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24. Februar 2013, 13:56 Uhr

S.P.O.N. - Helden der Gegenwart

Kind zecht, Papa zahlt

Eine Kolumne von Silke Burmester

Populismus mit Prozentigem: Der CDU-Politiker Jens Spahn will die Eltern von Teenie-Komasäufern zur Kasse bitten, wenn ihre betankten Früchtchen im Krankenhaus landen. Ob sich das auf erwachsene Trinker übertragen lässt? Zum Beispiel beim Oktoberfest?

Sehr geehrter CDU-Gesundheitsexperte Spahn,

entschuldigen Sie bitte die Verspätung meiner Heldenerklärung. Eigentlich sollten Sie bereits letzte Woche dran gewesen sein, doch dann kamen die Pferde dazwischen. Die in der Lasagne, meine ich. Und so muss die Lobpreisung Ihrer Idee, jugendliche Komasäufer bzw. deren Eltern mit 100 Euro an den Behandlungskosten ihres Krankenhausaufenthalts zu beteiligen, warten. Aber so eine schöne Idee rinnt ja nicht weg. Jedenfalls nicht, so lang die Jugendlichen weiter saufen. Und das tun sie. 72 von ihnen - sie sind im Alter zwischen 10 und 19 Jahren - werden im Schnitt täglich wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert. Wie viele duhn zusammenbrechen und ohne Betreuung irgendwo rumliegen, ist nicht ermittelt, es dürften noch ein paar sein.

Was mir an Ihrer Idee gefällt, ist die Prosa der Klarheit, die sie umgibt. 100 - das ist so eine schöne Zahl. So glatt und rund. Ohne Ecken, ohne Ausreißer. 100, das ist eine Zahl, die jeder versteht. Nicht 98 oder 107,34 sondern schlicht und prosaisch: Hundert.

Werbeverbot für Suffmittel? No Way!

Da stolpert keiner drüber. Auch kein Erziehungsberechtigter wird fragen, wie sich die Summe zusammensetzt. Allen ist klar: Das ist eine symbolische Größe. Es geht um das, wofür sie steht, nicht um die Summe an sich. Und schon gar nicht um die Summe, die entsteht, wenn jemand wegen einer Alkoholvergiftung in der Klinik behandelt werden muss und die bei mehreren hundert Euro liegt. Und so können Eltern, wenn sie denn gar nicht mitbekommen haben, dass ihr Kind sich ins Koma gesoffen hat oder keine Zeit hatten, es im Krankenhaus abzuholen, gezielt zu Hause ausflippen, wenn mit der Post der Überweisungsträger kommt.

Auch ist die Höhe nicht so eklatant, als dass sie den Kauf eines neuen Flatscreen-Fernsehers oder eines Autos in Frage stellt, so dass auch das Ausflippen ein symbolischer Akt bleiben kann. Und die Armen, die Hartz-IV-Empfänger? Ob die Kostenbeteiligung nun bei 80 oder 560 Euro liegt - die können weder das eine noch das andere Geld aufbringen, womit es für sie egal bleibt, wie hoch die Summe ist. Zumal es nur fair wäre, wenn in Anbetracht ihrer beschissenen Lebenssituation der Staat die Kosten übernimmt, wenn ihre Brut das Elend nicht mehr aushalten will.

Aber, wie so oft, wollen Ihre Politkollegen das Gute nicht sehen. Ihr Expertenkollege Daniel Bahr, der Gesundheitsminister, den die FDP zur Regierungskoalition beisteuert, hält von Ihrem Vorschlag gar nichts. "Strafen sind nicht unser Weg", ließ er einen Sprecher sagen und bleibt dabei nicht nur in der Tradition der Partei, die mit Otto Graf Lambsdorff einen verurteilten Steuerhinterzieher zum Ehrenvorsitzenden machte, sondern auch bei ihrer generellen Haltung, die Dinge sich selbst zu überlassen. So auch die Jugendlichen.

Erschwerter Zugang zu Alkoholika? Pustekuchen! Preisanhebung für Alk? Von wegen! Werbeverbot für Suffmittel (und Zigaretten)? No Way!

Immerhin hat die Politik die Flatrate-Partys als Problem erkannt. In Bayern machen bei diesen Veranstaltungen auch die Erwachsenen mit. Sie nennen das "Oktoberfest". Auch, wenn der Alk nicht billig ist - besoffen und vollgekotzt rumzuliegen, versteht man dort als Zeichen einer guten Zeit.

Immerhin, das muss man Oktoberfestlern lassen, gestalten sie ihre Zeit bewusst und aktiv. Sie ziehen sich lustig an und reisen dann zu ihrer Wiesn. Andere Jugendliche hängen einfach nur ab. Kein Jugendzentrum, kein Sportverein, keine adäquaten Angebote. In großem Stil wurde bei den Angeboten für Jugendliche gespart. Vielerorts sind es allenfalls die Nazis, die sich bemühen, diese Lücken zu füllen, und sie warten mit allerlei Vergnügungen auf. Konzerte, Jugendclubs, politische Abende, Fackelzüge und Freizeitcamps. Ja, und wer die nicht in der Nähe hat, dem bleibt oft genug nur der Griff zur Flasche, um seine Zeit halbwegs rumzukriegen. Wobei auch bei den Nazis gesoffen wird, das muss man einräumen.

Aber nicht nur die FDP setzt darauf, dass sich die Dinge von allein regeln und die Kraft des Marktes das richtige Gleichgewicht schafft. Auch von den Grünen haben Sie, verehrter Herr Spahn, ordentlich eins auf die Mütze bekommen: "Wer so einen Vorschlag macht, hat sich weder mit dem Problem Komasaufen noch mit unserem auf Solidarität basierenden Gesundheitssystem befasst", hat Ihnen die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens an den Kopf geworfen. Was ich einen schönen Gedanken finde: "Solidarität!" Was dem einen sein Suff, ist dem anderen sein Hodenkrebs, sein Asthma oder die Herzklappe für das Neugeborene.

Aber ich bin dennoch ganz auf Ihrer Linie. Eltern, so sagen Sie, müssten ab und zu mal an ihre Erziehungsaufgabe erinnert werden. 100 Euro sind da ein richtiger Weg. Ich hatte auch schon überlegt, ob Eltern vielleicht mit ihren Kindern mal durch die Bahnhofsquartiere mit den Suffkopp-Ecken gehen oder sie mit einem trockenen Alkoholiker zusammenbringen sollten. Dann aber fiel mir ein, wie viele Eltern damit Schwierigkeiten hätten, weil sie wegen so eines Termins auf ihr Abendbierchen verzichten müssten. Oder auf das Glas Wein, das ja gesund ist, zumindest, wenn es roter ist. Nee, nee, nee, da bleiben wir mal lieber bei der bequemen 100-Euro-Idee. Das Geld ist einfach und schnell überwiesen. Zumal online.

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