S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Modernes Endzeitmanagement

Eine Kolumne von Silke Burmester

Am 21. Dezember 2012 geht die Welt unter, das wissen wir, die Maya haben das vorhergesagt. Zeit genug also, noch ein paar dringende Dinge zu erledigen und zum Beispiel die gute Bluse für den großen Tag zu bügeln. Aber was folgt, wenn das Ende mal wieder verschoben wird? Stress.

Hochverehrte Apokalyptiker!

Ich bin so froh, dass es Sie gibt! Wenigstens irgendjemand, der noch an etwas glaubt. Und wenn es an das Ende ist. Das ist mir egal! Hauptsache irgendjemand ist noch von irgendetwas überzeugt!

Nehmen Sie mich! Ich bin gebeutelt von einem Dasein zwischen Menschen, die mal "hü!" und mal "hott!" sagen. Menschen, denen nix heilig ist. Menschen, die ihre Jugendjahre durch die Betten des anderen Geschlechts toben, sich festschnallen lassen, auspeitschen und andere komische Dinge tun, und dann in Weiß, der Farbe der Unschuld, heiraten. Vor Gott. Weil das so sein muss. Leute, die, kaum volljährig, aus der Kirche austreten, außer in Florenz nie wieder einen Fuß hineinsetzen, aber ihre Kinder taufen lassen. Menschen, die sagen, sie seien Vegetarier, aber Bratkartoffeln selbstverständlich mit Speck essen. Leute, die Grün wählen und gegen Ausbeutung wettern, aber bei Lidl kaufen. Lauter Menschen, die man vorn und hinten nicht ernst nehmen kann und die mir mit ihrer Prinzipienlosigkeit das Leben schwermachen.

Nicht so Sie! Hatte jahrzehntelang die Furcht vor dem 21. Dezember 2012 Ihr Leben bestimmt, der Tag, an dem laut Maya-Kalender - oder unserer Interpretation der Zähleinrichtung - die Welt untergeht, lässt es sie ganz unbeeindruckt, wenn nun das Datum kurzerhand umgeschmissen wird. Ein älterer Kalender ist aufgetaucht, der dummerweise gar kein nahes Ende vorsieht. Doch das stört Sie, den fröhlichen Apokalyptiker nicht! Die Welt geht unter, so viel steht fest. Wenn nicht heute, dann morgen. Wenn nicht am 21. Dezember, dann vielleicht am 3. Januar 2013 oder am 12. März.

Schließlich kann man nie sicher sein, ob Wissenschaftler, die von einer Colgate University kommen, tatsächlich einen "Kalender" vor sich haben, wenn sie meinen, Zeichen an einer Wand dechiffriert zu haben. Vielleicht lesen die auch aus den Streifen der Zahnpasta die Abfahrtszeiten für den Bus ab oder aus den Schaumbläschen beim Ausspucken den NASDAQ.

Dieser, für Sie in jedem Falle unschöne Lauf der Dinge, erinnert mich stark an die Zeugen Jehovas, die sich täglich für Harmageddon herausputzen, und die auch jeden Tag mit der Enttäuschung ins Bett steigen, dass heute wieder nicht Weltuntergangstag war. Ich stelle mir das recht anstrengend vor: Sich jeden Tag hübsch anziehen, immer die weiße Bluse ordentlich bügeln, den Faltenrock in Schuss halten, auf dass Gott seine Freude an einem habe, wenn er einen vor der letzten Schlacht zu sich emporhebt - und dann immer wieder warten. So, wie wenn der Liebhaber nicht zur Verabredung kommt. All dressed up and nowhere to go. Und das über Jahre!

Ja, ein ganzes Leben lang wird den Zeugen mit ihrem "Wachturm" in der Hand ein neuer Tag für das nahe Ende versprochen. Und dass die Tage immerzu verstreichen, ohne dass der Erlöser sie ruft, nehmen die Zeugen mit der bewundernswerten Beharrlichkeit eines Kindes zur Kenntnis, das bei allem Unglück, das eine Kindheit bereithält, darauf vertraut: am 24. Dezember ist Weihnachten.

Der neueste oder besser gesagt, wohl älteste Maya-Kalender, den die Colgate-Wissenschaftler vor kurzem an den Wänden einer Hausruine im Dschungel Guatemalas entdeckt haben wollen, hat eine Menge toller Daten aufzuweisen, aber eben nicht den 21. Dezember als Tag des großen Knalls.

Trotzdem kaufen Leute wie Sie, verehrte Endzeitler, die Läden leer. Sonnenstürme, Kometeneinschlag, Außerirdische, alles verschlingende Fluten. Egal, Hauptsache Angst-Action. Vor allem in Amerika horten Sie 17 Jahre lang haltbares Büchsenfleisch, Vakuumerbsen, pulverisierte Wasservorräte. Sie haben ihre Haustiere verschenkt und sich Tunnelapartments bauen lassen, in denen Sie ohne Sonne und Luft überleben können. Und auch das imponiert mir: Nicht zu fragen, was das für ein Leben ist, das in so einer Tunnelresidenz übrig bleibt. Ob es lebenswert ist, wenn man mit den ewig gleichen Menschen im Erdinneren haust, mit seiner Mutter gar oder dem alten Onkel Sam, der den Vietcong mit seinen bloßen Händen den Garaus gemacht hat. Nein, es geht für Sie als gelernte Apokalyptiker um das Überleben an sich. Und von diesem Lebenswillen, von dieser bedingungslosen Liebe zum Leben würde ich mir gern eine Scheibe abschneiden. Ich bekomme ja schon Zweifel, wenn in Japan ein Atomkraftwerk explodiert.

