S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Ihr seid echte Silbersäcke

Leichte Mädchen, Luden und Hans Albers - daran denken viele Touristen, wenn sie St. Pauli hören. Ein paar Hamburger Kaufleute sorgen sich nun, dass das Rotlichtviertel so langsam sein verruchtes Image verliert und retten deshalb eine Kiez-Kaschemme vor der Abrissbirne. Schönen Dank!

Eine Kolumne von Silke Burmester


Liebe Hamburger Kaufleute, liebe Retter des Silbersack,

ich denke, ich spreche im Namen vieler Hamburger und Tausender Touristen, wenn ich Ihnen dafür danke, dass Sie den Silbersack gekauft haben. Jene nunmehr 63 Jahre alte Kneipe auf St. Pauli, in der schon Hänschen Albers seine Shantys sang.

Mit 88 Jahren war im Mai die Betreiberin, die legendäre Erna Thomsen gestorben, mit ihrem Tod die Konzession erloschen und der Laden dicht.

Das Hafenviertel St. Pauli, das Herz dieser sehr schönen Stadt, wurde schon vor Jahren den Organhändlern des Kapitalismus übergeben, seither kommen sie und weiden es aus. Für sie ist jede Straßenecke ein Filetstück. Sie zerlegen den Körper und verkaufen seine Einzelteile an jeden, der es sich leisten kann, hier Millionen zu investieren. Legendäre Orte wie die Heiße Ecke und die Esso-Häuser werden abgerissen, klinisch reine Apartments entstehen für Menschen, die die Arbeiterklasse nur aus dem Fernsehen kennen und sich beim Sex im Cabrio ein Handtuch unterlegen.

Die Seele von uns Fischköppen

Ein solches Schicksal drohte auch dem Silbersack. Und den Menschen, denen die schäbige alte Kneipe etwas bedeutet: Identität, Heimat, Echtheit. Das Grundstück ist sicher Millionen wert, die Erben wollten verkaufen.

Und dann, als man bereits die Abrissbirne vor dem geistigen Auge in die hellgelb geflieste Außenfassade rauschen sah, waren Sie, meine Helden, in Bierlaune und dachten sich, "Silbersack, fanden wir immer gut, kaufen wir!" Und kaufen heißt in dem Falle retten. Erhalten. St. Pauli ein Teil seines Gesichts zu bewahren. Aber auch zu helfen, das Pauli-Gesicht zu wahren, damit Touristen überhaupt noch irgendeinen Grund haben, dorthin zu reisen. Denn so, wie sich die Reeperbahn heute präsentiert, sieht sie kaum anders aus als irgendeine große Amüsiermeile in irgendeiner Großstadt, in irgendeinem Land dieser Welt.

Aber Sie meine Helden, haben Herz bewiesen! Haben uns etwas erhalten, das mit Seele zu tun hat. Auch mit der Seele von uns Fischköppen.

Und wissen Sie, was mir am besten gefällt? Etliche von Ihnen, 20 sind Sie insgesamt, von der Presse erst als "Hamburger Kaufleute" tituliert, sind "Immobilien-Größen", wie das "Hamburger Abendblatt" Sie mittlerweile nennt. Arbeiten in den großen Firmen, die die Gentrifizierung - die Umwandlung traditioneller Bezirke mit günstigen Mieten in Nobelquartiere - vorantreiben. Sie, die sie keine Skrupel haben, ganze Straßenzüge aufzukaufen, Mietshäuser in Eigentum umzuwandeln und für den wenigen Mietwohnraum Preise zu verlangen, die keiner aufbringen kann, der nicht so ist wie Sie, haben die Chuzpe, davon zu sprechen, dass das Herz von St. Pauli erhalten bleiben müsse. Dass der Silbersack hier hingehöre und St. Pauli nicht mehr St. Pauli wäre, gäbe es den ranzigen Schuppen nicht mehr. Weil der Laden mit seiner Jukebox und dem billigen Astra für Ihre Jugend steht, weil Sie eine emotionale Bindung haben, sind Sie aktiv geworden. Sie haben die "Freunde des Silbersack GmbH & Co. KG" gegründet - eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung.

Ich frage mich, wie das weitergehen soll. Der Silbersack bleibt also in dieser von Ihnen vorangetriebenen Umwandlung St. Paulis in ein Eldorado für Schicke erhalten. Eine Art Freilichtmuseum, an dem die Touristen ablesen können, wie es war, bevor Leute wie Sie alles kaputtgemacht haben.

Was, frage ich Sie, kommt als nächstes? Eine Art "City Wildlife Fund", in dem Bürger Teile ihrer Stadt aufkaufen, damit sie in ihrer menschenfreundlichen Form erhalten bleiben? So, wie man ein Stück Regenwald kauft, damit die großen Firmen nicht alles abholzen?

