S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Loblied auf das Mittelmaß

Eine Kolumne von Silke Burmester

Arme normale deutsche Frau! Nachdem die "Brigitte" sich von ihren Laien-Models getrennt hat, tauchen weibliche Durchschnittstypen höchstens noch in Frauenzeitschriften auf, wenn graue Mäuse gesucht werden, die mehr aus ihrem Typ machen wollen. Wie demütigend.

Liebe normale Frau,

leider, leider hast Du die Erwartungen nicht erfüllt. Wieder einmal bist Du nicht gut genug. Wieder reicht das, was Du zu bieten hast, nicht aus. Die Frauenzeitschrift "Brigitte" verabschiedet sich von der Idee, ihre Mode von Dir präsentieren zu lassen, und bedient sich wieder Frauen, die was können. Mode präsentieren nämlich.

Damit wird die nächste Perle auf der langen Kette der Dinge aufgefädelt, für die Du einfach etwas... naja, sagen wir: zu wenig bist. Wo das, was Du kannst, nicht ausreichend ist. Dabei könnte man ja denken, fürs Kleiderzeigen reicht es immer. Da muss frau nicht schlau sein, nicht gebildet, oder wissen, wo der Eiffelturm liegt, da muss sie einfach ihr Bein hinhalten und gelangweilt gucken. Modeln ist ja für Frauen, was Fußball für Männer ist - eine tolle Art, auch ganz ohne Hirn zu viel Geld zu kommen. Wobei in letzter Zeit vor allem Mannequins mit Abitur gefragt sind, das ist ja auch wieder so ein Trend, den keiner versteht.

Aber egal - dieser Traum ist vorbei. Das Modeln machen jetzt wieder die, die das können.

Der letzte Anlass, den die Medien nutzten, um die Angst vor Dir zu befeuern, war, als der Bundespräsident gesucht wurde. Nur allzu gern hätten sie in den Steckbrief geschrieben: "Bewerber mit interessanter Partnerin bevorzugt." Oder: "Bitte vermeiden Sie es, sich mit einer ausstrahlungs- und wortarmen Lebensgefährtin an ihrer Seite zu bewerben." Die Medienmacher, allen voran die, die Zeitschriften wie die "Bunte" und "Gala" verantworten, waren über die Jahre mit Carla Bruni als Gattin am Pariser Hofe total plemplem geworden und wollten ums Verrecken eines: eine besondere Frau. Eine mit beachtenswerter Herkunft, Charme, Charisma, gutem Aussehen und interessantem Hobby. Stilsicher sollte sie sein und wissen, wie man mühelos auf internationalem Parkett für Deutschland punktet.

Wichtig: der Mette-Marit-Faktor

Da fügte es sich bestens, dass die Gattin des damals kommenden Kanzlers Karl-Theodor zu Guttenberg, Stephanie zu Guttenberg, bei aller charismatischen Bescheidenheit so einen tollen Mädchenamen mit in die Kanzlerträume brachte: Gräfin von Bismarck-Schönhausen. Oder die Ehefrau des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, Bettina. Die war zwar normal wie Doppelhaus mit Carport, immerhin aber hatte sie Potential, das sich ausbauen ließ: den Mette-Marit-Faktor.

Wie die norwegische Kronprinzessin ist sie nicht nur schön blond, sondern blickt auf eine Vergangenheit als alleinerziehende Mutter zurück, ehe sie dank Mann in ihre erlauchte Position gehoben wurde. Alleinerziehend zu sein ist zwar heute so normal wie ein Doppelhaus mit Carport, im Kontext einer Regentschaft, zumal mit einem CDU-Mann, doch immer noch ein Wagnis.

Auch als nun Joachim Gauck zur Wahl stand, war die größte Befürchtung der Medienleute, die Frau an seiner Seite könnte eine normale Frau sein. So eine wie Du. Zum Glück aber hatte sich Gauck bereits 1991 von seiner normalen Frau getrennt. Hansi Gauck heißt sie, und sie hat der "Bunten" gesagt: "Ich stehe nicht gern im Mittelpunkt" - nicht ungewöhnlich für eine normale Frau. Da das für die Medien gleichzusetzen ist mit "Ich bin total langweilig", haben die Medienvertreter erst mal eine Pulle aufgemacht und anschließend daran gebastelt, der Öffentlichkeit Daniela Schadt vorzustellen, die mit ihren 52 Jahren zwar medial gesehen auch ziemlich langweilig ist, die man aber als politische Journalistin immerhin als Frau mit eigenem Kopf verkaufen kann. Um nicht zu sagen: als eigensinnig. Und die damit auch als nicht normal gilt.

Normal soll niemand sein

Klar also ist, normal ist nicht gut. Normal soll niemand sein. Jedenfalls niemand, der in der Öffentlichkeit auftaucht. Hier gilt es vor allem, schrill zu sein. Schrill, laut, originell, charakterstark, eigen, individuell, besonders. Und besonders gut aussehen sollte die Frau in der Öffentlichkeit auch. Und von daher, liebe normale Frau, muss ich sagen, sieht es für Dich eher dunkel aus.

