S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Ey, Digger!

Die Bayerische Staatsregierung zeichnet RTL für die Kampagne "Sag's auf Deutsch" aus, also für Verdienste beim interkulturellen Dialog und bei der Integration. Der geneigte Zuschauer darf sich fragen: Was soll das denn?

Geliebtes RTL!

Ich habe es immer gewusst: Die Letzten werden die Ersten sein! Die, an die keiner glaubt, die, mit denen sich keiner zeigen will, die Schmuddelkinder, in diesem Fall die des deutschen Fernsehens, tragen den Sieg davon! Du nämlich! Und zwar den in Sachen Integration. Die Bayerische Staatsregierung vergibt ihre Auszeichnung, den "Integrationsbrief", und Du wirst ihn dieses Jahr für Deine Kampagne "Sag's auf Deutsch" erhalten!

"Deutsch" und "Bayern", da dingeln bei mir natürlich die Glocken, und kurz war ich gewillt anzunehmen, es ginge um die Integration von Bayern in Deutschland. Also nicht so fies zu denen zu sein und nicht zu lachen, wenn sie sprechen. Dann aber habe ich das Kuddelmuddel der Pressemitteilung noch einmal gelesen und verstanden: Du bekommst den Preis, weil bei Dir im Programm Menschen, deren Familien aus dem Ausland kommen, Deutsch sprechen. Beziehungsweise weil sie bei einem dank des Klaviergeklimpers ans Nervenkostüm gehenden Spot mitgemacht haben, in dem sie sagen, der wichtigste Schritt zur Integration sei es, Deutsch zu lernen.

Lustigerweise sind etliche von denen - etwa Nazan Eckes, Kena Amoa, Sara Nuru, Bülent Ceylan, Erdogan Atalay, Francisco Medina - hier geboren und aufgewachsen, wodurch sie sicherlich besser Deutsch sprechen als die Sprache des Heimatlandes ihrer Eltern. Und manche von ihnen sind so jung, dass sie das Glück hatten, von Anfang an das Qualitätsdeutsch Deiner Sendungen aufsaugen zu können. "Hochhausschlampe" oder "Schmarotzer-Mutti" waren keine Wörter, die sie mühsam im Wörterbuch nachschlagen mussten. Nein, sie mussten nur die Glotze einschalten, und schon haben sie bei Dir Deutsch gelernt.

Wobei eine Frage auch die ist, warum sich der Spot auf Leute mit "Migrationshintergrund" beschränkt. So vielen Deutschen, die durch ihren Auftritt Teil Deines Programms sind, möchte man auch sagen, dass Deutschlernen ein wichtiger Schritt in die Gesellschaft wäre.

Wie vielfältig und lebendig unsere Sprache ist, führst Du uns täglich vor, wenn Du, früher in Daily-Talks, heute in Scripted-Reality-Sendungen, Dein Publikum zu Wort kommen lässt und "Schlampen", deren "Arsch so riesig ist wie ein Lkw-Lenker", "die Fresse halten" und sich "verpissen" sollen, weil sie sonst "aufs Maul" bekommen.

Aber Integration ist für Dich mehr, als es auf Deutsch zu sagen. Es geht Dir auch um die Eingliederung an sich. So gibst Du in DSDS immer wieder Menschen die Möglichkeit zu zeigen, was sie nicht können. Grenzdebile haben bei Dir die Gelegenheit, sich auf der Suche nach einem Partner filmen zu lassen. Leute, die endlich mal ihre größten Verfehlungen, ihre intimsten Gefühle vor einem Publikum ausbreiten möchten, bekommen im Gespräch mit Vera Int-Veen diese Möglichkeit. Bei der "Super Nanny" konnten Lebensuntüchtige sich und ihre missratene Brut dem Spott aussetzen, und "Rach, der Restauranttester" hilft all jenen, die meinen, mit der Zubereitung von Speisen ihr Geld verdienen zu wollen, aber noch nicht daran gedacht haben, ihre Mikrowelle nach sieben Jahren einmal von innen auszuwischen.

All das sind Menschen, die bei ARD und ZDF wenig Möglichkeit haben, ihre Lebenswelt darzustellen, was ja auch ein Teil von Integration ist: sich zu öffnen, auf dass Verständnis füreinander entstehe.

Einzig der kleine, hässliche Münchner Sender RTL II übertrifft dies Engagement noch, wo Wagenladungen voller Porno-Darsteller auf ihrem Weg zum nächsten Gang-Bang-Dreh für "X-Diaries" abgefangen werden. Oder Millionäre wie die Geissens vorgestellt werden, die wie Fremdkörper verloren durch den Insignienpark des Kapitals trampeln und ohne Anschluss bleiben. Leuten wie ihnen bietet die Fernsehpräsenz die Chance, Freunde zu finden. Weil der Zuschauer sieht: Auch einem Millionär tut es weh, wenn das Tattoo gestochen wird, auch ein Millionär leidet, wenn der Teppich Flecken hat, und auch ein Millionär kann an den kleinen Dingen des Lebens wie einem Sonnenuntergang Freude empfinden. "Oh, is dat schöön! Nu guck doch mal!"

