S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Auslaufmodell Adel

Eine Kolumne von Silke Burmester

Ist es nicht schön: Wenn übermorgen Willem-Alexander seiner Mama Beatrix auf den Thron der Niederlande nachsteigt, ergeben sich die Medien ganz dem Rausch der Bilder. Dabei hat der Adel doch heute eigentlich gar keine echte Bedeutung mehr!

Hallo Adel!

Kennst du das Gefühl, zu meinen, du seist überflüssig? Nicht zu wissen, was du sollst in dieser Welt? Keine richtige Aufgabe zu haben? Das Gefühl, den anderen auf der Tasche zu liegen? Und an den ganz schlimmen Tagen auch noch zu denken, du seist an allem schuld? An dem Elend in der Welt. Was ja auch kein Wunder ist, dass du so denkst, schließlich stammst du aus einer Linie von Menschen, die viel Elend über andere gebracht haben. Weil sie sich für was Besseres hielten und meinten, das Recht zur Unterdrückung zu haben.

Das aber, das Karussell der Schuld, das dreht sich nur an den ganz dunklen Tagen. An solchen der mittelprächtigen Sinnkrise kommst du ohne Schuld und Sühne aus. Aber auch die anderen trüben Gedanken sind grau genug, um nicht zu wissen, warum man morgens aufstehen sollte und zu denken, eigentlich sei doch alles sinnlos. Dann drehst du dich noch mal um, steckst den Kopf in die seidenen Laken und presst das ein oder andere Tränchen raus, das in der Satinbettwäsche nicht so richtig versickern will, schluckst eine Valiumtablette und hoffst, dass morgen alles besser ist.

Und ja, lieber Adel, morgen ist alles besser! Beziehungsweise übermorgen, denn dann ist der große Tag von Willem-Alexander, der seine Mutter auf dem niederländischen Thron ablöst! Eine Krönung steht auf dem Programm und die wird von so viel Brimborium begleitet, dass alle was davon haben.

Mussten die europäischen Königshäuser nach dem Zweiten Weltkrieg eine Aufmerksamkeits- und Bedeutungsflaute hinnehmen, nicht zuletzt, weil es nicht viele Medien gab, kaum Papier und auch der Strom floss nicht immer in vollen Zügen, hat man heute das Gefühl, die Medien hätten es sich zur Aufgabe gemacht, deinem alten Vertriebsmodell die Existenzberechtigung zu liefern. Kaum steht bei dir im Hause eine Hochzeit an, ein Jubiläum, eine Thronbesteigung, springen dir Fernsehen und Co. zu Hilfe und inszenieren etwas, das ansonsten tot wäre: das Märchen. Wie bei Dornröschen oder Aschenputtel werden Frauen aus der Starre des Wartens durch den Prinzen erlöst, wie bei Schneewittchen können wir den alten Hexen der Macht zusehen, wie sie versuchen, die weibliche Konkurrenz, die Königinnen der Herzen, zu meucheln.

Wie im Märchen werden aus Mägden Prinzessinnen

Und wie im Märchen werden aus einfachen Burschen Prinzen und aus Mägden Prinzessinnen, die zunächst viele Kinder gebären, später aber dann, wenn die alte Monarchin müde ist, selbst zur Königin aufsteigen. Das Ganze wird begleitet von goldenen Kutschen und Salutschüssen und anstatt, dass denkende Menschen sagen, wir sind doch nicht im Legoland, Adel ist ein Konstrukt ohne Berechtigung, wir haben doch noch alle Tassen im Schrank und machen den Quatsch nicht mit!, holen sie ihre Kameras heraus, brezeln ihre Moderatorinnen auf und schicken die Bilder des Schauspiels nach Hause, auf dass die Inszenierung eine für alle werde.

Das klappt so gut, dass am Ende die Menschen denken, "Adel" wäre tatsächlich etwas Besonderes, adelige Menschen wären tatsächlich andere. Erhabenere, bessere. Dass das kompletter Blödsinn ist, dass es kein "blaues Blut" gibt, ist völlig aus dem Blickfeld geraten. Wir haben uns nur schlicht darauf geeinigt, so zu tun, als ob es so wäre und so zu tun, als wenn ein Königinnen- oder Königstatus etwas von Gott Gegebenes wäre, anstatt ein Konstrukt von unseren Gnaden.

