer sich die besten Spieler leisten kann, der gewinnt eben meist. Plasberg hat die Gäste so ausgewählt, dass diese profunde Erkenntnis sicherlich bestätigt wird, wer von ihnen wollte da widersprechen? Natürlich haben im Fussball auch noch Begeisterung oder gar Liebe ihren Platz, also nicht nur die Liebe zum Geld, sondern auch zum Mannschaftsspiel an sich. Dass sich beides aufs Beste vereinigen kann, zeigt nicht zuletzt Multimillionär Hoeneß, der sich für seinen profitablen und erfogreichen Verein begeistert - lediglich beim Steuernzahlen verhält es sich anders.
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