Eine Kolumne von Silke Burmester
Wie Sie strampeln, wie Sie kämpfen, wie Sie sich einsetzen, Ihre "Normalität" zu verteidigen, das gefällt mir! Das beeindruckt mich! Und das, wo Ihnen der Wind des Neides aktuell so unnachgiebig um die Ohren weht! Alle wollen so sein wie Sie! Denn Sie sind deutsch, weiß, heterosexuell. In Ihrer Familie leben 1,6 Kinder. Sie essen 93 Kilo Obst im Jahr, haben 1,5-mal die Woche Geschlechtsverkehr und das Badezimmer, in dem Sie sich die Zähne putzen, ist 7,8 Quadratmeter groß.
Und jetzt fühlen Sie sich bedroht. Von allen Seiten kommen die, die anders sind, die mit den vielen dunklen Pigmenten, mit einem zu aufregenden Beruf, mit fünf aus irgendeinem Grund geborenen Kindern, mit keinem Auto, mit einem wilden, aufregenden Sexleben, eventuell auch noch schwul, obendrein ledig und alle, alle möchten so sein, wie Sie! Es ist, als kämen sie in vollen Booten über die Meeresenge zwischen der Heteronormierung und der Andersartigkeit angetuckert, sie hechten an Land und stehen nun vor Ihrer von einem großen Eisenzaun umrahmten Trutzburg, klammern sich an die Stäbe und rufen: "Wir wollen da rein! Wir wollen auch normal sein!"
Ja, das Bedürfnis nach Durchschnittlichkeit, Langeweile und Langweilern ist so groß in diesem Land, dass ich mich wundere, dass andere Parteien als die CDU/CSU und die FDP tatsächlich noch Stimmen bekommen.
Und Sie? Sie wehren diesen Ansturm ab! Sie sorgen dafür, dass alle, die der heterosexuellen Norm nicht entsprechen, draußen bleiben und eben nicht teilhaben an dem, was Ihr Durchschnittsdasein zwischen Squash, Ford Mondeo und "Wetten, dass..?" so ausmacht. Eine Maßnahme ist - Katherina Reiche von der CDU hat es letzten Sonntag bei Günther Jauch vorgemacht -, das Wort "Familie" nur für Vater, Mutter und die durch die beiden gezeugten Kinder gelten zu lassen. Andere Menschen, die auch Kinder haben, vielleicht weil der Storch sie, aus Afrika kommend, erschöpft abgeworfen hat, dürfen leider keine Familie sein. So, wie Migranten keine Deutschen werden sollen und Lesben und Schwule eben nicht normal sein dürfen.
Der Traum von Bürgerlichkeit und Anpassung
Dabei haben Sie, die Sie sich "normal" nennen, geplündert, wo es nur ging, um sich das rauszupicken, was Sie heute gut finden. Vor allem die Schwulen mit ihrer lustbezogenen Lebensweise waren gut genug, Ihnen den Weg zu weisen. Sie würden doch heute noch zu Chris de Burgh schwofen, wäre Frankie nicht mit Ihnen nach Hollywood gegangen und hätte Ihnen den Marsch in den Tanzarsch geblasen. Männer würden heute noch wie Honks rumlaufen, wäre durch die schwule Ästhetik das Wunder der Körperpflege jenseits des Waschlappens unter den Achseln nicht auch beim Hetero angekommen. Sie hätten sich noch Jahrzehnte mit Kurt Felix und Dieter Hallervorden durch den Abend gequält, wären Menschen wie Hella von Sinnen, Thomas Hermanns, Lilo Wanders und natürlich Dirk Bach nicht bereit gewesen, für die bösesten aller Pointen ihren Hintern zu verkaufen. Und erst die Klamotten! Nennen Sie mir einen maßgeblichen Designer, dessen Billigkopie Sie bei H&M kaufen, der nicht homosexuell ist!
Nein, Sie haben gepickt, gesammelt, gemopst und genommen, um den Status quo der Normalität immer wieder anzufeuchten und so vor der Austrocknung zu bewahren. Und nun kommen Sie und wollen keinen in Ihren Club reinlassen, der Ihrer Drögheitsnorm nicht entspricht? So viel Ignoranz finde ich mutig! So viel Unverfrorenheit nötigt mir Respekt ab!
Sie merken schon - für mich ist es ein Rätsel, dass jemand so sein möchte, wie Sie. So verheiratet. So Mann-Frau-Kinder-Eigenheim, so ordentlich angezogen und unauffällig gefällig seine Arbeit verrichtend. Und dennoch verstehe ich, warum so viele Schwule und Lesben den Traum von der Bürgerlichkeit träumen. Es ist der Traum der Anpassung. Davon, normal zu sein. Unterzugehen in der Menge. Etliche Lesben und Schwule sind nämlich gar nicht anders als Sie. Die sind genauso öde, bürgerlich und spießig wie Sie es sind! Während der gesamten Diskussion tun Sie, als wolle man Ihnen etwas wegnehmen. Blödsinn! Es wird keine Heterohochzeit weniger geben, nur weil die Schwulen heiraten dürfen. Und kein Heteroblag wird weniger geboren, nur weil Homosexuelle Kinder bekommen.
Keiner will Ihnen etwas wegnehmen! Im Gegenteil: Die Homos möchten Ihnen etwas geben. Etwas dazutun. Die möchten sich quasi mit Ihnen vermehren. Langweilig und normal zu sein, ist für die das höchste Gut. Wenn das kein Kompliment für Ihre Lebensform ist, dann weiß ich auch nicht!
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