Wie gesagt, verehrte Immobilien-Größen, Sie sind für mich die Helden dieser gentrifizierten Gegenwart. So viel Bigotterie, so viel Zynismus zu zeigen - das muss man sich erst einmal trauen.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
spontifex 05.08.2012
1. Ruf ruiniert
Zitat von sysopSamuel Zuder Leichte Mädchen, Luden und Hans Albers - daran denken viele Touristen, wenn sie St. Pauli hören. Ein paar Hamburger Kaufleute sorgen sich nun, dass das Rotlicht-Viertel so langsam sein verruchtes Image verliert und retten deshalb eine Kiez-Kaschemme vor der Abrissbirne. Schönen Dank! http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,848158,00.html
Es ist eben alles relativ.
Layer_8 05.08.2012
2. lol
Zitat von sysopSamuel Zuder Leichte Mädchen, Luden und Hans Albers - daran denken viele Touristen, wenn sie St. Pauli hören. Ein paar Hamburger Kaufleute sorgen sich nun, dass das Rotlicht-Viertel so langsam sein verruchtes Image verliert und retten deshalb eine Kiez-Kaschemme vor der Abrissbirne. Schönen Dank! http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,848158,00.html
Manchmal gibts dort auch "authentisches". Hans Albers Platz, rechts neben der Davidswache, ein Stückchen hoch laufen und dann nach links in die Herbertstraße. Ehefrauen müssen da draußen bleiben. Das sag ich jetzt als Exilbadener, wohnhaft in Berlin :D
nesmo 05.08.2012
3. So snakt nur
der/die keine Ahnung hat. Die Pfeffersäcke wollen wirklich den Silbersack erhalten, hauptsächlich aus Nostalgie, aber wie immer bei Pfeffersäcken, weil ihre anderen Grunstücke den Charm des (halb-) alten St. Paulis brauchen und langfristig ihnen das Grundstück erhalten bleibt. Die fühlen sich wirklich als Retter, weil normalerweise immer auf St. Pauli abgerissen und damit mehr Geld verdient wird. Retten ist Retten, entscheidend ist was am Schluss rauskommt, gerade auf St. Pauli.
catcargerry 05.08.2012
4. Schwarm-Ahnung
Zitat von nesmoder/die keine Ahnung hat. Die Pfeffersäcke wollen wirklich den Silbersack erhalten, hauptsächlich aus Nostalgie, aber wie immer bei Pfeffersäcken, weil ihre anderen Grunstücke den Charm des (halb-) alten St. Paulis brauchen und langfristig ihnen das Grundstück erhalten bleibt. Die fühlen sich wirklich als Retter, weil normalerweise immer auf St. Pauli abgerissen und damit mehr Geld verdient wird. Retten ist Retten, entscheidend ist was am Schluss rauskommt, gerade auf St. Pauli.
So haben Sie beide Recht: Silke Burmeister mit dem nachvollziehbaren Hinweis auf den Zynismus der Immobilisten und Sie bestätigen die Autorin, indem Sie die Motive der Herren richtig ausführen. Was Haupt- und Nebensache für den Club ist, kann sich jeder selbst "aus-rechnen".
papayu 05.08.2012
5. Schade, wirklich schade.
Ehrlich, mit kommen die Traenen, was aus der Reeperbahn geworden ist. Nichts ist mehr da von frueher. Ich bin am Holstenwall zur Schule gegangen, Schwimmunterricht im Wellenbad neben der Davidswache. Mutprobe, durch die Herbertstrasse mit Schulranzen rennen! Und spaeter dann die Gaeste auf die Reeperbahn fuehren, der Hamburger ging da nicht hin!!! Im Kaffee Kaese nach Interessentinen gucken, wir waren aber zu jung zum zum. Die Beatles waren zwar auch schon da, aber wurden kaum wahrgenommen. Der Circus entstand viel spaeter. Na ja, die Seeleute haben ja auch kaum noch Landurlaub. In meiner Jugendzeiten lagen die Frachter mindestens eine Woche an den Schuppen. Mit den Containerschiffen sind es nur noch Stunden. Und der FC St. Pauli mit seinen Spielern, die Catcher im Zelt davor. Haenschen Apel hiess einer der Spieler vom FC. einer seiner Arme war am Ellbogen amputiert und trotzdem war er ein guter Spieler. Schade, aber alles aendert sich. Die Glasfassaden ueberall. kein Herz mehr, aus vorbei: DAS HERZ VON ST. PAULI. Es ist nicht mehr mein Hamburg, dass ich vor 50 Jahren verliess.
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