S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Ein Tag Arbeit, 65.147 Euro

Bescheidene Manager - wo gibt's denn sowas? VW-Chef Martin Winterkorn will die 20 Millionen Euro, die ihm als Jahressalär zustehen, nicht haben. Ach, könnte der gute Mann doch auf windige Banker und gierige TV-Moderatoren einwirken!

Bravo, Herr Winterkorn!

Sie hätten, so sehen es die VW-Vergütungsregeln vor, für das Jahr 2012 ein Anrecht auf ein Gehalt von 20 Millionen Euro. Sie sind der Chef von VW und zu Ihrem Jahressalär von rund zwei Millionen Euro addieren sich diverse Boni und Erfolgszulagen. Und da Sie mit Ihrem Konzern im letzten Jahr äußerst reich an Erfolg waren, stehen Ihnen nun rund 20 Millionen Euro zu. Und was sagen Sie? Will ich gar nicht haben. Lasst mal stecken.

20 Millionen Euro Gehalt - das wäre "den Menschen sicherlich nicht mehr zu vermitteln". Und recht haben Sie! Warum, wofür sollte ein einzelner Mensch für 365 Tage 20 Millionen bekommen? Zumal, wenn zwei Millionen doch reichen, um ein Leben in Wohlstand zu führen?

2011 haben Sie von VW 17 Millionen bekommen. Auch diese Summe lässt sich über das Prinzip "Arbeitszeit" oder "Leistung" nicht so recht vermitteln. Zumindest mir nicht. Und bei der Vorstellung, dass Sie für zwei Jahre 37 Millionen bekommen - bei diesem Gedanken brennen die Schaltungen in meiner Hirnzentrale für Vermittlung schlichtweg durch.

Aber egal, ich will nicht erbsenzählerisch werden, weil ich auf der ganzen VW-Linie ein Vermittlungsproblem sehe, ich will Sie loben. Dafür, dass Sie sagen: Halt, stopp! So viel Geld möchte ich nicht haben! "Bei allem Erfolg des Konzerns können die Steigerungen nicht ins Uferlose weitergehen", stellen Sie fest. Und mit der Erkenntnis, dass sich ein solches Einkommen "den Menschen sicherlich nicht mehr vermitteln" ließe, damit drücken Sie aus, dass so ein Gehalt unanständig und obszön ist. Zumal "die Menschen" ja all diejenigen sind, die auch wie hulle arbeiten und durchschnittlich etwa 40.000 Euro im Jahr verdienen. Was 15.000 Euro weniger sind, als Sie für 24 Stunden kassieren. Für einen Tag im Jahr bekommen Sie nämlich 54.795 Euro. Zumindest, wenn man 20 Millionen durch 365 teilt. Zieht man Weihnachten, Neujahr, Ostern und die Sonntage ab - Manager arbeiten ja mehr als das gemeine Volk, deshalb bleiben Pfingsten, der 1. Mai und die Sonnabende enthalten - sind es 65.147 Euro. Am Tag.

Reden wir über Umverteilung

Sie sollen Katholik sein, habe ich gelesen, und vielleicht hat es ja doch etwas genützt, wenn der Papst, dieser Inbegriff gelebten Verzichts und Enthaltsamkeit, die Menschen zur Mäßigung aufruft. Bei vielen Glaubensanhängern hat Gottes Gesandter an dieser Stelle ein Vermittlungsproblem. Ihre Ohren sind hingegen offen, und so gehen Sie davon aus, dass dank Ihrer Bescheidenheit Ihr Gehalt 2012 geringer ausfallen wird als die 17 Millionen 2011. Werden es nur 16,2 Millionen sein? 15? Oder gar nur 12? Aber auch in diesem Fall der Selbstkasteiung müssen Sie und ihre Familie sonntags nicht auf Fleisch verzichten.

Nun ist das Tolle an Ihnen Ihre Vorbildfunktion. Dass Sie im monetären Potenzvergleich der letzten Jahre einer der Champions waren und sogar den unbeliebten Herrn Ackermann in die Schranken weisen konnten, hat Ihnen eine Menge Respekt und Sympathien eingebracht. Und so möchte ich an Sie, meinen Helden des Verzichts, appellieren, Ihre Philosophie der Vermittelbarkeit bzw. der Unvermittelbarkeit von Maßlosigkeit an Ihresgleichen weiterzugeben.

Zum Beispiel an Ihre Managerkollegen, die auch alle mehr als zehn Millionen Euro im Jahr beziehen. An jene Banker, die mitverantwortlich für die Wirtschaftskrise sind und sich dennoch Boni auszahlen lassen. Und an die Banker, die auf Nahrungsmittel zocken. Auch sollen Sie die Geschäftsführung von Gruner+Jahr stellvertretend für etliche andere Firmen ins Gebet nehmen, die ein zuletzt glückloses Vorstandsmitglied mit fünf Millionen Euro abfindet, aber den Angestellten, die sie rausschmeißt, anfangs nicht einmal ein Monatsgehalt pro Jahr Betriebszugehörigkeit zahlen wollte.

