Eine Kolumne von Silke Burmester
Liebe Bioverkäuferin im Full-Speed-Modus,
wie dankbar bin ich, dass es dich gibt! Ich hatte es schon gar nicht mehr für möglich gehalten, jetzt habe ich dich entdeckt: eine Verkäuferin im Bioladen, die sich flott bewegt.
Lange Zeit hatte ich gedacht, ich bin falsch, wenn ich im kleinen Bioladen ertragen musste, wie am Samstag vor Ostern die einzige Verkäuferin die Schlange der Gutmenschen abarbeitete, die standen, um 70 Gramm Schafsgouda, 300 Gramm Südtiroler Schinken hauchdünn geschnitten und 14 Oliven zu kaufen, während ich nur drei Brötchen wollte.
Jetzt sind viele kleine Läden platt und die Supermärkte sind da. Und weil Bio auch im Zusammenhang mit unfairen Arbeitsverhältnissen und ebensolcher Bezahlung etwas mit Selbsterfahrung zu tun hat, muss man den Einkauf als eine Art Workshop zur Ich-Findung verstehen. Also auf Seiten der Verkäufer und Verkäuferinnen. Ich habe mein Ich ja schon vor Jahren entdeckt und muss dafür gar nicht mehr in den Supermarkt gehen. Anders als diejenigen, die dort arbeiten und ihr Tun als eine Art Reise zu sich selbst verstehen, das mit viel Ruhe und Gelassenheit entdeckt werden will.
Du, liebe Full-Speed-Verkäuferin, bist da ganz anders. Du schaffst es, nach der Bestellung eines Stücks "Sternschnuppe" beherzt den Käse zu greifen, ihn mit wenigen Griffen aus der Folie zu befreien, statt mit sanftem Blick zu schauen, ob der Käse vielleicht von allein aus der Theke kommt, um im Anschluss an das Herausnehmen mit zarten Fingern die Folie zu lösen, ohne das Risiko einzugehen, sie zu verletzen. Du schaffst es, den Käse entschlossen vor dir hinzulegen, um mit einem beherzten Druck auf das Messer ein Stück herunterzuschneiden, statt ihn ein paar Mal zu drehen, um zu sehen, wo sich die Schneide am besten ansetzen lässt, um dann erst mal die Haare hinters Ohr zu streichen und noch einmal bewusst zu atmen, bevor dann ein Stück abgetrennt wird, das immer zu klein ist. Du musst auch nicht den Käse zurück in die Folie streicheln, um ihn anschließend behutsam zu seinen Freunden zu legen. Und, auch das rechne ich dir hoch an, du weißt, wo bei der Waage die Tasten sind!
Kassieren hat nichts mit Liebe zu tun
Für all dies schätze ich dich! Dafür, dass du das Kassieren nicht als Meditation vor Publikum verstehst und dafür, dass du, wenn dir mal ein Cent herunterfällt, bei der Gelegenheit nicht auch noch gleich ein Chakra suchst.
Für dich ist der Moment des Kassierens ein kapitalistischer Akt, der nichts mit Liebe zu tun hat, sondern mit Geschäft. Dein Blick und dein "Hallo!" sind kein Abtasten, ob unsere Seelen auf gleicher Welle senden, wir vielleicht Dualseelen sind oder ob unsere Engelsflügel sich berühren. Du fängst nicht an zu schielen, weil du unter meinem Haarwuchs das dritte Auge nicht entdeckst. Du guckst auf die Ware und ziehst sie über den Scanner. Ich danke dir dafür! Vor allem dafür, dass du diese Dinge mit der Geschwindigkeit eines Menschen verrichtest, der weiß, dass andere auch noch etwas vorhaben.
Bei all dem bist du auch noch fröhlich und lachst. Und wenn du sprichst, dann ist es ganz normal. Du senkst die Lautstärke deiner Stimme nicht auf das Level herab, auf dem du mit einem Vöglein reden würdest, dem du gut zusprichst, damit es wieder in den Käfig kommt, oder das man wählt, wenn man jemanden auf eine geführte Reise schickt. Und wenn man dir in deutlicher, schneller Sprache antwortet, dann muss man nicht die Befürchtung haben, dich aus einer Trance zu reißen und dir ein Trauma zuzufügen.
Das Einzige, was ich an dir auszusetzen habe, ist, dass du zu selten auftauchst. Vielleicht gibt es dich auch nur einige wenige Male und du hüpfst von Biosupermarkt zu Biosupermarkt, auf dass jeder Laden in Deutschland einmal in der Woche jemanden im Service hat, für den "Bio" und "Sportlichkeit" kein Widerspruch ist.
Dabei hast du es bestimmt nicht einfach. Sicherlich fühlst du dich manchmal ganz schön isoliert zwischen all den Menschen, die sich für Bio entschieden haben, weil es ihnen so viel mehr die Möglichkeit gibt, ihre Persönlichkeit zu erkunden, als etwa ein Drogeriemarkt. Vielleicht kannst du auch in der Pause nicht mitreden, wenn es um den Rebirthing-Malkurs geht oder darum, wie hell und warm es vorhin wurde, als das Kristallkind im Raum war.
Ich bin dir dankbar, dass du das aushältst und nicht aufgibst. Menschen wie ich brauchen dich. Wir sind auf dich angewiesen. Du bist unsere Verbindung in die Biowelt, unser Medium quasi. Wir sind nämlich auch für Bio, also dafür, die Welt zu verbessern, aber das bitte zack, zack!
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