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17. Februar 2013, 15:21 Uhr

S.P.O.N. - Helden der Gegenwart

Hauptsache, was mit Fleisch

Von Silke Burmester

Der eigentliche Skandal ist nicht, dass jemand Pferd als Rind ausgibt, sondern dass der Verbraucher Betrügereien der Industrie geradezu fördert. Weil er erwartet, dass in einem Großteil der Lebensmittel Fleisch drin ist, das aber nichts kosten darf.

Liebe entspannte Pferdeesser!

Meine Güte! Pferd! In der Lasagne! Mit Käse überbacken! Schrei, kreisch, Hysterie! Ekel, Würgen, Übergeben. Leiden. Schimpfen. Frau Aigner anrufen.

Sie hingegen, verehrte Konsumenten, die Sie ganz ruhig bleiben, haben meine vollste Bewunderung. Weil Sie diese Quatschhysterie nicht mitmachen. Weil Sie sich denken, Pferd war früher ein ganz normales Nahrungsmittel, der Rheinische Sauerbraten wird traditionell aus dem Huftier gemacht, noch heute gibt es laut Branchenbuch rund 70 Rossschlachtereien in Deutschland. In Italien und Frankreich liegt das Fleisch in Supermärkten, wo soll das Problem sein?

Zumal die Menschen mit ihrem Hang in Supermärkten und Discountern einzukaufen - und das möglichst billig - einen bedenklichen Fleischschrott zu sich nehmen, gegen den sich ein gediegenes Stück Pferd geradezu als Leckerbissen ausnimmt.

Natürlich ist es nicht nett, den Menschen Pferd zwischen die Teigblätter zu schieben, wenn sie meinen, da stecke Rind drin. Das ist Betrug und in der Tat böse, böse. Und ganz unschön ist es natürlich, dass Rösser wohlmöglich ihren Weg in die Lasagne fanden, die mit für den Menschen schädlichen Medikamenten behandelt wurden. Ich nehme an, hier wurde das ein oder andere Rennpferd einer Anschlussverwendung zugeführt.

Ach, diese Aufregungsfolklore

Aber muss man so ein Gewese machen? Muss man so einen Aufschrei konstruieren? Menschen, die Rinder und Schweine essen, Hühner, Ziegen, Fische und Schafe? Rehe, Hirsche, Puten und Hasen, Gänse, Enten, Krebse und Muscheln? Leute, die sich freuen, wenn sie eine echte Salami aufs Brot legen können, also aus Esel, kreischen rum, weil sie Pferd gegessen haben?

Wobei sie, wenn sie anderen dabei zusehen, wie sie Känguruhoden essen, das als großartige Unterhaltung empfinden. Super sind auch die Verbraucherschützer, die jetzt eine verbesserte Kennzeichnung fordern und strengere Kontrollen. Zum wie vielten Mal? Dem 200.? Das ist das Verlässlichste an den mittlerweile in regelmäßiger Folge aufploppenden Skandalen rund ums Fleisch: die Forderungen nach besseren Kontrollen.

Und das schätze ich an Ihnen, verehrte Ruhigbleibende, Sie verzichten auf diese Aufregungsfolklore. Ihnen ist völlig klar, solange ein Essen ohne Fleisch kein Essen ist, solange auf jedem Frühstücksbrötchen Wurst drauf sein muss, jedes Croissant nach Schinken schmecken, überall Speck drin sein soll und Fleisch nichts kosten darf, so lange es uns nichts ausmacht, Tiere zu essen, die unter quälerischsten Bedingungen gehalten werden, damit auch noch ins Brötchen Speck eingebacken werden kann. Solange wir es hinnehmen, dass die Konzerne Nahrungsmittel Tausende von Kilometern durch Europa karren, damit sie am billigsten Standort zusammengeschraubt werden können, so lange wird auch immer etwas passieren, das sich als Skandal bezeichnen lässt.

Dabei ist Ihnen, liebe Ruhigbleiber, völlig klar, dass der eigentliche Skandal nicht ist, dass jemand Pferd als Rind ausgibt, sondern dass der Verbraucher durch sein Verhalten der Industrie immer wieder solche Betrügereien ermöglicht. Dass der Mensch so wenig Achtung vor sich selbst hat und vor dem, was er isst. Dass er bereit ist, sich minderwertige Erzeugnisse einzuverleiben und es zulässt, dass sich Kreaturen quälen, damit er bei jeder Gelegenheit "was mit Fleisch" zu sich nehmen kann, das ist der Skandal. Das und nichts anderes. Sie, die Sie so ruhig bleiben, haben das begriffen.

Hochachtung!

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