Sie sollen über Maßlosigkeit mit reichen, satten Unternehmern sprechen, mit manchem Politiker und Fernsehmoderator. Oder reden Sie doch gleich mit denen über Umverteilung. Darüber, das Mehr-als-nötig denen zu geben, die weniger als nötig haben. Davon haben wir in dieser Republik genug. Kinder, die im Winter in Sommerkleidung herumlaufen, weil ihre Eltern keine Wintersachen kaufen können. Kinder, die nicht an Schulausflügen teilnehmen können, die nicht Schwimmen lernen, die zu Hause nur ab und zu was Warmes zu Essen bekommen. Frauenhäuser, die schließen müssen, Theater, Jugendzentren. Senioren, die Flaschen sammeln, um über die Runden zu kommen.

20 Millionen, Herr Winterkorn! 20 Millionen, was eine Zahl! Nehmen Sie die! Zwei Millionen behalten Sie, den Rest verteilen wir um! 18 Millionen für Menschen, die das Geld brauchen. Menschen, denen mit 1000 Euro die Welt gerettet ist! Medikamente gekauft, Kleidung, ein Kühlschrank. Kinder, die zum ersten Mal in den Urlaub fahren können, oder Familien, denen man mit 500 Euro Zuschuss monatlich die Stabilität geben kann, die sie brauchen, damit die Kinder "behütet" sind. Angebote für Jugendliche, damit die Nazis nicht die Einzigen sind, die Kids das Gefühl geben, in einer Gemeinschaft aufgehoben zu sein. Initiativen, die sich um das gesellschaftliche Miteinander kümmern und dem Gegeneinander etwas entgegensetzen. Die Lebensraum gestalten und Zusammenhalt herstellen.

Nehmen Sie die 20 Millionen, Herr Winterkorn! Bringen Sie sie dort hin, wo sie nützlich sind, zu denen die im Jahr mit weniger auskommen müssen, als Sie am Tag bekommen. Nicht nur, dass Sie dadurch ein noch größerer Held wären, auch das Problem, dass die Annahme dieser Summe Geldes "den Menschen" nicht zu vermitteln wäre, dürfte sich dann erledigt haben.

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insgesamt 163 Beiträge
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1. Sehr schöner Artikel.
trompetenmann 10.02.2013
Wie heißt es so schön: geben ist seliger als nehmen. Nun könnte man natürlich einwerfen, dass man im Besitz von 18 Millionen leicht auf weitere 20 Millionen verzichten kann. Geschenkt. Vielleicht gibt es ja irgendwann tatsächlich einen gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr sozialem Denken, zu mehr miteinander.
2.
agua 10.02.2013
Sie haben es mit diesem Artikel sehr schoen anschaulich auf den Punkt gebracht,den Wahnsinn unserer Gesellschaft,was das Verteilen von Vermoegen betrifft.Eigentlich kein Artikel zum Diskutieren,sondern fuer die,die soviel mehr haben,ein Artikel ,der die Betroffenen zum Nachdenken anregen sollte.
3. Abnehmender Grenznutzen
peeka 10.02.2013
Es gibt da die Theorie eines Professors, der meint, mehr als 60.000€ pro Jahr würde keinem Menschen etwas bringen. Auch wenn man davon ausgehen sollte, dass jemand Sicherheit im Alter sich erkaufen und ein paar Kinder zu erähren hat, wären die 2 Mio. sicherlich schon das Ende der Fahnenstange. Mehr Geld bringt nur Probleme - siehe der Dr. Oetker-Erbe, der entführt wurde. Nur warum beschränkt sich Frau Burmester bei ihrer Armutsbeobachtung wieder auf Deutschland? Die Gewinne macht VW in China und in anderen Schwellenländern. Also könnten sie auch dort in Schulen investieren. In der Hinsicht hat der Konzern in Mexico ja auch gar keinen so schlechten Ruf. Also bitte die 20 Mio. zurück in die Länder transferieren, in denen produziert wird.
4. Sie haben Recht,Frau Burmester,
cfweber 10.02.2013
aber (entschuldigen Sie bitte meine despektierlichen Nachfragen): 1. Wird Herr Winterkorn den Beitrag überhaupt lesen? 2. Und wenn er ihn (zufällig, oder nicht zufällig) liest, wie wird er entscheiden? 3. Und die anderen Manager - gleich wo sie arbeiten und wie hoch sie überbezahlt werden? 4. Und die Politiker? Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin weit entfernt vom Meckern. Ihr Beitrag ist richtig, notwendig aber: Was änderts am Universum? In unserer Welt, wo die Menschen eingeteilt werden in Prekariat auf der einen und VIP auf der anderen Seite? (VIP kann man auch werden als z. B. Weltmeister im Komasaufen, aber was nutzt das, wenn man nicht das Geld für den Alkohol hat...) In mir kommt eine gehörige Portion Fatalismus hoch angesichts meiner (und Ihrer? Unserer?) Ohnmacht... Einzig Kraft gibt mir nur Konfuzius mit seiner Weisheit "Es ist besser eine Kerze anzuzünden, als der Dunkelheit zu fluchen". Alles, was Sie ausgedrückt haben, unterschreibe ich aus vollem Herzen. Aber, wie gesagt, was änderts am Universum? Nur zu gern lasse ich mich eines Besseren belehren! Mit aufrichtiger Hochachtung Friedemann Weber
5. guter artikel
arvin 10.02.2013
Schöner Artikel über den sinnlosen Gehälter der Manager und Macher, dieser Republik. Im Grund genommen kann man doch mit 3000 - 5000 € im Monat super leben, oder? Und auf den dutzenden Galas und Benefizveranstaltungen wo sich dieses Volk ganzjährlich rumtreibt, kann man noch genüsslich umsonst saufen und fressen.
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