Aber selbst bei RTL II kann man sehen, welch bunte Früchte zum Tragen kommen, wenn die deutsche Sprache geschätzt wird, wenn durch sie kreative Schöpfung am Leben erhalten wird: "Ey, voll abgefuckt, dieser kleine Pisser Daniel!", heißt es da oder: "Kein Bock mehr auf diesen Stressmess, nächstes Mal nur noch richtige Chillymilly-Länder - Schweiz".

"Der Integrationsbrief…wird einmal jährlich an Personen oder Institutionen, die sich um die Völkerverständigung, den interkulturellen Dialog und die Integration in Bayern verdient gemacht haben, verliehen", heißt es in Deiner Pressemitteilung.

Es wird mir zwar lange noch ein Rätsel bleiben, warum eine Kampagne "Sag's auf Deutsch" ausgezeichnet wird, wo man doch in Bayern zur Integration besser Bayerisch als Deutsch sprechen sollte. Und auch warum man dafür Leute mit Migrationshintergrund braucht, wo es doch schon reicht, Stuttgarter zu sein, um in Bayern als fremd zu gelten, aber nun gut. Das muss jetzt ein Randaspekt bleiben, liebes RTL, denn ich will mich vor allem mit Dir freuen. Indem Du die deutsche Sprache mit Deinen Programmen und nicht zuletzt durch Deine Protagonisten mit Migrationshintergrund - Stichwort "Digger, isch bin Döner-Bude" - maßgeblich zu formen verstehst, hast Du es allen gezeigt! Zumindest denen in Bayern!

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insgesamt 87 Beiträge
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    Seite 1    
1.
dufay 25.11.2012
Der Spott auf RTL ist angebracht - auf Bayern nicht, da dort im Regelfall ein besseres Deutsch geschrieben und gesprochen wird als im Norden : wie Burmesters Kolumne zeigt, die von zahllosen Fehlern entstellt ist: falsche Orthographie ("Dank" statt "dank", "das" statt "daß" usw.), falsche oder fehlende Interpunktion, schlechter Stil etc. etc....
2. Schade...
F.Schnetz 25.11.2012
Leider feuert ein Artikel, der vor Interpunktions- und sogar Orthographiefehlern nur so strotzt, eher nach hinten. Dazu wirkt der Spott gegenüber dem bayrischen Freistaat sehr provinziell-kleingeistig. Schade, das Thema hätte mehr hergegeben als Frau Burmeister mit ihrem schwachen, zynischen Beitrag daraus gemacht hat.
3. Wir sind Lernende
Phainops 25.11.2012
Tja, Frau Burmester, in Sachen Deutsch sind wir eben alle Lernende. Weil’s zu kleinlich wäre, lasse ich mal die vielen Kommafehler in Ihrer Kolumne mal auf sich beruhen. Aber: „Sich zu öffnen, auf das Verständnis für einander entstehe“ (statt „Sich zu öffnen, auf dass Verständnis füreinander entstehe“), das ist schon etwas peinlich.
4. Ach, isses mal wieder soweit?
Eviathan 25.11.2012
"Weniger erfreulich ist das Ergebnis der Hamburger Schüler im Fach Deutsch. Beim Leseverständnis landet der Stadtstaat mit 484 Punkten auf dem drittletzten Platz vor Berlin (480) und Bremen (469). Im Durchschnitt erreichten die Länder 496 Punkte. Immerhin: Im Vergleich zum PISA-Test 2006 hat sich Hamburg in dieser Kategorie leicht verbessert. Damals betrug der Wert nur 476 Punkte. Beim Hörverständnis in Deutsch kamen die Hamburger mit ebenfalls 484 Punkten auf den viertletzten Platz. Und auch die Rechtschreibung bietet keinen Anlass zur Zufriedenheit: Hier erreichen die Hamburger Neuntklässler mit 474 Punkten Platz 14, gefolgt nur noch von Brandenburg (473) und Bremen (461). Auch dieser Länder-Schulleistungsvergleich belegt das starke Süd-Nord-Gefälle in der Bildung. Bayern ist in allen fünf Testgebieten Spitzenreiter." (PISA 2009)
5. Das war wohl nichts
pantapan 25.11.2012
Zitat von sysopDie Bayerische Staatsregierung zeichnet RTL für die Kampagne "Sag's auf Deutsch" aus, also für Verdienste beim interkulturellen Dialog und Integration. Der geneigte Zuschauer darf sich fragen: Was soll das denn? Silke Burmester über den "Integrationsbrief" an RTL - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/silke-burmester-ueber-den-integrationsbrief-an-rtl-a-869070.html)
Ein in jeder Beziehung wirklich schwacher Beitrag liebe Frau Burmester. Argumente: einfach das Geschreibsel mal durchlesen, dann kommt man locker von selber drauf.
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