Wann warst Du denn schon mal in einer Talkshow, die nicht am Nachmittag ausgestrahlt wird? Auf einer Filmpreis-Verleihung oder bei der Kanzlerin zum Tee? Du wirst doch nur vor die Kamera gezerrt, wenn Volkes Stimme gefragt ist. Wenn die Reporter in der Einkaufszone fragen, wie Du es findest, dass das Benzin jetzt 1,74 Euro kostet. Oder das Flugbegleitpersonal streikt und man jemanden zeigen will, der aufgelöst neben seinem Koffer steht. Oder die Frauenzeitschriften-Macher jemanden brauchen, der sich erklären lässt, wie er mehr aus seinem Typ macht.

Für mich aber, liebe normale Frau, bist Du die Heldin in diesem Spektakel. Deine Unerschütterlichkeit, mit der Du ein Heft wie die "Brigitte" kaufst, das Dir unablässig Deine Unzulänglichkeit vorhält, ein Magazin, dass Dir auch jetzt wieder deutlich macht, dass Du nicht toll genug bist, Kleidung zu zeigen und Handtaschen zu halten, gleichzeitig aber Geld von Dir will, diese Unerschütterlichkeit beeindruckt mich sehr.

Und sie zeigt, so normal kannst Du nicht sein. Das mitzumachen, verlangt schon eine gehörige Portion Masochismus.

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insgesamt 39 Beiträge
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1.
aquarelle 09.09.2012
Zitat von sysopArme normale deutsche Frau! Nachdem die "Brigitte" sich von ihren Laien-Models getrennt hat, tauchen weibliche Durchschnittstypen höchstens noch in Frauenzeitschriften auf, wenn graue Mäuse gesucht werden, die mehr aus ihrem Typ machen wollen. Wie demütigend. Silke Burmeister über die deutsche Frau - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,854453,00.html)
Als normale Frau lese ich diese Schundblätter nicht mal mehr.
2. Playboy
Freifrau von Hase 09.09.2012
Großartiger Artikel! Geht Männern beim lesen des "Playboy" aber wahrscheinlich genauso. Mit den Männern, die dort thematisiert werden - reich, gutaussehend, weltgewandt, mit tollen Frauen im Bett - haben gefühlte 99% der männlichen Gattung in diesem Land auch nicht viel zu tun.
3. Breiter Begriff
W. Robert 09.09.2012
Man baut einen Kampfbegriff auf, in diesem Fall „Normal“, und zerlegt den Pappkameraden artgerecht. Weshalb in aller Welt sollten „Models“ normal aussehen? Bei einem Bummel durch meine mittelgroße Stadt habe ich gestern bei schönstem Sonnenschein wieder mindestens zehn attraktive junge Damen gesehen, die alle die angeblichen Supermodels um Längen deklassieren. Die Natur ist nun mal total ungerecht. Man kann auch noch erwähnen, dass „gutes Aussehen“ durchaus hinderlich sein kann bei der Jobsuche, insbesondere für Frauen, die man landläufig als „sexy“ bezeichnet. Diskriminierung bei Bewerbungsfotos - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/ausland/diskriminierung-bei-bewerbungsfotos-a-826089.html) Auch die „physiognomischen“ Studien der Personalchefs sind wahrscheinlich unausrottbar, wenn diese Spezies nicht sogar auch „Graphologie“ und ähnlichen Humbug zurückgreift. Immerhin sollen in Deutschland ja schon 40% der Führungskräfte in Konzernen weiblich sein. Wenn man „normal“ allerdings mit „dumm“ gleichsetzt gibt es ein Problem. Und dass sich die Alpha-Männchen im Erfolgsfall gern mal eine „passendere“ Frau besorgen ist auch keine echte Neuheit. Nichts macht bekanntlich so sexy wie ein dickes Konto. Warum sich schöne Frauen aber immer die übelsten Burschen als Partner aussuchen ist ein Phänomen, dass es noch zu klären gilt. Ich möchte im Kino aber nach wie vor Marylin Monroe, Catherine Deneuve und Penélope Cruz sehen, da bin ich schrecklich altmodisch...
4. gähn
mephisto1997 09.09.2012
das mag ja alles sein. dennoch ist nix langweiliger, als stinknormale menschen, und da vor allem die, die es auch sein wollen und ein hohelied auf die "normalität" singen, wo immer sie nicht dazu aufgefordert werden. jeder mensch ist besonders, er muss sich nur trauen, das auch zu leben und zu zeigen. das bekenntnis zur unbedingten normalität ist erbärmlich. und was die mädels und jungs in den magazinen angeht, so macht es auf dauer keinen spaß, darin lauter noramlos zu sehen, sondern es ist interessanter, besonders schöne, interessante leute zu sehen und über sie zu lesen. dass dürre models und stereotype playboys nicht dazu taugen, ist auch wahr. aber "brigitte" hat wahrscheinlich gemerkt, dass die auflage sich mit leuten "wie du und ich" vorne drauf nicht halten lässt.
5. Blödsinn
Julez 09.09.2012
...deswegen jetzt so einen Wind zu machen. Die "normalen" Frauen waren alle gertenschlank, sehr hübsch bis schön und einfach von Beruf keine Models. ich hab nicht einmal eine Frau mit großer Nase oder 20kg zuviel gesehen auf dem Cover.
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