S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Ich lebe im Gefahrengebiet

Mein Leben verspricht, aufregend zu werden: Die Hamburger Polizei hat St. Pauli und das Schanzenviertel zum Gefahrengebiet erklärt. Fragt sich nur, was muss ich tun, damit auch ich nach meinem Ausweis gefragt werde?

Eine Kolumne von Silke Burmester


In letzter Zeit jammere ich viel, weil mein Leben langweilig ist. Außer Suff, Fraß und Leibesübungen nix los. Wenn angenommen wird, dass sich der ehemalige Kanzleramtschef von der Wirtschaft kaufen lässt, um von nun an für die Kontakte in die Politik zuständig zu sein, dann ist das der Höhepunkt der Woche.

Nun aber verspricht es endlich, aufregend zu werden: Ich lebe seit Freitagmorgen, 6 Uhr früh in einem "Gefahrengebiet". Der Lebensraum des Hamburger Schanzenviertels und St. Paulis ist von der Hamburger Polizei zu eben diesem erklärt worden. Yo-bro-mäßig könnte man sagen: Ich lebe in 'ner Dangerhood. Die An- und Übergriffe von Autonomen auf und gegen Polizisten hat diese zu jener Maßnahme veranlasst, die erst mal eines mit sich bringt: Jeder Bürger, der sich in der Dangerhood aufhält, steht unter Generalverdacht. Die Polizei kann verdachtsunabhängig Ausweispapiere und Taschen kontrollieren, Platzverweise und Aufenthaltsverbote aussprechen.

Entsprechend der Mutmaßung, dass überall "Gefahr" für das Wohl aller, aber wohl vor allem für das der Polizei lauert, kann sie Menschen hoppladihopp "in Gewahrsam" nehmen. Ich finde das im besten Sinne interessant. Schon die Möglichkeit, mit dem Auto angehalten und nach den Papieren gefragt zu werden, fand ich eine interessante Möglichkeit der Erlebnisgewinnung. Leider musste ich erst viele Jahre herum und nach Frankreich fahren, bevor zwei Beamte, bei denen ich bis heute nicht sicher bin, ob sie echt oder Dorfdeppen in Uniform waren, hinter einem Busch hervorsprangen, um meinen Führerschein zu verlangen.

Der Schweinebraten der Autonomen

Und weil ich eine unbescholtene Bürgerin bin, bei der die Polizei nicht wissen kann, was mir vorzuwerfen wäre und die sich, wie gesagt, etwas langweilt, denke ich in Anbetracht der Gefahrenzone, in der ich lebe: "Ok, Knallnasen, kommt doch! Fragt mich doch nach meinen Papieren!" Nun bin ich, wie gesagt, nicht nur unbescholten, ich sehe auch so aus. Soll heißen, das Ereignispotential, das das Gefahrenviertel durch die Allmacht der Polizei bietet, wird wahrscheinlich unausgekostet verpuffen, und ich muss wieder darauf warten, dass ein CDU-Mann deutlich macht, was jeder ahnt, damit es mal ein wenig interessant wird.

Nun bin ich natürlich nicht besonders scharf darauf, in jener Weise Bekanntschaft mit der Polizei zu machen, wie die Personen, die auf Twitter unter "#dankepolizei" ihre Erlebnisse zwischen der Gratisgabe von Pfefferspray, Rückenmassage mit dem Knüppel oder der Hinderung an der Ausübung des Demonstrationsrechts berichten. Aber ich frage mich schon, was die Polizei so denkt, wenn sie durch dieses traditionell sehr bunte, sehr abwechslungsreiche Viertel streicht. Woran sie die Gefahr erkennen will? Trägt die Gefahr immer Schwarz? Oder guckt sie böse? Hat die Gefahr einen Hinkefuß? Oder fauligen Atem? Die Frage dahinter ist natürlich die: Was muss ich tun, damit auch ich nach meinen Ausweispapieren gefragt werde? Ich könnte mich schwarz anziehen. Schwarze Kleidung und Rastahaare sind in dieser Gegend Insignien der Krawallisten. Und natürlich die Einkehr in einer Falafel-Bude. Linke lieben Falafel. Die Falafel ist der Schweinebraten der Autonomen. Man erwirbt sie beim Libanesen. Bei denen fängt der Terror bekanntlich an.

