S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Hauptsache, was mit Fleisch

Von Silke Burmester

Der eigentliche Skandal ist nicht, dass jemand Pferd als Rind ausgibt, sondern dass der Verbraucher Betrügereien der Industrie geradezu fördert. Weil er erwartet, dass in einem Großteil der Lebensmittel Fleisch drin ist, das aber nichts kosten darf.

Liebe entspannte Pferdeesser!

Meine Güte! Pferd! In der Lasagne! Mit Käse überbacken! Schrei, kreisch, Hysterie! Ekel, Würgen, Übergeben. Leiden. Schimpfen. Frau Aigner anrufen.

Sie hingegen, verehrte Konsumenten, die Sie ganz ruhig bleiben, haben meine vollste Bewunderung. Weil Sie diese Quatschhysterie nicht mitmachen. Weil Sie sich denken, Pferd war früher ein ganz normales Nahrungsmittel, der Rheinische Sauerbraten wird traditionell aus dem Huftier gemacht, noch heute gibt es laut Branchenbuch rund 70 Rossschlachtereien in Deutschland. In Italien und Frankreich liegt das Fleisch in Supermärkten, wo soll das Problem sein?

Zumal die Menschen mit ihrem Hang in Supermärkten und Discountern einzukaufen - und das möglichst billig - einen bedenklichen Fleischschrott zu sich nehmen, gegen den sich ein gediegenes Stück Pferd geradezu als Leckerbissen ausnimmt.

Natürlich ist es nicht nett, den Menschen Pferd zwischen die Teigblätter zu schieben, wenn sie meinen, da stecke Rind drin. Das ist Betrug und in der Tat böse, böse. Und ganz unschön ist es natürlich, dass Rösser wohlmöglich ihren Weg in die Lasagne fanden, die mit für den Menschen schädlichen Medikamenten behandelt wurden. Ich nehme an, hier wurde das ein oder andere Rennpferd einer Anschlussverwendung zugeführt.

Ach, diese Aufregungsfolklore

Aber muss man so ein Gewese machen? Muss man so einen Aufschrei konstruieren? Menschen, die Rinder und Schweine essen, Hühner, Ziegen, Fische und Schafe? Rehe, Hirsche, Puten und Hasen, Gänse, Enten, Krebse und Muscheln? Leute, die sich freuen, wenn sie eine echte Salami aufs Brot legen können, also aus Esel, kreischen rum, weil sie Pferd gegessen haben?

Wobei sie, wenn sie anderen dabei zusehen, wie sie Känguruhoden essen, das als großartige Unterhaltung empfinden. Super sind auch die Verbraucherschützer, die jetzt eine verbesserte Kennzeichnung fordern und strengere Kontrollen. Zum wie vielten Mal? Dem 200.? Das ist das Verlässlichste an den mittlerweile in regelmäßiger Folge aufploppenden Skandalen rund ums Fleisch: die Forderungen nach besseren Kontrollen.

Und das schätze ich an Ihnen, verehrte Ruhigbleibende, Sie verzichten auf diese Aufregungsfolklore. Ihnen ist völlig klar, solange ein Essen ohne Fleisch kein Essen ist, solange auf jedem Frühstücksbrötchen Wurst drauf sein muss, jedes Croissant nach Schinken schmecken, überall Speck drin sein soll und Fleisch nichts kosten darf, so lange es uns nichts ausmacht, Tiere zu essen, die unter quälerischsten Bedingungen gehalten werden, damit auch noch ins Brötchen Speck eingebacken werden kann. Solange wir es hinnehmen, dass die Konzerne Nahrungsmittel Tausende von Kilometern durch Europa karren, damit sie am billigsten Standort zusammengeschraubt werden können, so lange wird auch immer etwas passieren, das sich als Skandal bezeichnen lässt.

Dabei ist Ihnen, liebe Ruhigbleiber, völlig klar, dass der eigentliche Skandal nicht ist, dass jemand Pferd als Rind ausgibt, sondern dass der Verbraucher durch sein Verhalten der Industrie immer wieder solche Betrügereien ermöglicht. Dass der Mensch so wenig Achtung vor sich selbst hat und vor dem, was er isst. Dass er bereit ist, sich minderwertige Erzeugnisse einzuverleiben und es zulässt, dass sich Kreaturen quälen, damit er bei jeder Gelegenheit "was mit Fleisch" zu sich nehmen kann, das ist der Skandal. Das und nichts anderes. Sie, die Sie so ruhig bleiben, haben das begriffen.

Hochachtung!

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insgesamt 559 Beiträge
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1.
nurnik 17.02.2013
Danke fuer diesen artikel! Ich kann diesen hype langsam nicht mehr ertragen... Es wird suggeriert, das pferdefleisch etwas schlechtes ist. Ueberall wird mit reisserischen ueberschriften um sich geschmissen. Viele vergessen, das pferdefleisch gesuender und teurer ist als das fleisch, was sie erwarten zu essen. Und wegen der medikamentenrueckstaende: wenn viele wuessten was gefluegel zb an antibiotika zugefuehrt wird... Einfach laecherlich das getue.
2. optional
spon-1310070297731 17.02.2013
also ich mag Pferdefleisch
3. optional
carlo02 17.02.2013
blöder kommentar. solange man sehen muß, wie man mit seinem geld zurecht kommen muß, wird halt auf den preis geschaut. für die standards, was angeboten wird, is die politik verantwortlich.
4. Super Kommentar!
Cadd9 17.02.2013
Frau Burmester hat es begriffen, dass viele Menschen nicht aus Liebe zum Geschmack Fleisch essen, sondern Fleisch essen, damit sie Fleisch essen! Nicht mehr und nicht weniger. In vielen Produkten in denen Fleisch drin ist (Fertiggerichte vor allem) schmeckt man es eh nicht mehr raus! Man könnte es somit auch weglassen, wenn es dann noch gekauft werden würde. Wird es dann aber auch nicht mehr so viel. Tja was also tun? Da bin ich überfragt!
5. Nichts hinzuzufügen
trader_07 17.02.2013
Zitat von sysopDer eigentliche Skandal ist nicht, dass jemand Pferd als Rind ausgibt, sondern dass der Verbraucher Betrügereien der Industrie geradezu fördert. Weil er erwartet, dass in einen Großteil der Lebensmittel Fleisch drin ist, das aber nichts kosten darf. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/silke-burmester-ueber-den-skandal-um-das-pferdefleisch-a-883663.html
Dem ist nichts hinzuzufügen, genau so ist es. Ich bleibe bei meinem kleinen Metzger im Nachbarort und zahle für gute Qualität lieber das zwei- bis dreifache.
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