Die Medien ergehen sich ganz in dem Bilderrausch und sind dankbar für jeden einzelnen Tag, an dem ihnen deine Adelsstatisten zur Verfügung stehen. Was wäre es für eine Mühe, wenn man sich tatsächlich mit der Welt auseinandersetzen müsste? So aber repetieren sie das Gesellschaftsbild, das die Brüder Grimm in die Haushalte getragen haben und unsere Gesellschaft in ihren Angeln hält: Die Frauen (Letizia Ortiz Rocasolano, Mette-Marit Tjessem Høiby, Mary Donaldson, Kate Middleton, Máxima Zorreguieta) sitzen in oft fernen Ländern herum, puzzeln so vor sich hin, bis ihnen der Prinz begegnet. Der kriegt ob der Wahl einer Bürgerlichen mit seinen Eltern Ärger, setzt sich aber durch, und holt die schöne Maid heim in das Reich, das eines Tages seins sein wird. Man feiert eine wunderbare Hochzeit, zu der das Volk Fahnen schwingt und die Bürgerliche wird eine Prinzessin. So wunderschön natürlich, dass ihr das Volk zu Füßen liegt. Ihren Beruf gibt die Prinzessin nun auf, dafür kümmert sie sich um Alte und Kranke.

Gemeinsam wartet das junge Paar in vollendeter Geduld darauf, dass König oder Königin abdanken und sie diejenigen sein können, die zu sein, sie bestimmt sind. Und während sie darauf warten, magert die Prinzengattin bis auf die Knochen ab und gebärt möglichst viele Kinder.

Und du, Adel, hast eine Sinnkrise?

Am Ende, so nach 30, 40 Jahren kommt heraus, dass er als König eine Geliebte nach der anderen hatte. Und wir, die Zuschauer, schließen aus dem verkniffenen Gesicht, mit dem die Königin zu öffentlichen Anlässen immer noch neben ihm steht, dass es bei ihr nicht so war.

Auch darüber berichten die Medien und auch damit zementieren sie das Rollenbild, das unserer Gesellschaft so wunderbar im Gleichgewicht hält. Ein Rollenbild, das in Mädchen den Wunsch verankert, hübsch zu sein, damit einer kommt und sie Prinzessinnen werden können, denn dann ist aller Sorge Ende. Und das Männer noch immer in der Haltung belässt, sie müssten der Held sein und was bieten können. Und wenn schon keine Ländereien, dann wenigstens Muskeln.

Und du, Adel, hast eine Sinnkrise? Weil du dich so alt und überflüssig fühlst?! Mann, Adel! Merkst du denn nicht, wie wichtig du bist?! Die letzte Bastion an Halt und altmodischem Weltbild. Wer, wenn nicht du, soll dafür sorgen, dass Menschen sich klein fühlen und bewundernd zu Anderen aufschauen? Dass sie meinen, von geringem Wert zu sein? Wer wenn nicht deine weiblichen Protagonistinnen soll den Mädchen vormachen, dass Märchen wahr werden können? Wer wenn nicht du, kann den Männern vorleben, wie schön es ist, Oldtimer zu sammeln und sich die Fortführung eines Geschlechts auf die Fahne schreiben zu können? Tradition zu bewahren. Werte zu sichern.

Adel, schau dir den zukünftigen König der Niederlande an, Prinz von Oranien-Nassau, Jonkheer van Amsberg, Graf von Katzenelnbogen, Graf von Vianden, Graf von Diez, Graf von Spiegelberg, Graf von Buren, Graf von Leerdam, Graf von Culemborg, Marquis von Veere und Vlissingen, Baron von Breda, Baron von Diest, Baron von Beilstein, Baron der Stadt Grave und des Cuyker Landes, Baron von IJsselstein, Baron von Cranendonk, Baron von Eindhoven, Baron von Liesveld, Erb- und Freiherr von Ameland, Herr von Borculo, Herr von Bredevoort, Herr von Lichtenvoorde, Herr von 't Loo, Herr von Geertruidenberg, Herr von Klundert, Herr von Zevenbergen, Herr von Hoge und Lage Zwaluwe, Herr von Naaldwijk, Herr von Polanen, Herr von St. Maartensdijk, Herr von Soest, Baarn und Ter Eem, Herr von Willemstad, Herr von Steenbergen, Herr von Montfort, Herr von St. Vith, Herr von Bütgenbach, Herr von Dasburg, Erbburggraf von Antwerpen, also Willem-Alexander. Der macht nicht so ein Gewese und fragt, was das alles soll. Der liegt zwar auch anderen auf der Tasche und seine Familie hat in Bezug auf die Kolonialisierungswut der Niederländer auch viel Schuld auf sich geladen, aber der stellt sich seiner Verantwortung, die Show am Laufen zu halten.