Das Einzige, das mir zu denken gibt, ist die Naivität, mit der Sie Ihren Glauben am Untergang am Leben halten. Zum einen finde ich, gilt es zu bedenken, dass die Daten das Ereignis des 21. Dezember betreffend, von einem Volk stammen, das im Großen und Ganzen recht plötzlich und bis heute aus nicht eindeutig geklärten Gründen von der Bildfläche verschwunden ist. Wissenschaftler rätseln seit Jahrzehnten, was die Hochkultur zu Fall brachte und ich frage Sie, warum soll man einem Volk, das auf so wackeligen Füßen stand, ausgerechnet in Existenzfragen Glauben schenken?

Des Weiteren möchte ich die Grundlage der Erkenntnisse in Frage stellen. Vor allem die, die jetzt Entwarnung liefert. Eine Hauswand - hallo?! Was, wenn in 350 Jahren einer ein Haus in Kreuzberg oder New York ausbuddelt und das Graffiti zu entschlüsseln sucht? Oder einen versunkenen Knast findet? Knastwände sind voll mit Strichen und Zahlen, manche mit Kohle geschrieben, von zitternder Hand. Es wird ein Leichtes sein, aus ihnen Daten für ein Ende herauszulesen.

Allerdings, und das räume ich gern ein, erleben wir am 21. Dezember des Jahres ein Ereignis, das man nur alle 25.800 Jahre erleben kann: Die Erde beendet das, was die Fachwelt eine Präzessionsperiode nennt, da geht es um die nicht ganz exakt kugelförmige Erde und die Richtungsänderung ihrer Achse, sehr komplizierte Sache. Und dass die Maya davon wussten (worauf einiges hindeutet), ohne einen Satelliten ins All geschossen zu haben, das fordert in der Tat Respekt. Und zeigt, dass man Apokalyptiker nicht unterschätzen sollte. Denn wenn die Maya so schräges Zeug wussten, dann wussten sie vielleicht auch, wann die Welt untergeht.

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1. Seien wir nicht kleinlich,
fettwebel 29.07.2012
was das konkrete Datum betrifft. Die materiellen Bedingungen dafür existieren seit 67 Jahren. Und seit Hiroshima und Nagasaki ist nichts besser geworden. Rohstoffverknappung, Handelskonkurrenzen, Ökologie, Bevölkerungsentwicklung und viele andere Themen entspannen auch nicht so richtig. Bis heute hat Mensch doch jede Technologie eingesetzt, in der Hoffnung gegen Konkurrenten einen Vorteil zu erlangen. Wir werden sehen (müssen).
2. Unsinn
blackmoon 29.07.2012
Ich ärgere mich über diese verkürzten Aussagen, die nicht nur hier zu finden sind. Die Mayas haben NICHT den Weltuntergang vorher gesagt, sondern es endet nur ihr Kalender. Der verläuft in Zyklen, also kann es wohl sein, dass er von vorn beginnt, oder wie auch immer und was dann geschehen mag. Auf alle Fälle geht daraus nicht hervor, dass die Welt untergeht. Was für ein Quatsch.
3. Präzession
Schäfer 29.07.2012
Warum sollen wohl Leute, die behaupten, die Erde sei ein Kreisel, glaubwürdiger sein, als solche, die behaupten, sie sei eine Scheibe? Frau Burmester will mit Tricks versuchen, die Prognose zu entkräften. Dabei wird sie es sein, die nach dem Weltuntergang als erste bereuen wird, der alten Weisheit nicht geglaubt zu haben, weil sie noch am 20. 12. ihre Tickets für den Flug auf die Malediven bezahlt hat. Hehe!
4. Panikmache
Forenleser 29.07.2012
Die Erde kommt in ein neues Zeitalter und mehr nicht. Den Rest verdanken wir den Medien
5.
Tetraeder 29.07.2012
Dass die Welt im Dezember 2012 untergeht, haben die Maya niemals vorhergesagt. Eine typsische urbane Legende... Wenn die Apokalypse unsere Erde ereilen sollte, dann ist das Problem wohl hausgemacht durch Atombomben, Kriege, Umweltverschmutzung und Co. Laut Weltuntergangsuhr (http://weltuntergangsuhr.com/) steht es schon 5 vor 12.
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    Am 21. Dezember 2012 endet der berühmte Maya-Kalender. Manch einer sieht darin das Datum des Weltuntergangs. Was muss vorher unbedingt noch getan, gedacht, geschrieben werden? Die SPIEGEL-ONLINE-Kolumnisten geben eine Woche lang augenzwinkernde Antworten.
Silke Burmester

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