Auch könnte ich mir die Haut schwarz färben. Seit der Pfarrer der St.-Pauli-Kirche Flüchtlingen aus Lampedusa Unterkunft gewährt, haben die Kontrollen von Menschen mit dunkler Hautfarbe im Hamburger Stadtbereich erkennbar zugenommen. Auch wenn das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz in Koblenz 2012 bestätigt hat, dass Kontrollen aufgrund der Hautfarbe gegen den Diskriminierungspassus des Grundgesetzes, Artikel 3, Absatz 3, verstoßen. Leider, leider ist das Blackfacing, also das sich dunkel Anmalen, momentan ganz oben auf der Shit-List der politisch Korrekten. Ich müsste also damit rechnen, dass die mir auf die Bommelmütze hauen, wenn ich, nur, damit auch ich kontrolliert werde und einen Beweis für den staatlichen Rassismus liefere, mich braun färbe.

Mischmodell Castro

Schon manches Mal habe ich mich gefragt, was eigentlich passiert, wenn man mal ganz freundlich "Polizei, Osterei, läuft im Sommer nackidei!" zu einem Gesetzeshüter sagen würde. Ob das auch auf einer Beleidigungsgebührensatzliste steht. Jetzt könnte es immerhin der Grundstein für eine hübsche Ausweiskontrolle sein. Vielleicht aber reicht es auch schon aus, ein Oberteil mit der Aufschrift A.C.A.B. zu tragen, was "All Cops are Bastards" heißen kann.

Wobei bei dieser Interpretation wieder die Köche beleidigt sind, deren junge Generation sich gern in der Tradition der Aufwiegler sieht und das "C" für "Cooks" respektive "Chefs" verstanden haben möchte. Für eine Ausweiskontrolle wird so eine Aufschrift aber sicherlich reichen. Die Staatsmacht ist ja froh, wenn sie zeigen kann, dass sie Englisch versteht.

Auf keinen Fall sollte man wohl kleine Kinder bei sich haben. Die Engel der Unschuld lenken die Beamten ab. Es sei denn, sie sind ungewaschen und haben eine große Antifa-Fahne an der Kinderkarre. Dann sollte man schon eher einen Hund mit sich führen. Ein schwarzes Mischmodell, das man Castro nennt und immer anschreit. Ich habe das alles nicht. Kein Hund, keine Kinder, kein A.C.A.B.-Dress. Ich werde ohne Licht Fahrrad fahren müssen. Dummerweise habe ich aber auch keine Ausweispapiere. Jedenfalls keine, die noch gültig sind. Ich werde mir am Montag gleich welche besorgen. Es wäre doch schade, wenn die große Gefahren-Sause in Hamburg ohne mich ablaufen würde.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 190 Beiträge
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Seite 1
perlentaucher2345 05.01.2014
1. Einfach gelungen...
Zitat von sysopMein Leben verspricht, aufregend zu werden: Die Hamburger Polizei hat St. Pauli und das Schanzenviertel zum Gefahrengebiet erklärt. Fragt sich nur, was muss ich tun, damit auch ich nach meinem Ausweis gefragt werde? Silke Burmester über das Gefahrengebiet in Hamburg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/silke-burmester-ueber-das-gefahrengebiet-in-hamburg-a-941787.html)
...mehr kann man dazu nicht sagen. Frau Burmester, Sie.laufen wirklich zur Hochform auf, chapeau!
caecilia_metella 05.01.2014
2. Unbescholtene Bürgerin
Ich glaube eher, Sie sind manchmal etwas unehrlich oder lesen einfach die Kommentare nicht. Also seien Sie sich nicht so sicher, dass es nicht schon genug Grund gibt, Sie zu kontrollieren.
Newspeak 05.01.2014
3.
Daß die Polizei (speziell: die Bundespolizei) aus Rassisten besteht, durfte ich selbst schon erfahren. In einem vollbesetzten Zug wird wer kontrolliert? Der Ausländer. Und wer noch? Der, der sich mit dem Ausländer unterhält. In dem Fall ich.
Olaf 05.01.2014
4.
Zitat von sysopMein Leben verspricht, aufregend zu werden: Die Hamburger Polizei hat St. Pauli und das Schanzenviertel zum Gefahrengebiet erklärt. Fragt sich nur, was muss ich tun, damit auch ich nach meinem Ausweis gefragt werde? Silke Burmester über das Gefahrengebiet in Hamburg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/silke-burmester-ueber-das-gefahrengebiet-in-hamburg-a-941787.html)
Ich habe auch ein Gedankenspiel für Sie: Nehmen Sie einfach an, es wären keine Autonomen, sondern Nazis, welche die Innenstadt von Hamburg terrorisieren und in Senat und Medien säßen Leute, welche diesen Terror verharmlosen oder ins lächerliche ziehen. Und dann schreiben Sie noch mal.
braman 05.01.2014
5. Gefahrengebiet
Einfach an an einer Demo Teilnehmen, dann, Frau Burmester, kann es sein das Sie ein Erlebnis haben werden über das es sich lohnt, zu berichten. Und schön in einer der ersten Reihen bleiben. MfG: M.B.
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