An dem kannst du dir ein Beispiel nehmen. Sicher, nicht jeder hat das Glück, ausgerechnet König von Kifferlande zu werden, aber wie gesagt, wer, wenn nicht du...

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insgesamt 105 Beiträge
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1. Selbstentzauberung
artemis1 28.04.2013
Mittlerweile denke ich, die heutigen Königshäuser, insbesondere die jüngere Generation, unterscheidet sich in nichts von Hollywood-Promis & Co, keine sinnvolle Aufgabe, viel Geld, zu viel Urlaube und sehr gewöhnliche Biografien. Durch die starke Medienpräsenz wird die Sinnlosigkeit dieses Daseins extrem deutlich und bei vielen Untertanen regt sich Protest, es ist einfach nicht mehr nachvollziehbar, warum diese Leute Privilegien genießen dürfen, ohne sie verdient zu haben, in Zeiten, in denen es sehr vielen Menschen, man denke an GB und Spanien, sehr schlecht geht und so bezweifele ich stark, dass ein ehemaliger Fitnesstrainer, Duchess Doolittle, "ich esse nix"Letitia usw. künftig eine Rolle spielen werden.
2. Genauso...
eigendenk 28.04.2013
... Könnte man einen Artikel über den Bundespräsidenten und etwa 90 % der Politiker schreiben die auf Kosten des Steuerzahlers schmarotzen. Im Gegensatz zu gauck, Merkel und den anderen Konsorten sind Willem und Maxima wenigstens nett anzusehen.
3. Wozu das Geseiere?
dröhnbüdel 28.04.2013
Liebe Frau Burmester, der Sinn Ihres Artikels bleibt für mich im Dunkeln. Was soll das Adels-Bashing? Ich kann die Gesichter auf den Titelseiten der Yellow-Press auch nicht mehr sehen, aber ich muss die Blättchen nicht lesen und mir das Königs-Brimborium im Fernsehen auch nicht ansehen. Die Mehrheit der Deutschen soll sich statt des Bundespräsidenten wieder ein Königshaus wünschen, habe ich neulich gelesen. Was ist dabei? Einer muss den Job des Grüß-Augusts schließlich machen, warum nicht ein König? Wirklich andere wichtige Funktionen haben die Monarchen in den Niederlanden, Spanien, Skandinavien und Großbritannien zum Glück nicht. Wir Deutschen könnten uns einen König oder gar Kaiser aber immer noch nicht leisten, weil der letzte Regent ein viel zu mächtiger Hohlkopf war und mit seinem Geldungsdrang unser Land und dazu fast die ganze Welt in Brand gesteckt hat. Aber warum sollen wir dann unseren Nachbarn ihre Könige, Prinzen und Prinzessinnen nicht gönnen? Wir sind doch immerhin so fortschrittlich, dass es bei uns entgegen dem Anschein in den bunten Blättchen seit 1918 keine Fürsten, Gräfnnen, Prinzen mehr gibt, die Titel sind nur noch Bestandteil des Familiennamens.
4.
Wunderläufer 28.04.2013
Zitat von eigendenk... Könnte man einen Artikel über den Bundespräsidenten und etwa 90 % der Politiker schreiben die auf Kosten des Steuerzahlers schmarotzen. Im Gegensatz zu gauck, Merkel und den anderen Konsorten sind Willem und Maxima wenigstens nett anzusehen.
Sehe ich gar nicht so: Mekrel und Co wurden auf Zeit gewählt; die sog. Blaublüter nehmen ihre Funktion durch Geburt in auf Lebenszeit ein. Dabei wird ein kompletter Clan auf Steuerkosten durchgefüttert, nicht nur eine Einzelperson Letztendlich sehe ich europäischen Adel (=Edel) heute auf einer Stufe mit Disneyland in den USA
5. wobei man
sitiwati 28.04.2013
sagen muss, das Volk oder vielmehr der Pöbel jubelt einigen Schmarotzern zu, deren Vorfahren es, das Volk, wie Dreck behandelt haben, aber ich denke, wir Menschen brauchen den Glanz-obs in Rom/Vatikan oder in den Königshäusern ist, früher lenkte es von dem schäbigen Dasein ab und heute braucht man Gesprächsstoff beim Friseur und den Klatschspalten!
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